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Umweltpsychologe im Interview : Was bringt es der Welt, wenn ich auf einen Flug verzichte?

Gerhard Reese ist Professor für Umweltpsychologie an der Universität Koblenz-Landau und Leiter des Studiengangs „Mensch und Umwelt: Psychologie, Kommunikation, Ökonomie“

Wann ändert man ein Verhalten, von dem man weiß, dass es schädlich ist, wirklich? Wenn es bessere Alternativen gibt, wenn man sich ein besseres Image verspricht oder durch Verbote und Vorschriften?

Das ist leider nicht so eindeutig, alle drei Faktoren zählen. Die Forschung zu sozialen Normen zeigt: Wenn alle um mich herum einen SUV fahren oder Vegetarier werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich dem folge. Uns ist wichtig, was Leute von uns denken, die uns wichtig sind. Handlungsalternativen spielen natürlich eine Rolle: Früher sind viele die Strecke Frankfurt–Köln geflogen, jetzt benutzen viele die Schnelltrasse der Bahn, das ist individuell immer auch eine Preis- und Bequemlichkeitsfrage. Bei Verboten versus Anreizen ist sich die Wissenschaft nicht einig darüber, was besser wirkt. Verbote können sinnvoll sein und funktionieren: Ende der siebziger Jahre wurde die Gurtpflicht schnell akzeptiert, weil alle sie eingesehen haben. Vor den strengeren Gesetzen zum Nichtraucherschutz wurde von manchen Seiten ein Kneipen- und Restaurantsterben heraufbeschworen, nichts davon ist passiert. Werden Verbote gut kommuniziert und umgesetzt, können sie durchaus helfen, neue Verhaltensnormen zu etablieren.

Vor ein paar Wochen ging nach dem Klimastreik ein Video durch die sozialen Netzwerke, das zeigte, wie ein einzelner SUV-Fahrer in seinem Wagen von Demonstranten beschimpft und verspottet wurde, er stand sozusagen am Pranger. Was bewirkt so eine moralische Verdammung der „Umweltsünder“?

Das ist auf jeden Fall kontraproduktiv, genauso wie die Aussagen der Deutschen Umwelthilfe nach dem furchtbaren SUV-Unfall in Berlin, alle SUVs müssten augenblicklich von der Straße. Diese Form des Aktionismus ist deswegen kontraproduktiv, weil er sofort moralisch argumentiert und persönlich angreift. Niemand hat Lust auf eine Gesellschaft, in der Leute laufend moralisch angeschwärzt werden. Beim Rauchen hat die gesellschaftliche Ächtung allerdings anders gewirkt: In den achtziger Jahren galten Zigaretten als völlig normal und vielleicht sogar cool, heute sind sie ziemlich verpönt.

Welchen Effekt hat die Beschwörung der Apokalypse von manchen Klimaschützern?

Leider gibt es noch keine Langzeitforschung, ob diese Beschwörung den Planeten retten wird (lacht). Ein Teil der Forschung sagt, dass die Menschen dadurch abstumpfen und diese Szenarien irgendwann einfach ignorieren. Ein anderer Teil weist allerdings darauf hin, dass die Dauerpräsenz dazu führt, diese Aspekte Teil unseres Alltags werden zu lassen, wodurch sich unser Bewusstsein ändern kann.

Wie überzeugen Aktivisten Zweifler und Zaudernde am besten? Was überzeugt nachhaltig?

Zaudernde kann man gegebenenfalls durch das unaufdringliche Vorleben von Alternativen motivieren, sogenannte Citizen-Science-Projekte können auch helfen, Menschen über Fakten abzuholen. Zweifler und Skeptiker wird man leider auch durch Fakten nicht überzeugen können.

Kürzlich wurden erstaunliche Zahlen über das Verhalten der Deutschen 2018 veröffentlicht: Es wurde mehr geflogen, es gab mehr dicke Autos, gerade sechs Prozent sind Vegetarier. Nur 37 Prozent der Befragten sehen Klimaschutz an erster Stelle – mehr als sechzig Prozent haben andere Prioritäten. Die heftige öffentliche Diskussion vermittelt einen anderen Eindruck. Sind wir alle schizophren?

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