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Syrische Paare : Wenn auf die Flucht die Scheidung folgt

Nur sie hatte nach langer Anstrengung ihr Ziel erreicht

Noch etwas passierte in dieser Zeit: Ihr Ehemann habe erste Zweifel gehegt, ob er wirklich kommen wollte. Er ließ sich doch darauf ein und landete mit der Tochter am Flughafen in Düsseldorf. Die ersten sechs Monate seien in Ordnung gewesen. „Aber er fand die Sprache schnell sehr kompliziert.“ Hinzu kam, dass Nassani, die heute als Buchhalterin arbeitet, vieles besser wusste, dank der Erfahrungen, die sie schon gesammelt hatte. „Es war schwer für ihn, dass ich im Hinblick auf alles meine eigene Meinung und meine eigenen Erfahrungen hatte. Und klar, das kann nerven, wenn man das immer wieder hört.“

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Sie sieht es auch so: Die Fluchterfahrung hatten beide gemacht, aber nur sie hatte nach langer Anstrengung ihr Ziel erreicht, Mann und Kind hergeholt. Ihr Ehemann hingegen musste sich nach einer langen Zeit der Entbehrung in der Türkei auf eine neue Anstrengung einlassen und erst einmal in Deutschland ankommen. Im August vergangenen Jahres fand er einen Job. In derselben Woche zog er aus. „Innerhalb eines Tages waren wir allein“, sagt Nassani. „Das war zunächst ein Schock. Aber es ist für alle besser so.“ Wie es so ist bei Paaren: Auch Kleinigkeiten belasteten die Beziehung. „Das Handy lag an der falschen Stelle auf dem Tisch, und die Situation eskalierte“, sagt Nassani.

„Er hat es nicht verstanden“

Sarah Sawas erzählt, wie ihr Mann irgendwann auf die fixe Idee kam, er zahle ihre Steuern mit, weil sie, die mehr verdiente, konsequenterweise auf dem Papier einer anderen Steuerklasse zugeordnet war. „Er hat es nicht verstanden.“ Sie arbeitet 43 Stunden die Woche. Mit der Scheidung ist Sarah Sawas seit einigen Monaten durch. „Ich habe immer gesagt, ich bleibe bei meinem Mann für meinen Sohn.“ Irgendwann erkannte sie, dass sie ohne ihn andere um Hilfe bitten könnte.

„Die Erfahrung, in einem neuen Land zu leben, kann auch zu der Erkenntnis führen, dass es noch so viele andere Erfahrungen zu machen gibt“, sagt die Sozialpsychologin Bita Behravan. „Die Beziehung zwischen Mann und Frau ändert sich selten. Dagegen stehen die vielen Möglichkeiten, die Frauen hier haben. Und sie wissen, dass sie dabei Unterstützung erwarten können.“

„Hier kann ich als Frau selbständig sein“

Ist eine Scheidung nach einer Flucht also beinahe eine logische Konsequenz? „Wenn die Beziehung auf Liebe und Vertrauen fußt, wenn es eine gesunde Ehe ist, in der die Rollen so klar verteilt sind, dass beide damit zufrieden sind, dann hat sie Chancen zu halten“, sagt Behravan. „Wenn es aber schon bei der Eheschließung vor allem um das Bewahren von Traditionen ging – heiraten, um verheiratet zu sein und Kinder zu bekommen –, und wenn man dann in Deutschland sieht, dass der Ehepartner mit den neuen Umständen nicht zurechtkommt, dann ist auch der Fortbestand der Ehe ungewiss.“

Haben der Abschied, die Flucht, das neue Leben sie verändert? „Vielleicht hat mich all das bestärkt“, sagt Sarah Sawas. „Hier kann ich als Frau selbständig sein, das geht bei uns nicht.“ Eine Scheidung sei zwar in Syrien im Prinzip möglich, aber werde gesellschaftlich kaum akzeptiert.

„Die Menschen, die so etwas erlebt haben, sind nicht mehr dieselben, die damals in Syrien gelebt haben“, sagt Nadia Nassani. „Wir sind auch nicht mehr diejenigen, die wir in der Türkei waren.“ Physisch mögen sie längst angekommen sein. „Aber wir brauchen auch Zeit, um in diesem neuen Selbst anzukommen.“

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