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Tango Argentino : „Es ist wie in der Liebe: Man weiß nie, wie es ausgeht“

  • Aktualisiert am

„Man spürt, wie viel Energie fließt, manchmal stark, manchmal schwach oder gar nicht.“ Bild: Sebastian Cunitz

Das Tangopaar Silvio Sotomayor und Carolina Rocchietti spricht über getanzte Melancholie, Erotik und Eifersucht. Außerdem verraten die Musical-Darsteller, was die Deutschen am Tanzen hindert.

          6 Min.

          Jetzt brauchen wir die Hüftdrehung“, sagt Silvio Sotomayor. Der argentinische Tango-Profi zeigt, wie es geht: Beide Füße stehen eng beieinander, der Oberkörper ist aufrecht, die Bewegung kommt aus der Hüfte, die untere Körperhälfte dreht sich mit. Die Workshop-Teilnehmer in der Frankfurter „Academia de Tango“ nicken zustimmend - aber sie wissen auch: Für ihre beweglichen Hüften sind die Deutschen nicht gerade bekannt. Nun also sind sie gefordert, die Bernds, die Volkers, die Olivers im Raum. Noch ein kurzer Trockenschwung am Platz. Dann folgt der Praxistest mit Partnerin.

          Frau Rocchietti, Herr Sotomayor, wenn Sie nicht gerade Workshops leiten, touren Sie als Hauptdarsteller des Tango-Musicals „Tanguera“ durch Deutschland. Hand aufs Herz: Wie Tango-talentiert sind die Deutschen?

          Rocchietti: Es kommt immer auf den Einzelnen an.

          Sehr diplomatisch ausgedrückt. Dem Deutschen wird ja eine gewisse Steifheit nachgesagt.

          Rocchietti: Die Deutschen legen viel Wert auf Technik. Manchmal machen sie sich das Leben selbst schwer, weil sie immer alles genau wissen wollen. Wann kommt welcher Schritt? Um wie viel Grad muss ich mich drehen? In Argentinien gibt es nicht immer eine Erklärung, warum man was macht.

          Sotomayor: Jeder tanzt, wie er es fühlt. Für die Deutschen ist es aber zum Beispiel schwer, wenn ein Tangolehrer das eine sagt und der zweite etwas anderes.

          Rocchietti: Dabei geht es beim Tango Argentino um Improvisation. Nichts ist vorgegeben.

          In Deutschland kennen viele den Tango noch als Standardtanz aus der Tanzschule. „Eins, zwei, Wiegeschritt, rück, seit, ran.“ Da war praktisch alles vorgegeben.

          Rocchietti: Für mich sind das zwei komplett verschiedene Tänze: Beim Standardtango ist alles durchchoreographiert. Beim Tango Argentino gibt es zwar auch Schrittfolgen. Aber der Mann macht stets spontan einen Vorschlag, wie es weitergeht, auf den die Frau eingehen kann. Der Bühnentango, den wir im Musical „Tanguera“ tanzen, ist wieder etwas anderes. Er basiert auf dem argentinischen Tango, ist aber für die Show mit akrobatischen Elementen angereichert.

          Sotomayor: Beim Standardtango sieht es so aus, als wollten sich die Tänzer nach außen darstellen, als wollten sie sich voneinander entfernen. (Er lehnt den Oberkörper nach hinten.) Beim Tango Argentino ist es das Gegenteil. (Er imitiert eine Umarmung.) Es geht darum, sich immer näher zu kommen.

          Der britische Dramatiker George Bernard Shaw hat mal gesagt: „Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens.“ Wie viel Erotik steckt im Tango?

          Sotomayor: Das Bild vom Tango Argentino als erotischem Tanz steckt fest in den Köpfen der Leute, auch weil er Anfang des 20. Jahrhunderts Wurzeln im Rotlichtmilieu von Buenos Aires hat.

          Rocchietti: Ich halte es aber für ein Klischee, dass es vor allem um die erotische Komponente geht.

          Sondern?

          Rocchietti: Ich kam erst mit 18 Jahren vom Ballett zum Tango. Mein Interesse geweckt hat die Musik des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla. Was mich dann wirklich faszinierte, war die Begegnung zweier Menschen im Tango, die nonverbale Kommunikation.

          Mit der Kommunikation ist das so eine Sache. Sie ist auch für die Workshop-Teilnehmer die große Herausforderung. Der Mann deutet einen Schritt an, die Dame muss verstehen, er ihre Reaktion antizipieren. „Man braucht eine feine Selbstwahrnehmung des Körpers“, sagt Teilnehmerin Angelika, 57. „Spannend wird es, wenn beim Tanz ein Gleichklang entsteht, das Ganze also nicht eine narzisstische Nummer bleibt“, ergänzt ihr Mann Eberhard.

          Es heißt, der Tango sei eine Liebesbeziehung in drei Minuten. Was passiert in dieser Zeit?

          Rocchietti: Der Tango ist eine Möglichkeit, jemanden schnell nah kennenzulernen. Man fühlt seinen Atem, egal ob er dick ist oder dünn, jung oder alt. Der Code ist die Umarmung. Über sie versteht die Frau, was der Mann vorschlagen möchte.

          Sotomayor: Wenn man anfängt, mit einer Fremden Tango zu tanzen, weiß man nie, ob es funktioniert. Man spürt, wie viel Energie fließt, manchmal stark, manchmal schwach oder gar nicht.

          Rocchietti: So ist es auch in der Liebe. Man weiß nie, wie es ausgeht.

          „Die Umarmung ist der Code“: Silvio Sotomayor und Carolina Rocchietti (beide 40) beim Tanz Bilderstrecke

          Workshop-Teilnehmerin Angelika findet: „Wenn man mit einem Unbekannten harmonisch tanzt, ist das wie eine Mini-Verliebtheit.“ Als die Übungsstunde in eine „Milonga“ übergeht, wie freie Tango-Tanzabende heißen, wählen sie und ihr Mann immer wieder unterschiedliche Partner.

          Warum gehört zur „Milonga“ auch der Partnerwechsel?

          Rocchietti: Der Tango Argentino hat auch eine gesellschaftliche Funktion. Er gibt vielen Menschen die Möglichkeit, Leute kennenzulernen, Nähe zu spüren, eine Umarmung zu bekommen.

          Einige Frauen schließen beim Tanzen die Augen. „Man taucht komplett ab. Es ist ein regelrechter Flow“, sagt Workshop-Teilnehmerin Ellen. Ähnlich beschreibt es auch Claudia: „Es ist eine eigene Welt, in der die Kommunikation nonverbal abläuft.“ Die Dreiunddreißigjährige hat bis 22 Uhr am Schreibtisch gesessen und „muss jetzt erst einmal eine Runde tanzen“. Claudia hat kaum ihre Tanzschuhe angezogen, da wird sie aufgefordert, ohne Worte, versteht sich. Viele im Raum kennen einander.

          Wo ist die deutsche Tango-Szene am stärksten?

          Sotomayor: Definitiv in Berlin. In Deutschland gibt es zeitweise mehr Milongas als in Argentinien.

          Wie kann das denn sein?

          Sotomayor: Die Tango-Szene in Argentinien ist sehr begrenzt auf Buenos Aires, vielleicht noch ein wenig Rosario und Córdoba, wo Carolina und ich herkommen. Der Tango ist in Argentinien ein urbaner Tanz. Auf dem Land ist hingegen Folklore mehr verbreitet. Auch ich habe zuerst Folklore getanzt, bis ich als junger Erwachsener begann, Tango-Musik zu hören und mir Schritte dazu zu überlegen.

          Der Tanz und die Musik des Tangos entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts an den Ufern des Río de la Plata, als eine Welle europäischer Einwanderer nach Argentinien schwappte. Was erzählt der Tango über Ihr Land?

          Rocchietti: Wenn man Tango sagt, sagt man eigentlich Argentinien. Im Tango spiegelt sich die Verzweiflung der Einwanderer wider, denen es nicht gelang, in Buenos Aires Fuß zu fassen. Gewalt und Prostitution prägten ihren Alltag. Das ist auch das Schicksal der Tänzerin „Giselle“, die ich in „Tanguera“ spiele. Die Melancholie, die sich im Tango ausdrückt, prägt bis heute unser Lebensgefühl.

          Mit dem Bandoneón, einer Art Akkordeon, und dem Walzer beeinflussten auch deutsche Elemente den Tango Argentino. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde er in Paris bekannt und salonfähig. Sind die Franzosen bessere Tangotänzer als die Deutschen?

          Sotomayor: Die Franzosen sind jedenfalls weniger auf die Technik fokussiert. Sie haben keine Angst vor dem Körperkontakt und mehr Selbstbewusstsein.

          Rocchietti: Sie brauchen sich nur die Leute in der Bahn anzuschauen: In der Pariser Metro laufen alle durcheinander, in Deutschland hingegen laufen die Leute immer ordentlich aneinander vorbei.

          Fällt es den deutschen Frauen schwer, beim Tango nur in der Position der Reagierenden zu sein?

          Rocchietti: Ich glaube nicht, dass das eine Frage der Nation ist, sondern eine der Persönlichkeit. Wenn eine Frau alles kontrollieren will, ist das natürlich ein Problem.

          Sotomayor: Frauen haben aber auch die Möglichkeit, die Vorschläge des Partners nicht anzunehmen.

          Wie sieht das dann aus?

          Sotomayor: Die linke Hand der Frau liegt auf dem rechten Oberarm des Mannes. Wenn er mehr Nähe vorschlägt, kann sie ihn mit Gegendruck auf Abstand halten.

          Kommt es bei Paaren, die jenseits der Fläche zusammen sind, nicht zu Eifersucht, wenn die Partnerin im Arm eines Anderen liegt?

          Rocchietti: In Argentinien ist der Tango so populär, dass das wirklich kein Problem ist. Jeder tanzt mit jedem. Ich tanze auch mit Männern, die meine Großväter sein könnten.

          Auch bei der Milonga heute in Deutschland gibt es diese Konstellation. Felipe ist 73. Die Damen, mit denen er tanzt, sind deutlich jünger und mitunter größer. Auf der Fläche sind alle Altersgruppen vertreten. Der Risikomanager tanzt neben der Sozialpädagogin. Für Felipe, der einst aus Spanien nach Frankfurt kam, geht es darum, „verschiedene schöne Frauen glücklich zu machen“. Davon gibt es genug. Wie so oft beim Tanzen sind die Frauen in der Überzahl.

          Welchen Tipp können Sie deutschen Frauen geben, um ihre Männer auf die Tanzfläche zu locken?

          Rocchietti: (lacht und packt Sotomayor am Arm) Einfach mitnehmen.

          Sotomayor: Das Problem gibt es in Argentinien auch. Ich denke, die meisten Männer kommen nicht von selbst auf die Idee, tanzen lernen zu wollen.

          Wer lernt es im Zweifelsfall schneller? Mann oder Frau?

          Sotomayor: Ab einem gewissen Punkt sind die Frauen im Vorteil. Die Rolle des Mannes ist komplizierter, weil er vorausdenken muss.

          In Deutschland tanzen aus Männermangel mitunter auch zwei Frauen miteinander, wobei eine die Rolle des Mannes übernimmt. Ist das in Argentinien denkbar?

          Rocchietti: Nein, in der argentinischen Gesellschaft spielt dazu das Machotum eine zu große Rolle. Wir sind da sehr konservativ. Die besondere Form der Umarmung zwischen Mann und Frau gehört auch zu Mann und Frau.

          Wenn es beim Tango nicht um die Erotik geht und die Liebe nur drei Minuten hält: Wie kommt es, dass Sie vor sechs Jahren ein Paar wurden? Und das, nachdem Sie schon mehr als zehn Jahre miteinander getanzt hatten?

          Rocchietti: Wir haben uns ja dann auch jenseits der Tanzfläche besser kennengelernt. Aber klar: Ohne das Tanzen wären wir wohl nie zusammengekommen, und wenn, hätten wir uns sicher schneller auseinanderentwickelt.

          Und Eifersucht gibt es beim Tanzen wirklich nie?

          Sotomayor: Natürlich gibt es Grenzen, aber die sind klar. Darüber müssen wir nicht sprechen.

          Rocchietti: Wenn Silvio nun einer Frau immer näher käme und seine Hand dann an ihr Gesäß wandern würde . .. (lacht) - klar, dann würde ich ihm schon mit der Flasche eins über den Kopf ziehen.

          Während bei der Milonga noch die Letzten die Nacht betanzen, steht ein paar Straßen weiter ein Tangopaar schon an der Kreuzung. Zwei Fahrräder, eine eifrige Unterhaltung. Vielleicht der Beginn von Minute vier.

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