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Tätowier-Künstler : „Tattoos muss man sich verdienen“

Stich-Tag: Der Schmerz gehört beim Tätowieren dazu. Bild: Andreas Müller

Tätowierungen sind ein Massenphänomen geworden. Wie es dazu kam, was das aus erotischer Sicht bedeutet und warum auch das „Arschgeweih“ seine Berechtigung hat, erklärt der Münchner Tattoo-Künstler Besen.

          7 Min.

          Besen, was kam bei Ihnen zuerst: Tätowieren oder Tätowiertwerden?

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Beides gleichzeitig: Mein erstes Tattoo habe ich mir selbst gestochen, mit 14. Ich hab' eine Nadel genommen und einen Faden drum herum gewickelt. Der war in Farbe getränkt. Damit hab' ich mir ein Stacheldrahtglied auf den Unterarm tätowiert.

          Wieso Tätowieren, wieso Stacheldraht?

          Das war so ein Revoluzzerding. Ich war Punk, hatte einen Irokesenschnitt, der anscheinend aussah wie ein Besen. Daher auch mein Künstlername.

          Wie war das erste Mal?

          Ich war überrascht, dass die Nadel so schwer in die Haut geht. Die Farbe muss ja in die zweite Hautschicht.

          Woher wussten Sie das?

          Wusste ich wahrscheinlich gar nicht. Ich hab' unterschiedlich tief gestochen, deswegen ist die Tätowierung auch nicht gleichmäßig abgeheilt.

          Wie kam das Tattoo bei den Eltern an?

          Es war so klein, dass sie es nicht wirklich realisiert haben. Das kam dann beim zweiten mit 15, 16. Damals war es ein Bekannter mit einer selbstgebauten Tätowiermaschine, die ursprünglich mal ein Rasierapparat war. Das Tattoo, diesmal auf dem rechten Oberarm, sollte ein Porträt von Sid Vicious sein, war aber nicht wirklich zu erkennen. Da haben meine eher unspießigen Eltern dann doch gesagt, dass ich es später bereuen würde.

          Und: Haben Sie?

          Nein. Aber ich würde trotzdem keinem empfehlen, einfach drauflos zu tätowieren, schon wegen der Hygiene. Das kann auf die Gesundheit gehen.

          Es gibt Mediziner, die generell vor Tattoos warnen.

          Die langfristigen Folgen kennt tatsächlich niemand. Es gibt meines Wissens keine wissenschaftlichen Studien, die Unbedenklichkeit oder Bedenklichkeit attestieren. Das Einzige, was man sicher weiß: Menschen lassen sich seit Ewigkeiten tätowieren, offenbar ohne größere Schäden. Trotzdem sollte jedem klar sein, dass mit der Farbe ein Fremdkörper in den eigenen Körper kommt.

          Kunst und Kundendienst: Besen macht nicht jeden Wunsch seiner Auftraggeber mit. Grundsätzlich aber gilt: „Die Tätowierung gehört den Tätowierten, sie sollen damit glücklich sein.“
          Kunst und Kundendienst: Besen macht nicht jeden Wunsch seiner Auftraggeber mit. Grundsätzlich aber gilt: „Die Tätowierung gehört den Tätowierten, sie sollen damit glücklich sein.“ : Bild: Andreas Müller

          Wie wurden Sie zum Tätowierprofi?

          Schon in der Schule war mir klar: Ein Nine-to-Five-Job ist nicht mein Ding. Mir fehlte aber die Idee, womit ich sonst Geld verdienen könnte. Der Aha-Effekt kam auf einer Indien-Reise. Ich hab' dort einen wahnsinnig guten Tätowierer aus Europa kennengelernt, der mit Fotomappe und Tätowiermaschine unterwegs war. Zu der Zeit bin ich viel gereist und habe dann eben gemerkt: Reisen und Tätowieren geht zusammen. Also hab' ich mir eine Maschine gekauft. Da war ich 23.

          Und dann?

          Hab' ich an mir selber und im Freundeskreis rumprobiert. Das würde ich auch nicht mehr machen, aber so hatte ich immerhin erste Arbeitsproben. Mit denen und meinen Zeichnungen hab' ich dann auf einer Tattoo-Convention die Tätowierer abgeklappert. Ich wusste: Um weiterzukommen, brauche ich professionelle Hilfe. Wenig später habe ich in München meine Ausbildung begonnen, zweieinhalb Jahre.

          Was macht einen guten Tätowierer aus?

          Er berücksichtigt zum Beispiel, dass die Haut ein lebendiges Gewebe ist und dass die Tätowierfarbe altert. Eine frisch tätowierte Linie ist satt und scharf. Nach ein paar Jahren wird sie heller, läuft leicht aus. Deswegen ist nicht unbedingt derjenige der Beste, der besonders filigran arbeitet. Frisch gestochen mag das beeindruckend sein, aber wenn ich nicht im Hinterkopf habe, dass in zehn Jahren dort, wo vorher zwei feine Linien nah beieinander waren, nur noch eine dicke zu erkennen ist, dann ist es schlecht.

          Können Tätowierungen mit dem Alter gewinnen?

          Ich finde sie am schönsten, wenn sie ungefähr ein Jahr alt sind und eine gewisse Weichheit entwickelt haben. Dann sehen sie nicht mehr aus wie ein Bild auf der Haut, sondern wie ein Teil von ihr.

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          Gibt es Hauttypen, bei denen Tätowierungen besser wirken als bei anderen?

          Es klingt widersinnig, aber je heller die Haut ist, desto besser funktionieren helle Farben. Die erste Hautschicht ist wie das Glas bei der Hinterglasmalerei. Wenn es dunkel ist, sehe ich nicht mehr viel von dem dahinterliegenden Bild.

          Wie sieht's mit Leberflecken aus? Kann man die in Tattoos einbauen, etwa, wenn sich jemand ein Porträt vom Motörhead-Sänger Lemmy inklusive Warze wünscht?

          Man kann alles. Priorität bei der Plazierung sollte aber haben, dass das Tattoo mit den Körperformen harmoniert. Wenn ich eine Schlange an einer Stelle tätowiere, an der Muskeln zu sehen sind, sollte die Schlange dem Muskelverlauf folgen - und nicht quer dazu liegen.

          Sie sind Künstler und Dienstleister. Wenn ein Kunde sagt: Die Schlange soll sich quer zum Muskel schlängeln - inwieweit sind Sie da bereit, Ihre Kunst dem Kundenwunsch unterzuordnen?

          Natürlich gebe ich Ratschläge, manche Wünsche lehne ich auch ab, denn jedes Tattoo ist ja auch eine Art Visitenkarte für mich. In erster Linie verstehe ich mich aber als Dienstleister. Die Tätowierung gehört den Tätowierten, sie sollen damit glücklich sein.

          Welche Art von Körper lässt sich am besten tätowieren?

          Extreme sind von Nachteil. Wenn ein Kunde dürr und knochig ist, hat man kaum Fläche. Zu muskulös ist auch nicht ideal. Am geeignetsten ist jemand, der gerade ein bisschen zugenommen hat. Die Haut ist dann schön gedehnt. Das gilt auch für bestimmte Körperstellen. Unterschenkel zum Beispiel sind bei Tätowierern beliebt.

          Jeder macht Fehler. Was bedeutet das in Ihrem Fall?

          Das hängt von der Tätowierung und vom Kunden ab. Manche Designs verzeihen nicht das Geringste, zwei gerade Linien ums Handgelenk zum Beispiel. Wenn ich etwas Organisches wie eine Rosenblüte mache, habe ich mehr Spielraum. Unter den Kunden sind diejenigen am kritischsten, die sich zum ersten Mal tätowieren lassen - meistens etwas sehr Kleines. Die schauen auf jedes Detail. Leute, die öfter kommen, sind entspannter.

          Gibt es Motive und Körperstellen, von denen Sie abraten? Sagen Sie auch mal: "Arschgeweih haben so viele, würde ich nicht machen"?

          Das ist für mich kein Argument. Viele Leute wollen ja gerade, was viele andere haben. Und keiner weiß, was in fünf Jahren Mode ist. Es gibt aber Tätowierer, die sehen das anders. Als das Ornament am Sacrum, sprich: das "Arschgeweih", so beliebt war, hat ein Kollege an seinem Stand auf der Tattoo-Convention ein Schild aufgehängt: "Keine Arschgeweihe". Kann sein, dass er sogar der Urheber des Wortes ist, jedenfalls ist es mir bei ihm zum ersten Mal begegnet.

          Wie entstehen Tätowiermoden?

          Das Paradoxe ist ja, dass das Tätowieren, obwohl auf Dauer angelegt, überhaupt Moden unterworfen ist. Wie bei allen Moden spielt eine Rolle, was die Leute bei Prominenten sehen, in den Medien. Das hat man auch bei den angeblich temporären Tattoos gesehen, den "Temptoos" oder "Bio-Tattoos", die nach zwei oder drei Jahren wieder weggehen sollten.

          Wieso angeblich?

          Weil es nicht funktioniert. Aus meiner Sicht war der Auslöser Thomas Gottschalk, der sich bei "Wetten, dass . . ?" so ein Temptoo stechen ließ. In den folgenden Jahren, Mitte, Ende der Neunziger, sind wahnsinnig viele Leute gekommen und haben danach gefragt. Wir haben immer wieder erklärt: Das ist Quatsch. Pigmente verblassen, aber das ist nicht steuerbar auf zwei oder drei Jahre. Man kann die Farbe auch nicht nur in die erste Hautschicht einbringen, denn dann wäre sie schon nach einem Monat wieder weg. Irgendwann hatten es die Leute kapiert, dann kamen sie zu uns mit ihren ausgelaufenen Temptoos, um sie überstechen zu lassen.

          Gesunde Hautfarbe? Welche langfristigen körperlichen Folgen Tätowierungen haben können, ist noch nicht genau erforscht.
          Gesunde Hautfarbe? Welche langfristigen körperlichen Folgen Tätowierungen haben können, ist noch nicht genau erforscht. : Bild: Andreas Müller

          Die Tür des Studios "Wild at Heart", das Besen vor 20 Jahren mit seinem Kompagnon Ralf gegründet hat, geht auf. Ein Typ mit Wollmütze, Mitte 50, tritt ein.

          Mit sächsischem Akzent sagt er: Sind Sie hier die Fachleute, oder was?

          Besen: Ja, aber wir haben jetzt eigentlich geschlossen.

          Typ: Was würde mir denn das kosten, hier (zeigt auf eines seiner Handgelenke) die 88, nur die 88?

          Besen: Zwei Mal die Acht? Warum?

          Typ: Darum.

          Besen: Würd' ich schon gerne wissen.

          Typ: Warum?

          Besen: Wofür steht das?

          Typ: Zwei Mal die Acht will ich haben. Und hier (zeigt aufs andere Handgelenk) die 13.

          Besen: Warum?

          Typ: Ich muss das doch nicht erklären.

          Besen: Müssen tust du nichts. Aber wenn ich dir ein Design mach', frag' ich immer nach, egal um was es geht. Da frag' ich, was das für eine Bedeutung hat.

          Typ: Das hat eine Bedeutung vom Sport her.

          Was machen Sie mit so einem Kunden? Kann sein, dass er sich den Zahlencode der Neonazis für "Heil Hitler" tätowieren lassen will. Ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass er wirklich Fan eines Sportlers mit der Rückennummer 88 ist.

          Ich hatte gerade nicht den Nerv, mich intensiver mit dem zu beschäftigen. Es war aber komisch, dass er nicht gleich antworten wollte. Für mich ist jedenfalls klar: Sobald sich andeutet, dass es da einen rechtsextremen Hintergrund geben könnte, mach' ich es nicht.

          Selbst wenn der Typ gerade kein Neonazi war, bleibt erstaunlich, dass er sich in seinem Alter noch tätowieren lassen will. Hätten Sie sich damals, als junger Punk, vorstellen können, dass das Tätowieren mal so sehr Mainstream wird, dass ältere Männer mit Wollmütze in Ihr Studio kommen?

          Damit konnte niemand rechnen.

          Betriebswirtschaftlich gesehen ist es doch top.

          Auch künstlerisch gesehen hat es Vorteile. In dem Maß, in dem Tattoos gängig geworden sind, hat die Bereitschaft zugenommen, sich große Designs stechen zu lassen. Ich kann mich dadurch viel mehr austoben.

          Der Nachteil: Je verbreiteter etwas ist, desto uncooler. Irgendwann kippt es.

          Im Moment nimmt es noch zu. Aber das ist natürlich die Eine-Million-Dollar-Frage, ob es mal einen krassen Gegentrend geben wird.

          Angst?

          Das Szenario ist im Moment zu abstrakt, also nein.

          Bedauern, dass es nicht mehr ist wie früher?

          Ein bisschen. Man sieht das auf den Tattoo-Conventions. Früher waren da vor allem Freaks, heute heißt es in der Vorankündigung: "mit Hüpfburg". Früher gab es Stripshows. Heute ist eine Burlesque-Tänzerin das höchste der Gefühle. Aber so gut kenne ich mich auch nicht mehr aus. Ich war länger auf keiner Convention - eigentlich, seit es keine Stripshows mehr gibt.

          Hat Tätowieren und Tätowiertwerden für Sie auch eine erotische Komponente?

          Die Kundin eines Kollegen hatte während der Sitzung mal einen Orgasmus. Aber selbst Leute aus der Sado-Maso-Szene dürften es doch überwiegend als unangenehm empfinden. Aber der Schmerz gehört dazu.

          Besen gründete 1996 in München das Studio „Wild at Heart“.
          Besen gründete 1996 in München das Studio „Wild at Heart“. : Bild: Andreas Müller

          Warum?

          Er lädt die Sache mit Wert auf. Für ein Tattoo ist eben mehr nötig, als in den Laden zu gehen, Geld auf den Tisch zu legen, Ware mitzunehmen, nach Hause zu gehen. Es erfordert Zeit, Überwindung, Kampf. Man verdient es sich. Das schafft einen engen Bezug.

          Wenn ich jetzt sagen würde, ich habe eine Rose auf dem Po, würde Sie das wundern?

          Nach 20 Jahren in dem Geschäft wundert einen gar nichts mehr. Einem Kunden habe ich einen Komplett-Body-Suit gemacht. Unauffälliger Mann, unauffälliger Job. Niemand ahnt, was der unterm Anzug trägt.

          Wie viele Tattoos haben Sie selbst?

          Vielleicht zehn? Die Anzahl ist doch relativ. Was ist mit dem eben beschriebenen Mann? Der hat so gesehen ja nur ein Tattoo.

          Was sind die Geschichten hinter Ihren Tattoos?

          Da gibt es keine großen Geschichten. Die meisten meiner Tattoos sind so entstanden: Mir gefällt, was ein anderer Tätowierer macht. Den frage ich dann, ob er eine Idee hat, und dann lass' ich dem ziemlich freie Hand. Hier, auf dem rechten Unterarm, habe ich einen Gitarrenhals, der in einen Totenkopf übergeht. Ich spiele Gitarre, ich mag Totenköpfe: Mehr Bedeutung ist nicht.

          Wie ist es bei Ihren Kunden?

          Durch die Doku-Soaps im Fernsehen wurde der Eindruck erweckt, dass Leute sich nur tätowieren lassen, nachdem sie Krebs oder einen Unfall hatten. Das ist nicht so. Aber ich hatte zeitweise den Eindruck, dass Kunden meinen, sie schuldeten mir und sich selbst eine Begründung. Auch das ist nicht so. Eine Begründung für ein Tattoo ist nicht erforderlich.

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