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Klopapiermangel im Sozialismus : Zwei Meter im Jahr müssen reichen

Im Polen der Achtziger ein vertrauter Anblick: Menschen mit umgehängtem Klopapier. Das Bild zeigt eine Installation aus Danzig, 2009 Bild: Peter Andrews

Schon wieder kein Toilettenpapier im Laden? Was die Deutschen schreckt, damit haben die Polen Erfahrung. Und sie wussten sich zu helfen.

          3 Min.

          Zuerst kommt der Vater mit seiner Tochter aus dem Laden, zwei Großpackungen Toilettenpapier balanciert das Mädchen auf seinen Armen. Auch die nächsten Kunden, die gleich darauf den Drogeriemarkt verlassen, tragen mindestens eine Packung Toilettenpapier nach Hause. Es ist acht Uhr morgens in Frankfurt; spätestens um neun Uhr, so steht zu befürchten, ist der Klopapiervorrat der Drogerie aufgebraucht. Wer dann erst kommt, der muss glauben, dass es ihn tatsächlich gibt, den Mangel an einer tagtäglich gebrauchten Ware. Dabei stehen im Lande unzählige Rollen herum – an diesem Tag nur leider nicht mehr in jenem Laden und auch nicht in etlichen anderen, sondern bei den Frühaufstehern zu Hause.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Warum die Deutschen in den Corona-Zeiten gerade Klopapier horten, darüber zerbrechen sich viele Leute den Kopf. Es mit einem vermeintlichen Nationalcharakter zu erklären, überzeugt wenig, verspürt dieselben natürlichen Bedürfnisse doch auch jedes andere Volk. Fest steht, dass bereits erste körperliche Auseinandersetzungen aus Supermärkten gemeldet wurden. Aus einer – derzeit geschlossenen – Nürnberger Grundschule sind jüngst mindestens 600 Toilettenpapierrollen entwendet worden. Als rares Luxusgut sticht dieses profane Produkt längst jede noch so begehrte Hafermilch aus.

          Klopapier für Altpapier

          Für die westdeutsche Bevölkerung ist diese Erfahrung neu, die Ostdeutschen könnten ihren Mitbürgern da manches erzählen – und die Menschen aus den einstigen sozialistischen Bruderländern ebenfalls. Eine uns sehr gut bekannte Polin, noch jung, doch alt genug, um in ihrer Heimat die Mangelwirtschaft der frühen achtziger Jahre erlebt zu haben, erinnert sich, wie sie als Grundschülerin mit dem daheim gesammelten Altpapier in der Schule erschien, um mit etwas Glück und der entsprechenden Kilomenge im Austausch eine Rolle Toilettenpapier zu erhalten.

          Es gab auch andere Wege, sich damit einzudecken, doch sie waren mühsam. Wie für andere Mangelware wie Fleisch, Kaffee oder Waschpulver mussten die Polen in einer Schlange stehen, in die sich die Ersten schon zu nachtschlafener Zeit einreihten. Familienmitglieder lösten einander ab, einige Bürger, vor allem die Älteren, verdienten sich ein Zubrot als Schlangesteher. Müdigkeit und Frust führten mitunter zu Rempeleien und Schlimmerem, gerade dann, wenn man trotz der Warterei am Ende leer ausging.

          Neid und Gelächter

          Hatte man jedoch sein Ziel erreicht, dann bekam man einen Siegerkranz umgelegt. Und zwar im wörtlichen Sinne. Er war indes nicht aus Lorbeer, sondern aus dem Toilettenpapier selbst – Rolle für Rolle an einer Schnur aufgereiht, die man sich um Hals und Schulter hängte, um ohne Verlust den Heimweg antreten zu können. Der Anblick dieser Glücklichen provozierte Gelächter wie glühenden Neid. Dabei blieb bei näherer Betrachtung von der Faszination des ergatterten Gegenstands wenig übrig: Unansehnlich grau war das Klopapier der Volksrepublik Polen, unebene, dicke Blätter mit gezackten Kanten; Zeitzeugen berichten von einer Konsistenz, die an Sandpapier gemahnte.

          Trotzdem wollte es jeder haben, man brauchte es halt. Die Zeitung „Super Express“ berichtet, dass in einer Ausgabe der Fernsehnachrichten vom Februar 1988 bekanntgegeben worden sei, pro Einwohner würden sieben Toilettenpapierrollen im Jahr hergestellt. Allerdings sei die Produktion regional äußerst unterschiedlich verteilt: Für die bedauernswerte Stadt Radom blieben jährlich nur 0,07 Rollen je Einwohner. Dies entspreche einer Länge von zwei Metern. Ein Wunder, dass die polnische Revolution von Danzig ausging und nicht von Radom.

          Vorteil Zeitungs-Abo

          Wer den eigenen, knappen Vorrat verbraucht hatte, der musste sich selbst helfen. Wie dies vonstattengehen konnte, auch darüber informiert der „Super Express“: Man kaufte sich eine Zeitung, knüllte jeweils eine Seite zusammen, entfaltete sie wieder, zerknüllte sie – und hatte irgendwann ein Behelfsprodukt, dessen Benutzung auch nicht unangenehmer war als das Schmirgelpapier, das demselben Zweck offiziell diente. Von der lästigen Druckerschwärze mal abgesehen. Sollten wir hierzulande also tatsächlich einmal Verhältnisse erleben müssen wie im sozialistischen Polen, dann sind jene zusätzlich im Vorteil, die ein Abonnement einer Zeitung haben.

          Noch ist es aber nicht so weit, und noch flanieren die Deutschen nicht protzend mit umgehängten Klorollen-Ketten durch die Straßen. Auch in Polen übrigens finden sich heute in manchen Drogeriemärkten leere Regale. Um ihre Landsleute ist es der bereits erwähnten jungen Polin aber nicht bange: Die Polen, zeigt sie sich überzeugt, wären auf eine Toilettenpapier-Krise bestens vorbereitet.

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