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Mein Bruder dein Zwilling

Von LEONIE FEUERBACH, Fotos STEFAN RUIZ

6. Oktober 2020 · Entscheiden unsere Umwelt oder unsere Gene, wer wir sind? Die Geschichte zweier Zwillingspaare, die nach der Geburt getrennt wurden, sagt viel aus über diese Frage.

Unsere Umgebung oder unsere Gene? Was macht uns zu denen, die wir sind? Diese Frage gehört zu den spannendsten der Psychologie. Eine mögliche Antwort bahnte sich vor gut sieben Jahren in Kolumbien an, in einer Fleischerei in Bogotá, in der zwei Freundinnen für ein Grillfest einkaufen wollten. Während die eine in dem jungen Mann hinter der Theke William erkennt, den Cousin ihres Freundes, ist sich die andere sicher, dass es sich um ihren Bürokollegen Jorge handelt: die feinen Gesichtszüge mit der schmalen Nase, die weit auseinanderstehenden Augen mit den dichten Brauen.

Der Mann versichert, er sei William. Seine vermeintliche Kollegin hat er noch nie gesehen. Die fragt am nächsten Tag im Ingenieurbüro Jorge, ob er einen Zwillingsbruder habe. Ja, aber der sehe ihm überhaupt nicht ähnlich. Die merkwürdige Verwechslung geht den beiden Frauen nicht aus dem Kopf. Denn auch William, so finden sie schnell heraus, hat einen Zwillingsbruder, der ganz anders aussieht als er selbst. Das kann doch kein Zufall sein? Die Freundinnen beginnen zu recherchieren. Sie vergleichen Geburtsdatum und -ort von William und Jorge, Facebook-Fotos, sogar die Blutgruppe. Und sind sich irgendwann sicher: Der Arbeitskollege der einen und der Bekannte der anderen sind Zwillinge – genau wie ihre vermeintlichen Zwillingsbrüder Wilber und Carlos.

Carlos Alberto Bernal Castro und sein biologischer Zwillingsbruder Wilber Cañas Velasco
Carlos Alberto Bernal Castro und sein biologischer Zwillingsbruder Wilber Cañas Velasco
Jorge Enrique Bernal Castro und sein biologischer Zwilling William Cañas Velasco
Jorge Enrique Bernal Castro und sein biologischer Zwilling William Cañas Velasco

Was war geschehen?

Gut 30 Jahre zuvor war ein identisches Zwillingsbaby eines Zwillingspaars wenige Tage nach der Geburt mit einem ebenfalls eineiigen Zwillingsbaby eines anderen Paars vertauscht worden – wohl unabsichtlich von einer unaufmerksamen Krankenschwester. So entstanden zwei getrennt voneinander aufwachsende Zwillingspaare sowie zwei vermeintliche Zwillingspaare, die biologisch überhaupt nicht verwandt waren, aber in dem Glauben aufwuchsen, eineiige Zwillinge zu sein.

Das eine unechte Zwillingspaar – Jorge und Carlos – wuchs in der kolumbianischen Hauptstadt auf, das andere – William und Wilber – auf dem Land ohne Strom und fließend Wasser. Die Umwelteinflüsse auf die unechten Zwillingspaare hätten also kaum verschiedener sein können. Und somit ist es nicht bloß ein irrer Zufall, dass die Zwillinge nach der Geburt vertauscht wurden, sondern auch ein spannendes Experiment; perfekt geeignet, um den Einfluss von Genen und Umwelt auf den Menschen zu erforschen. Wären sich die biologischen Zwillinge viel ähnlicher als die Paare, die zusammen aufwuchsen, aber nicht verwandt sind, wäre das ein starker Hinweis auf die Bedeutung der Gene – und im umgekehrten Fall auf die der Umwelt.

Daran dachte natürlich keiner der vier jungen Männer, als ihre beiden Bekannten ihnen Fotos des jeweils biologischen Zwillings vorlegten. „Es war ein Schock“, sagt Carlos*. Jorge*, mit dem er in Bogotá aufgewachsen ist, sagt: „Als ich das Foto von William* sah, dachte ich: Vielleicht hat mein Vater weitere Söhne. Aber als ich dann William und Wilber* zusammen gesehen habe, wurde mir alles klar.“ Ein Videotelefonat mit allen vieren erfordert höchste Konzentration: Je zwei von ihnen sehen fast identisch aus, je zwei, die sich überhaupt nicht ähneln, sind Brüder. Jorge* erklärt: „Die zwei, die Brille tragen, sind die aus Bogotá" – also Carlos* und er. Was er nicht sagt: Die beiden Brüder aus der Hauptstadt übernehmen auch den größten Teil des Erzählens, während die Männer vom Land nur das Wort ergreifen, wenn sie explizit aufgefordert werden.


William Cañas Velasco
Lokalpolitiker, mit Wilber auf dem Land groß geworden

Alle vier erinnern sich noch gut an die Wochen nach dem Schock im Spätsommer 2014. Am schlimmsten war es für Carlos. Als Jorge ihm Fotos von Wilber* und William* zeigt, wird er wütend und stürmt aus der gemeinsamen Wohnung. Als er spät abends zurückkommt, weint er sich in den Schlaf. Er fürchtet, dass Jorge sich von ihm ab- und seinem biologischen Zwillingsbruder zuwenden könnte. Und er muss sich nicht nur damit abfinden, dass sein vermeintlicher Zwillingsbruder Jorge gar nicht mit ihm verwandt ist, sondern auch damit, dass er bei den falschen Eltern aufgewachsen ist: Er ist derjenige, der anders aussieht als der Rest der Familie. Das Leben in der Hauptstadt mit all seinen Möglichkeiten war eigentlich einem anderen bestimmt, ihm selbst eine Kindheit und Jugend in Armut, mit nur wenigen Jahren Schulbildung. Treffen will er Wilber und William nicht. „Du weißt nicht, was das für Leute sind“, sagte er zu Jorge. Sein vermeintlicher Bruder Jorge hingegen reagiert wie so oft völlig anders. Er ist am richtigen Ort bei seinen echten Eltern aufgewachsen und findet, dass jeder der vier einen Zwilling hinzugewonnen hat, ohne einen Bruder zu verlieren. Auf Facebook schreibt er: „Danke an das Leben und an Gott für meine beiden neuen Brüder Wilber und William.“

An das erste Treffen erinnern sich die vier, als wäre es gestern gewesen – dabei ist es in wenigen Tagen sechs Jahre her. Dann feiern die vier Einunddreißigjährigen „cumpleencuentro“, erzählen sie, ein Wortspiel aus den spanischen Wörtern für Geburtstag (cumpleaños) und Treffen (encuentro). Jorge und William hatten sich verabredet, Wilber kam mit. William zu sehen war ein intensives Gefühl, sagt Jorge. „Alle haben mir immer erzählt, dass ich komisch laufe“, sagt Jorge. „Aber erst als ich William gesehen habe, hab ich bemerkt, wie komisch: Mit den Füßen weit nach außen wie eine Ente.“ Noch intensiver aber war es für ihn, Wilber zu sehen, der Carlos wie aus dem Gesicht geschnitten ist. „Sich selbst sieht man ja nur frontal im Spiegel. Carlos aber sehe ich ständig aus allen Richtungen, beim Gehen, Reden, Gestikulieren. Und Wilber war einfach genau gleich.“ Die drei beschließen, zu Carlos zu fahren.

Jorge und William (links) sind eineiige Zwillinge, ebenso wie Carlos und Wilber (rechts). Zusammen aufgewachsen aber sind Jorge und Carlos (erster und dritter von links) sowie William und Wilber (zweiter und vierter von links).
Jorge und William (links) sind eineiige Zwillinge, ebenso wie Carlos und Wilber (rechts). Zusammen aufgewachsen aber sind Jorge und Carlos (erster und dritter von links) sowie William und Wilber (zweiter und vierter von links).

Der will erst die Tür nicht öffnen, lässt sch dann aber doch überreden. Wilber, Carlos‘ biologischer Zwillingsbruder, ist der letzte, der durch die Tür kommt. Carlos lacht nervös und vergräbt kurz sein Gesicht in den Händen, als er Wilber sieht. Die vier unterhalten sich bis spät in die Nacht. Sie finden heraus, dass Carlos ohne seinen biologischen Zwillingsbruder Wilber wegen seiner schwachen Konstitution wenige Tage nach der Geburt von einem Provinzkrankenhaus auf dem Land in ein besseres Krankenhaus in Bogotá gebracht und dort wohl mit William vertauscht worden ist.

Die Ereignisse überschlagen sich, als William den Fall der vier Brüder ins Fernsehen bringt – zur Freude seines biologischen Zwillings Jorge und zum Ärger der beiden anderen. Mit dem Fernsehteam fahren die vier gemeinsam aufs Land, in das Dorf La Paz im Bundesstaat Santander, wo William und Wilber aufgewachsen sind: eine arme, abgelegene Region, in der Rebellengruppen ihren Nachwuchs rekrutieren. Über den Fernsehbericht erfährt die amerikanische Psychologin Nancy Segal von der Geschichte und reist 2015 nach Kolumbien, um Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den echten und vermeintlichen Zwillingen zu untersuchen. Begleitet wird sie von einer kolumbianischen Psychologin und einer Reporterin vom „New York Times Magazine“. Segal, Professorin an der California State University in Fullerton, ist passionierte Zwillingsforscherin. Inwieweit unsere Neigungen, Talente und Einstellungen, unsere Intelligenz, politischen Einstellungen und Religiosität angeboren sind: Das fasziniert sie seit vielen Jahren.

Carlos Alberto Bernal Castro in La Paz, wo er eigentlich hätte aufwachsen sollen
Carlos Alberto Bernal Castro in La Paz, wo er eigentlich hätte aufwachsen sollen

Segal findet heraus: Die biologischen Zwillinge William und Jorge sind optimistisch, offen, meist gut gelaunt. Sie sind einander ähnlicher als ihren vermeintlichen Zwillingen Wilber und Carlos, mit denen sie aufgewachsen sind. Auch die biologischen Zwillinge Wilber und Carlos sind einander ähnlicher als ihren vermeintlichen Zwillingen. Sie haben nicht nur die gleichen dicken Lippen und die gleiche niedrige Stirn. Sie sind auch beide aufbrausender und zugleich ernsthafter als ihre vermeintlichen Zwillinge. Beide sind manchmal übellaunig und brauchen Zeit, um sich auf andere einzulassen. Sie haben ein besseres Rhythmusgefühl als William und Jorge und öfter mit Krankheiten zu kämpfen.

Selbst solche Aspekte der Persönlichkeit wie Phobien und Religiosität teilen die getrennt voneinander aufgewachsenen biologischen Zwillinge: William und Jorge sind religiöser als Wilber und Carlos. Wilber hat panische Angst vor Schlangen, sein biologischer Zwillingsbruder Carlos vor Mäusen – ihre vermeintlichen Brüder haben keine vergleichbaren Phobien. Tatsächlich zeigen Studien, dass Religiosität, Werte, Haltungen und auch Phobien genetisch beeinflusst sind; panische Angst vor Tieren sogar zu 37 Prozent.


Jorge Enrique Bernal Castro
Ingenieur, mit Carlos in der Stadt groß geworden

Segal interessiert aber nicht nur das Verhältnis, die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen den biologischen Zwillingspaaren – Jorge und William sowie Wilber und Carlos – und den vermeintlichen Zwillingen – Jorge und Carlos sowie William und Wilber. Auch eine dritte Dimension fasziniert sie, wie sie am Telefon erklärt: die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Jorge und Wilber sowie William und Carlos, die weder verwandt sind, noch miteinander aufgewachsen, aber quasi eine Kopie der vermeintlichen Zwillingspaare darstellen. Haben die „Kopien“ miteinander weniger gemeinsam als die beiden vermeintlichen Zwillingspaare, die miteinander aufgewachsen sind, ist das ein Argument für die Bedeutung einer geteilten Umwelt.

Und tatsächlich: Zwischen Carlos und William sowie Wilber und Jorge zeigen sich in Segals Untersuchungen die geringsten Gemeinsamkeiten.

So harmonisch die vier heute wirken, so schwer war die Zeit nach ihrem ersten Treffen. Die miteinander aufgewachsenen vermeintlichen Zwillinge Jorge und Carlos durchleben eine schwierige Phase, weil Carlos eifersüchtig auf das gute Verhältnis ist, das Jorge sofort zu seinem biologischen Zwillingsbruder William entwickelt hat. Dass es Jorge und Carlos sind, die von den beiden miteinander aufgewachsenen Paaren nach der Entdeckung der Verwechslung mehr Probleme haben, liegt wohl auch daran, dass es bei diesem Paar der ausgeglichenere, optimistischere Zwilling ist, der in der richtigen Familie aufwuchs, und der grüblerischere, manchmal jähzornige, der in der falschen Familie aufwuchs. Um Carlos seine Loyalität zu versichern, lässt sich Jorge etwa sechs Wochen nach dem ersten Treffen mit seinem biologischen Zwilling Carlos‘ Gesicht auf die Brust tätowieren – neben das seiner Mutter.

Jorge ließ sich das Gesicht von Carlos, mit dem er aufgewachsen ist, auf die Brust tätowieren – neben das seiner Mutter.
Jorge ließ sich das Gesicht von Carlos, mit dem er aufgewachsen ist, auf die Brust tätowieren – neben das seiner Mutter.
Jorge ließ sich das Gesicht von Carlos, mit dem er aufgewachsen ist, auf die Brust tätowieren – neben das seiner Mutter.

Ein anderer Konflikt lässt sich nicht so leicht beilegen: der zwischen William und Carlos, also den beiden Männern, die als Säuglinge miteinander vertauscht wurden. William, der gerne länger als bis zum elften Lebensjahr zur Schule gegangen wäre und damit zu kämpfen hat, dass ihm dies wegen einer Verwechslung verwehrt war, macht es wütend, dass Carlos zunächst behauptet, er wäre sicherlich auch Wirtschaftsprüfer geworden, wenn er auf dem Land aufgewachsen wäre. Es ärgert ihn auch, dass Carlos beim Besuch auf dem Land im kolumbianischen Nordosten unterkühlt auf die herzliche Begrüßung seiner biologischen Familie reagiert.

William selbst ist zutiefst traurig darüber, dass seine biologischen Eltern beide schon verstorben sind. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als sie in den Arm nehmen zu können. Carlos hingegen ist von der Situation überfordert. „Für die anderen war es merkwürdig, dass ich nicht geweint habe, als ich Anita getroffen habe“, sagt er heute. „Aber zum einen habe ich ja schon eine Mutter, und zum anderen war ich nervös wegen der Kameraleute.“ Seine biologische Mutter nennt er bis heute nicht Mama, dafür aber inzwischen Anita, das ist die Koseform von Ana.


Wilber Cañas Velasco
Fleischer, mit William auf dem Land groß geworden

Die biologischen Zwillinge hingegen nähern sich einander harmonischer an. Alle vier Männer haben ihrem biologischen Zwilling gegenüber direkt das Gefühl einer tiefen Vertrautheit, die keiner Worte bedarf, und die sie mit ihrem vermeintlichen Zwilling so nie empfunden haben. Fasziniert stellen sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede fest: Die in der Stadt aufgewachsenen Männer sind im Verhältnis größer. William kann die anderen drei locker im Armdrücken besiegen. Bald betrachten sich alle vier als Brüder.

Das ist es, was Nancy Segal jenseits ihres professionellen Interesses an den Kolumbianern begeistert: die natürliche Anziehung zwischen den biologischen Zwillingen und der Umgang aller vier miteinander und mit ihrer neuen Lebensrealität. Manche Zwillinge, die in der falschen Familie aufwachsen, würden depressiv, erzählt Segal. Die vier Kolumbianer und die noch lebenden Eltern hingegen machten das Beste aus ihrer Situation. Selbst William und Carlos, die am Anfang ein schwieriges Verhältnis zueinander hatten, weil William sich durch Carlos um das bessere Leben gebracht fühlte, das ihm qua Geburt zugestanden hätte, verstehen sich inzwischen gut.

Segals Begeisterung für den Fall der vier hält deshalb an. Sie macht weitere Untersuchungen mit ihnen. Ihrem Buch „Accidental Brothers“ soll bald ein Dokumentarfilm folgen.

William Cañas Velasco in der Fleischerei
William Cañas Velasco in der Fleischerei

Welche Rückschlüsse lassen sich aus der Geschichte der vertauschten Zwillinge ziehen? Sind wir durch unsere Gene determiniert? Ist unsere Umgebung dagegen bedeutungslos? Nein, sagt Nancy Segal. „Die Gene sind wichtiger, als man lange dachte. Aber es ist immer ein Zusammenspiel aus Genen und Umwelt, und es kommt immer darauf an, wie sich ein Gen in der Umgebung entfalten kann.“ Tatsächlich sind die biologischen Zwillingspaare nicht identisch: Im IQ-Test schneiden William und Wilber, die von ihrem abgelegenen Dorf eine Stunde zu Fuß zur Schule marschieren mussten, verhältnismäßig schlechter ab als Jorge und Carlos. Ein für Segal überraschender Befund: Sie hätte es nicht gewundert, wenn die biologischen Zwillinge identische Ergebnisse gehabt hätten. Doch offenbar konnte sich Williams genetische Veranlagung in der Umgebung, in der er aufwuchs, nicht gut entfalten. William geht auch öfter in die Kirche als sein biologischer Zwilling – womöglich, weil es ihn tief bewegt hat, zu erfahren, dass er nicht bei seinen biologischen Eltern aufgewachsen ist.

Und während Jorge zunächst dachte, er und sein biologischer Zwilling hätten denselben Frauengeschmack, bemerkte er bald, dass die Frauen vom Land, zu denen sich William hingezogen fühlt, in seinen Augen zu naiv sind. Wilber reist weniger gerne als die anderen drei. Er hat zwar so viel Talent zum Tanzen wie sein biologischer Zwilling Carlos, aber nicht dessen Selbstvertrauen und Übung, weshalb er sich auf Partys oft zurückhält. Und eine Vierer-Wohngemeinschaft scheiterte an Carlos, dem seine Individualität wichtiger ist als seinen drei Brüdern.

Die biologischen Eltern von Wilber und Carlos leben noch immer auf dem Land in Kolumbien.
Die biologischen Eltern von Wilber und Carlos leben noch immer auf dem Land in Kolumbien.

All das sind Befunde, die im Einklang mit Ergebnissen von Zwillingsstudien stehen, die mit Hunderten Teilnehmern über lange Zeiträume stattfinden und insofern aussagekräftiger sind als der faszinierende, aber natürlich nicht repräsentative Fall der vier Kolumbianer. Solche Zwillingsstudien vergleichen meist miteinander aufgewachsene eineiige und zweieiige Zwillinge. Weil eineiige Zwillinge 100 Prozent ihrer Gene teilen, zweieiige aber nur rund 50 Prozent der Gene, die zwischen Menschen unterschiedlich sein können, werden größere Gemeinsamkeiten der Eineiigen den Genen zugeschrieben. Diese Studien zeigen, dass es zwar kaum ein menschliches Merkmal gibt, das gar nicht genetisch beeinflusst ist. Während aber die Körpergröße zu 80 Prozent von den Genen abhängt, sind es bei politischen Einstellungen und Werten bloß um die 20 Prozent. Was außerdem oft untergeht, wenn von Prozenten die Rede ist: Ob nun das Gerechtigkeitsempfinden einer Person zu fünf oder 25 Prozent genetisch bedingt ist, lässt sich überhaupt nicht sagen. Die Prozentangaben beziehen sich ausschließlich darauf, wie viele der Unterschiede zwischen Individuen bei einem bestimmten Merkmal, etwa Body-Mass-Index oder Offenheit für neue Erfahrungen, mithilfe von Genen erklärt werden können. Hinzu kommt, dass „genetisch bedingt“ und „erblich“ nicht dasselbe bedeuten. Obwohl der IQ bis zu 75 Prozent erblich ist, sich Intelligenzunterschiede zwischen Menschen also zu diesem Anteil genetisch erklären lassen, bekommen Menschen mit hohem IQ nicht automatisch genauso intelligente Kinder – etwas, das Thilo Sarrazin immer wieder durcheinander bringt.

Und die Sache wird noch komplizierter, weil Gene und Umwelt auf komplexe Weise miteinander verwoben sind, wie Christian Kandler erklärt, Zwillingsforscher und Professor an der Universität Bremen. Ein Umwelteinfluss wie der, chronischem Stress ausgesetzt zu sein, sei auch von der genetischen Sensibilität gegenüber Stress abhängig. Umwelt und Gene ließen sich nicht addieren, sondern seien voneinander abhängig. Eineiige Zwillinge seien sich oft in den ersten beiden Lebensdekaden sehr ähnlich. Dann studierten sie womöglich in verschiedenen Städten, verliebten sich in verschiedene Menschen, die sie wiederum prägten – und ähnelten sich mit 40 weniger als mit 15.


Carlos Alberto Bernal Castro
Wirtschaftsprüfer, mit Jorge in der Stadt groß geworden. Er ist der biologische Zwilling von Wilber, aber mit Jorge in Bogotá bei den falschen Eltern aufgewachsen.

Die vier Kolumbianer haben viel über die Macht der Umwelt und die der Gene nachgedacht, angeregt von den Fragen Nancy Segals. Wie anders wären sie heute, hätten sie ihre Kindheit mit ihrem jeweiligen biologischen Zwillingsbruder an einem anderen Ort verbracht? Irgendwann haben sie aufgehört, sich diese Fragen zu stellen. Sie konzentrieren sich nun auf andere Dinge. Jorge ist zum Sprachrohr der vier Brüder geworden und trägt ihre Geschichte in die Welt. Er ist inzwischen verheiratet und hat eine Familie. Carlos widmet sich weiter seiner Karriere als Wirtschaftsprüfer, auf die er umso stolzer ist, seit er weiß, dass seine biologischen Eltern kaum lesen und schreiben können. Wilber managt inzwischen die Fleischerei, in der alles seinen Anfang nahm.

William hat die Begegnung mit seinem biologischen Zwillingsbruder Jorge Selbstvertrauen verliehen. Er hat die Fleischerei verlassen, ist kurz davor, einen Abschluss in Jura zu machen und ist in seinem Heimatort Lokalpolitiker geworden. Außerdem ist William Vater eines Jungen geworden. Als Taufpate hat er ausgerechnet Carlos ausgewählt, mit dem er bei der Geburt vertauscht wurde. Was für Psychologen ein faszinierendes Experiment ist, das ist für die vier Brüder zugleich viel mehr und viel weniger als das: ihr Leben.

Professor Kandler und die Universität Bremen sind auf der Suche nach Zwillingen, die bereit sind, an psychologischen Studien teilzunehmen.


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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 06.10.2020 10:35 Uhr