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Umweltpsychologe im Interview : Was bringt es der Welt, wenn ich auf einen Flug verzichte?

Eine gewisse Schizophrenie ist sicherlich dabei. Aber zum einen sind die Zahlen lange vor „Fridays for Future“ und der aktuellen Diskussion erhoben worden – mal sehen, ob man dadurch eine Veränderung beobachten wird. Zum anderen sind wir alle mit dem Paradigma des ewigen Wirtschaftswachstums aufgewachsen, das auf möglichst viel Konsum, Produktion und damit auch Ressourcenverbrauch ausgelegt ist. Das ist ein komplexes System, das dauert Jahre, bis wir messbare Verhaltensänderungen bekommen. Grundsätzliche Änderungen sind schwierig, solange alle weiter an den Wachstumsgott glauben. Aber in Industrienationen wie der unsrigen, das zeigen viele Studien, sind wir in einem Stadium angelangt, wo wir Wirtschaftswachstum nicht mehr mit einem größeren Wohlbefinden der Gesellschaft gleichsetzen können, mit einem besseren Leben. Das ist in Entwicklungsländern anders.

Friedrich Merz sah bei einigen Klima-Aktivisten gleich Systemgegner am Werk. Sie selbst kommen auch schnell auf den Kapitalismus, die Gewinnmaximierung et cetera. Müssen Klimaschützer die Systemfrage stellen?

Da kommen wir nicht herum, glaube ich. Es wäre vermessen und falsch, die Verantwortung für den Klimawandel oder den Kampf dagegen den Bürgern individuell in die Schuhe zu schieben. Natürlich sollten wir alle weniger ressourcenintensiv konsumieren, aber das geht nur innerhalb der existierenden Systemgrenzen. Wir brauchen also auf jeden Fall einen Systemwechsel.

Das hilft: Projekt „Break the Grid“. Die 3D-Drucker der dänischen Erfinder von GXN Innovation sollen als Unterwasserdrohnen kaputte Riffe flicken können

Zu welchem besseren System soll denn in Ihren Traumvorstellungen gewechselt werden?

Das mag überraschend klingen, aber in meinen Träumen wechseln wir tatsächlich in eine echte soziale, ökologische Marktwirtschaft, eine Wirtschaft also, die versucht, Nachhaltiges und Soziales zu integrieren, weg vom Turbokapitalismus oder Turbokonsum.

Der Club of Rome warnte schon 1972 vor den Grenzen des Wachstums. Aber das gilt immer noch als Allheilmittel für Wirtschaft und Gesellschaft.

Weil niemand mehr in Alternativen denken kann. Aber es gibt ja diese anderen Ideen und Theorien, Stichwort „Gemeinwohlökonomie“, „Wohlstand ohne Wachstum“ oder „Postwachstumsökonomie“. Meine Hoffnung ist, dass wir in naher Zukunft vielleicht eine neue Regierung haben, die das Bewusstsein für eine radikalere Nachhaltigkeit und eine Suche nach Alternativen stärker fördert. Ich will nicht zynisch klingen, aber vielleicht wird sich die Stimmung schnell ändern, wenn wir noch ein, zwei Dürresommer haben.

Gibt es für Ihre Traumwirtschaft ein funktionierendes Vorbild?

Leider nein – zumindest ist mir keines bekannt.

Was wirkt kurzfristig effektiver: individuelle Verhaltensänderungen oder die Veränderung des politischen Ordnungsrahmens?

Beides ist wichtig. Staatliche Regeln greifen nur, wenn die Betroffenen sie akzeptieren, sonst kann es zu Ausschreitungen kommen, wie man bei den „Gelbwesten“ in Frankreich gesehen hat. Es bedarf einer Verhaltensänderung basierend auf einer Bewusstseinsänderung, die durch die Politik gefördert wird. Und das sehe ich gerade überhaupt nicht, eher das Gegenteil: eine Politik, die verhindert, dass wir Möglichkeiten entwickeln, uns fern eines ressourcenintensiven Wachstumsprimats zu entfalten.

In der Klimadiskussion spielt das Thema Gerechtigkeit eine große Rolle. Die durch konsequente Maßnahmen möglicherweise entstehenden höheren Kosten – etwa beim Fliegen – seien ungerecht, diesen Umwelt- und Klimaschutz könnten sich nur elitäre Zirkel leisten. Was sagen Sie dazu?

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