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Tango Argentino : „Es ist wie in der Liebe: Man weiß nie, wie es ausgeht“

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Es heißt, der Tango sei eine Liebesbeziehung in drei Minuten. Was passiert in dieser Zeit?

Rocchietti: Der Tango ist eine Möglichkeit, jemanden schnell nah kennenzulernen. Man fühlt seinen Atem, egal ob er dick ist oder dünn, jung oder alt. Der Code ist die Umarmung. Über sie versteht die Frau, was der Mann vorschlagen möchte.

Sotomayor: Wenn man anfängt, mit einer Fremden Tango zu tanzen, weiß man nie, ob es funktioniert. Man spürt, wie viel Energie fließt, manchmal stark, manchmal schwach oder gar nicht.

Rocchietti: So ist es auch in der Liebe. Man weiß nie, wie es ausgeht.

„Die Umarmung ist der Code“: Silvio Sotomayor und Carolina Rocchietti (beide 40) beim Tanz Bilderstrecke

Workshop-Teilnehmerin Angelika findet: „Wenn man mit einem Unbekannten harmonisch tanzt, ist das wie eine Mini-Verliebtheit.“ Als die Übungsstunde in eine „Milonga“ übergeht, wie freie Tango-Tanzabende heißen, wählen sie und ihr Mann immer wieder unterschiedliche Partner.

Warum gehört zur „Milonga“ auch der Partnerwechsel?

Rocchietti: Der Tango Argentino hat auch eine gesellschaftliche Funktion. Er gibt vielen Menschen die Möglichkeit, Leute kennenzulernen, Nähe zu spüren, eine Umarmung zu bekommen.

Einige Frauen schließen beim Tanzen die Augen. „Man taucht komplett ab. Es ist ein regelrechter Flow“, sagt Workshop-Teilnehmerin Ellen. Ähnlich beschreibt es auch Claudia: „Es ist eine eigene Welt, in der die Kommunikation nonverbal abläuft.“ Die Dreiunddreißigjährige hat bis 22 Uhr am Schreibtisch gesessen und „muss jetzt erst einmal eine Runde tanzen“. Claudia hat kaum ihre Tanzschuhe angezogen, da wird sie aufgefordert, ohne Worte, versteht sich. Viele im Raum kennen einander.

Wo ist die deutsche Tango-Szene am stärksten?

Sotomayor: Definitiv in Berlin. In Deutschland gibt es zeitweise mehr Milongas als in Argentinien.

Wie kann das denn sein?

Sotomayor: Die Tango-Szene in Argentinien ist sehr begrenzt auf Buenos Aires, vielleicht noch ein wenig Rosario und Córdoba, wo Carolina und ich herkommen. Der Tango ist in Argentinien ein urbaner Tanz. Auf dem Land ist hingegen Folklore mehr verbreitet. Auch ich habe zuerst Folklore getanzt, bis ich als junger Erwachsener begann, Tango-Musik zu hören und mir Schritte dazu zu überlegen.

Der Tanz und die Musik des Tangos entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts an den Ufern des Río de la Plata, als eine Welle europäischer Einwanderer nach Argentinien schwappte. Was erzählt der Tango über Ihr Land?

Rocchietti: Wenn man Tango sagt, sagt man eigentlich Argentinien. Im Tango spiegelt sich die Verzweiflung der Einwanderer wider, denen es nicht gelang, in Buenos Aires Fuß zu fassen. Gewalt und Prostitution prägten ihren Alltag. Das ist auch das Schicksal der Tänzerin „Giselle“, die ich in „Tanguera“ spiele. Die Melancholie, die sich im Tango ausdrückt, prägt bis heute unser Lebensgefühl.

Mit dem Bandoneón, einer Art Akkordeon, und dem Walzer beeinflussten auch deutsche Elemente den Tango Argentino. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde er in Paris bekannt und salonfähig. Sind die Franzosen bessere Tangotänzer als die Deutschen?

Sotomayor: Die Franzosen sind jedenfalls weniger auf die Technik fokussiert. Sie haben keine Angst vor dem Körperkontakt und mehr Selbstbewusstsein.

Rocchietti: Sie brauchen sich nur die Leute in der Bahn anzuschauen: In der Pariser Metro laufen alle durcheinander, in Deutschland hingegen laufen die Leute immer ordentlich aneinander vorbei.

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