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Syrische Paare : Wenn auf die Flucht die Scheidung folgt

Frauen zuerst: Nadia Nassani entschloss sich, Richtung Deutschland aufzubrechen. Ihre Familie kam später. Bild: Stefan Finger

Auf Krieg, Flucht und Asylverfahren folgt für syrische Paare nicht selten die Scheidung. Denn das Leben im neuen Land verändert sie. Zwei Frauen aus Aleppo haben diese Erfahrung gemacht.

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          Bei dieser Frage wackelt sogar die Kaffeetasse in Nadia Nassanis Hand: warum nicht er, sondern sie gegangen ist? „Weil ich mutiger bin.“ Nadia Nassani schaut über die Tasse hinweg, die mit einer Sonne bemalt ist. Die Mutter vermisst die syrische Sonne, die Tochter hat sie ihr auf die Tasse gemalt, zusammen mit einem Herz. Mehr als drei Jahre lang war sie von ihr getrennt. Denn Nadia Nassani – und nicht ihr Ehemann – entschloss sich 2015, von der Türkei aus, wo die Familie zwei Jahre zuvor angekommen war, den Weg nach Deutschland anzutreten.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mehr als drei Jahre lang war sie auch von ihrem Ehemann getrennt, gezwungenermaßen. Das Risiko der Überfahrt über das Mittelmeer konnte sie nur für sich eingehen, nicht für ihn, und schon gar nicht für ihre damals zweieinhalb Jahre alte Tochter.

          Mit ihrem Kind lebt sie heute in einer Wohnung in Düsseldorf. Ein großes Kinderzimmer für die Tochter und die kleine Katze. Ein Wohnzimmer, in dem auch Nadia Nassanis Bett steht. Ihr Ehemann wohnt nicht mehr mit ihnen zusammen. Von ihm ist sie nun abermals getrennt, dieses Mal freiwillig.

          „Ich bin ein Mensch mit Träumen und Wünschen“

          Sarah Sawas möchte – anders als Nadia Nassani – anonym bleiben und ihren richtigen Namen nicht in diesem Text lesen. Auch sie machte sich 2015 allein auf den Weg, mit sechs Kindern – ihrem Sohn und den fünf Kindern ihrer Schwester, die schon in Deutschland lebte. Es war ihre Entscheidung, Aleppo zu verlassen. „Mein Mann wollte nicht gehen. Er hatte Angst“, sagt Sarah Sawas. „Auch ich wusste, dass der Weg nicht einfach ist. Aber ich bin ein Mensch mit Träumen und Wünschen. Ich möchte nicht nur essen und schlafen, und ich konnte es nicht mehr ertragen, dort zu sitzen und mich zu fragen: Leben wir bis morgen, oder sterben wir gleich?“

          So erzählt sie es an einem Sonntag im Januar in ihrer Wohnung. Die Couch ist farblich auf den Couchtisch abgestimmt. Kaffee gibt es aus der Espressomaschine. Ihr Deutsch ist fehlerfrei.

          Es war damals in Aleppo die erste Trennung von ihrem Mann. Er kam nach und stieß in Griechenland zu ihr und den Kindern. Es brauchte erst die Ankunft in Deutschland, die Zeit in einer Turnhalle und die Erkenntnis, dass sich ihre Ehe auch mit dem zweiten Kind, mit dem Sawas dann schwanger war, nicht bessern würde. Sie trieb es ab – und ließ sich später scheiden.

          Das Leben in Deutschland verändert sie

          Wenn Nadia Nassani, 40 Jahre alt, und Sarah Sawas, 35 Jahre alt, von ihren Ehen in Syrien erzählen, dann klingt das sehr unterschiedlich. Nassani sagt: „Ich konnte ihm mehr vertrauen als jedem anderen Menschen.“ In Aleppo hatte sie als PR-Managerin gearbeitet. Mit Ausbruch des Krieges begann sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, ihre Kontakte spielen zu lassen, um gegen das Regime zu arbeiten. Sarah Sawas, die in Syrien Soziologie und Pädagogik studiert hatte, sagt: „Ich war von Anfang an nicht zufrieden mit ihm.“

          Aber in einem Kapitel ähneln sich die Geschichten der zwei Frauen. Nachdem sie ihre Heimat verlassen hatten und sicher waren, dass sie in Deutschland bleiben konnten, begannen sie ein Leben ohne ihre Männer. Sarah Sawas und Nadia Nassani sind beispielhaft für viele Syrerinnen, deren Ehen im neuen Land zu Ende gehen. Das Leben in Deutschland verändert sie. Aber auch die Flucht hinterlässt Spuren.

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