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Tipps von einer Ärztin : Ich leide unter meinem Aussehen, was kann ich tun?

  • -Aktualisiert am

Botox, Faltenunterspritzen und Schönheitsoperationen – wenn das Körperselbstbild schwächelt, boomt die Schönheitsmedizin. Bild: dpa

Instagram und andere soziale Plattformen geben Menschen das Gefühl, nicht schön genug zu sein. Das kann psychische Folgen haben. Unsere Expertin verrät, was gegen Bodyshaming hilft.

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          Das sogenannte „Bodyshaming“ ist zu einem gesundheitsrelevanten Thema geworden, über das sogar Krankenkassen aufklären. Bodyshaming bedeutet, dass Menschen wegen ihres Aussehens diskriminiert, ausgegrenzt und abgewertet werden. Als Hautärztin sehe ich jeden Tag ganz unterschiedliche Typen von Körpern: klein, groß, dick, dünn, hell, dunkel, symmetrisch, asymmetrisch. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Die Vielfältigkeit macht uns Menschen aus. Wichtig ist, dass der Körper uns hilft, durchs Leben zu gehen. Welches Geschenk ein funktionierender Körper ist, fühlen Menschen spätestens dann, wenn sie eine ernste Krankheit entwickeln. Dann geht es nur noch darum, weiterzuleben, Lebensqualität zu haben, das Gute im Leben genießen zu können.

          Ich erlebe besonders junge Menschen, die sehr mit sich und ihrem Körper hadern. Sie sind wohlgemerkt meist ganz gesund. Sie ziehen sich wegen Fettpolstern, Dehnungsstreifen oder Cellulite zurück, gehen nicht in Badekleidung an den Strand und trauen sich nicht mal körperliche Liebe zu, da sie unter ihrem Körper leiden und sich für ihn schämen. Sie träumen von Vorbildern in den digitalen Medien, wünschen sich dicke Augenbrauen, aufgespritzte Lippen, große Brüste. Egal, ob es zu ihnen passt oder nicht.

          Auch Ältere leiden hin und wieder unter schlaffer werdender Haut und Falten so extrem, als wäre es eine todbringende Erkrankung. Mit Schuld sind die sozialen Medien, die unrealistische Schönheitsbilder propagieren.

          Follower fühlen sich unbedeutend

          Wer sich da präsentiert, aber womöglich nicht perfekt aussieht, erhält oftmals Kommentare wie „Du fettes Schwein“, „Frauen wie du sollten lieber keinen Badeanzug tragen!“, „Du solltest mal weniger essen!“. Das verletzt, zerstört das Selbstvertrauen und setzt seelisch extrem unter Druck.

          Die Ärztin Yael Adler nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie beantwortet alles, was Ihre Patienten beschäftigt – auch in ihrer F.A.S.-Kolumne.
          Die Ärztin Yael Adler nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie beantwortet alles, was Ihre Patienten beschäftigt – auch in ihrer F.A.S.-Kolumne. : Bild: Julia Zimmermann

          Auf der Suche nach Anerkennung trieben die sozialen Medien schon viele in Depression, Magersucht und zu exzessivem Sport. Um besser auszusehen, verwenden zahlreiche Social-Media-User darüber hinaus Filter. Diese glätten Macken und Dellen und geben der Haut ein puppenhaftes Aussehen, egal ob auf Fotos oder Selfie-Videoclips. Die Betroffenen betrügen sich selbst und ihre Umwelt mit den geschönten Bildern. Zudem wirken sie immer glücklich, haben „best friends forever“ und besuchen die angesagtesten Partys. Ihre Follower fühlen sich unbedeutend, hässlich und einsam auf ihrer Couch in der alten Jogginghose.

          Gegen den hässlichen Bodyshaming-Trend stellt sich ebenfalls in den sozialen Medien eine Bewegung, die „Bodypositivity“ propagiert. Hier steht man zu seinem Körper, zu seinen echten oder vermeintlichen Makeln und zeigt diese auch. Auch das Fernsehen setzte kürzlich den ewigen Beauty-, Abnehm- und Sport-Coaching-Formaten „No Body is perfect – Das Nacktexperiment“ entgegen, mit Menschen, die lernen sollten, ihren Körper anzunehmen und zu mögen. Es lief mit grandioser Quote in der ersten Folge, danach aber schien der Voyeurismus befriedigt, so dass das Format wegen Zuschauermangels einige Folgen später abgesetzt wurde.

          „Ich würde gern mal Ihre Zornesfalte botoxen“ 

          Menschen wollen offenbar bis zu einem gewissen Grad ein Bild von Schönheit und Jugend vorgegaukelt bekommen. Krankheit und sichtbare Makel erinnern sie schließlich an die – psychoanalytisch betrachtet – schlimmste Kränkung im Leben: an Krankheit, Verfall und Tod.

          Das schlechte Körperselbstbild führt mitunter zu einem gesteigerten Konsumverhalten im Bereich der Schönheitsmedizin, mit immer jünger werdenden Patienten. Viele ärztliche Kollegen springen auf diesen lukrativen Zug auf: Botox, Faltenunterspritzen, Hautstraffungs-, Anticellulite-Verfahren und Schönheitsoperationen boomen. Auf Instagram-Accounts von Schönheitsärzten kann man live mitverfolgen, wie Lippen verdickt, Brüste vergrößert, Nasen begradigt, Bäuche gestrafft werden. Das Ganze statt mit der angemessenen Bezeichnung „Höllen-Riesen-OP“ mit beschönigenden Namen wie „total mummy-makeover“, „nose-job“ oder „belly-lift“. Risiken, Schmerzen oder Narben werden in der bunten Welt des Machbarkeitswahns natürlich nicht gezeigt. Vielmehr werden Schönheitsmaßnahmen durch die Werbung der Industrie und der Ärzte als immer normaler dargestellt. Es wird zu einem „must-have“ und „must-do“.

          Auf dem letzten Beautykongress unterhielt ich mich mit einer ärztlichen Kollegin. Zum Abschied sagte sie mir: „Ich würde gern mal Ihre Zornesfalte botoxen“ und zog von dannen. Ich war froh, dass ich ein gesundes Selbstbewusstsein habe.

          An einer anderen Stelle auf dem Kongress spritzte eine sehr renommierte ärztliche Kollegin eine Patientin (oder besser Probandin) live vor dem Publikum. Sie wollte der Patientin verständlich machen, was an ihr nicht stimmte. Mit ihren 51 Jahren hatte diese eingefallene Schläfen, was optisch ein Alterszeichen ist. Die Ärztin sagte zur Patientin: „In Laiensprache sind das Totenkopf-Schläfen.“

          Sagen Sie Ihren Kindern, wie schön Sie sie finden

          Eine andere Ärztin wollte einem männlichen Patienten, der der Ehemann einer der zu trainierenden Ärztinnen war, ein sehr festes Hyaluronsäuregel in die Jochbeinregion spritzen. Er hatte sich als Proband zur Verfügung gestellt, damit seine Frau an ihm üben konnte. Es war ihm jedoch nicht klar, was auf ihn zukommen würde. Die unterrichtende Ärztin blickte ihn an und sagte zu ihm: „Sie sehen total unmännlich aus, wir müssen sie jetzt erst mal kantig spritzen!“

          All diese medizinisch unethischen Äußerungen aus dem Mund der Autoritätsperson Arzt verursachen nach meiner Auffassung bei den Probanden ewige Komplexe. Ärzte sind eigentlich zum Heilen da; stattdessen wurde hier ein vom goldenen Schnitt abweichendes Aussehen zu einer Diagnose erhoben.

          Wenn Medien, Industrie und Ärzte gemeinsame Sache in Sachen Bodyshaming machen, ist diese Entwicklung leider nur schwer aufzuhalten.

          Hilfreiche Gegenmaßnahmen wären: Sagen Sie bereits Ihren Kindern, wie schön Sie sie finden, damit sie immun gegen anderslautende Behauptungen werden. Suchen Sie sich einen Liebespartner, der sie liebt, genauso wie sie sind, und der Ihren Körper berührt und küsst. Tun Sie das auch mit Ihrem Partner, pflegen Sie soziale Kontakte, die echt sind, und das in der analogen, nicht virtuellen Welt.

          Falls Sie sich durch die sozialen Medien unter Druck gesetzt fühlen: Löschen Sie die App, steigen Sie aus. Und bedenken Sie, je mehr Aufwand die Selbstdarsteller treiben, desto unglücklicher sind sie in der Regel. Geben Sie sich Glaubenssätze wie „Perfekt aussehen muss man nur, wenn man sonst nichts kann“. Setzen Sie auf Bodyneutrality und suchen Sie sich wichtigere Themen, die mit richtigem Sinn erfüllt sind. Und Sie müssen sich weder schön noch hässlich finden. Ihr Selbstwertgefühl darf von Ihrem Äußeren entkoppelt sein. Wir sollten alle dankbar für jeden Tag sein, den wir halbwegs gesund in unseren Körpern das Leben erleben dürfen.

          Setzen Sie auf Bewegung und treiben Sie Sport, das pusht Ihr Körpergefühl – genau wie ein Instragram-Filter, nur in echt.

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