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Trauer im Internet : „Ich habe dann das Gefühl, dass sie ein bisschen weniger tot ist“

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Ein Stein gewordener Ort der Trauer: Engel auf dem Hauptfriedhof in Mainz. Heute kann auch die Timeline zur Gedenkstätte werden. Bild: Frank Röth

Längst nutzen Menschen die sozialen Medien auch, um einen Verlust zu teilen. Das macht den Tod sichtbarer – die Angehörigen allerdings auch verletzlicher.

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          Was bleibt von einem Leben? Manchmal bleibt, dass der letzte getätigte Einkauf ein Geschenk für den 1. Geburtstag der Enkelin war und es an der Tür bereit zur Übergabe stand. Und das ist doch auch etwas Schönes. Adieu, Papa.“ Das twittert Natascha Strobl Ende Juni für sich und ihre knapp 100.000 Follower. Dazu zeigt sie zwei Bilder. Eines zeigt ihren Hochzeitstag: Einige rausretuschierte Gesichter, nicht aber das ihres Papas, der schaut glücklich in die Kamera.

          Das andere Bild zeigt das Geschenk für die Enkelin – es ist eine Holzkatze mit Rollen. Ihr Vater ist gestorben, den Tag hat die österreichische Politikwissenschaftlerin mit Familie und Freunden verbracht. Der Tweet entsteht in einem der ersten stilleren Momente, später Nachmittag. „Das war eine eher spontane Entscheidung das zu twittern“, sagt sie. Der Moment habe sich richtig angefühlt – und die ersten Reaktionen waren überaus empathisch: „Ich denke an euch. Möge die Erde deinem Papa leicht sein“, ist eine von Hunderten Reaktionen. „Ich habe mich aufgefangen gefühlt in der Community“, sagt Strobl.

          Online-Kondolenzbücher werden häufiger

          Dass Menschen im Internet offen mit ihrer Trauer umgehen, passiert immer häufiger. Soziale Medien, Foren oder auch Online-Kondolenzbücher werden genutzt, um nicht allein mit dem Verlust zu sein, die Trauer in Worte zu fassen und sie zu verarbeiten.

          Monika Müller-Herrmann ist Psychologin und bietet in ihrer Praxis in Frankfurt am Main Trauerbegleitung an. „Die meisten Menschen kommen erst drei bis fünf Monate nach dem Tod eines Angehörigen zu mir. Die erste Schockphase machen die Trauernden oftmals mit sich und in ihrer Familie aus“, sagt sie. Einige alltägliche Trauerrituale empfiehlt sie für diese Zeit: ein Foto aufstellen, daneben eine Kerze. Tagebuch führen. Briefe an die Person, die verstorben ist – oder eben „Trauer 2.0“, wie sie es nennt: In Foren oder in den sozialen Medien mitteilen, was passiert ist.

          Der Austausch mit anderen tut Trauernden gut. Auch ein Post bei Facebook oder eine Online-Gedenkseite können helfen.
          Der Austausch mit anderen tut Trauernden gut. Auch ein Post bei Facebook oder eine Online-Gedenkseite können helfen. : Bild: AFP

          „Trauernde haben ein starkes Bedürfnis, über ihre Trauer zu sprechen, und die Resonanz, selbst wenn sie von fremden Menschen kommt, kann eine große Hilfe sein“, sagt die 54-Jährige. Sie selbst habe sich, als ihre Schwiegermutter gestorben war, in einem Demenz-Forum mitgeteilt. Über 700 Menschen sind da aktiv und viele Nachrichten sind wie diese: „Mein Vater, den ich jetzt so lange gepflegt habe, ist heute Nacht gestorben.“

          In diesen Botschaften teilt sich auch mit, dass der Mittelpunkt des Lebens plötzlich weg ist. Gerade Menschen, die nach längerer Krankheit gestorben sind, hinterlassen eine besondere Art von Lücke. Für Monate oder Jahre drehte sich der Alltag um sie, strukturierten ihre Bedürfnisse jeden Tag. Und dann sind sie plötzlich – weg. In so einem Forum können die Trauernden dann andere Menschen finden, die diese Lücke auch kennen, die vielleicht schon Worte gefunden haben, die das Erlebte beschreiben können, zumindest ansatzweise. Hier können Menschen digitale Geborgenheit finden.

          Für Natascha Strobl gleichen einige der Reaktionen auf den Tweet in jenen Sommertagen nach dem Tod ihres Vaters allerdings eher einem Schlag in die Magengrube. Ihr Tweet sollte eine erste Verarbeitung sein, ein Ausdruck der plötzlichen Trauer – das Geschehene in Worte gefasst, vielleicht macht das den Schmerz greifbarer. „Es wurde noch mal real durch das Twittern, auch wenn ich es vorher schon vielen Menschen in Person mitgeteilt hatte“, sagt die 35-Jährige.

          Die Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl war nach einem Tweet zum Tod ihres Vaters einem Shitstorm ausgesetzt.
          Die Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl war nach einem Tweet zum Tod ihres Vaters einem Shitstorm ausgesetzt. : Bild: dpa

          Nach ein paar Tagen mischten sich auch andere Nachrichten unter die Online-Beileidsbekundungen, die Natascha Strobl erreichten. Ihren Twitter-Account nutzt Strobl auch, um rechte Diskurse einzuordnen. Als Politikwissenschaftlerin forscht sie zum Rechtsextremismus mit dem Schwerpunkt Neue Rechte. Nun bekam sie von Anhängern dieser Szenen einen Shitstorm – für ihren Umgang mit dem Tod ihres Vaters. „User haben nach mir gegoogelt und die Online-Kondolenz-Seite meines Vaters gefunden.“

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