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Syrische Paare : Wenn auf die Flucht die Scheidung folgt

Die Sozialpsychologin Bita Behravan beschäftigt sich an der Universität Duisburg mit Rollenverhältnissen und Migrationsbiographien. Auch sie weiß, dass auf eine Eheschließung im Nahen Osten häufig eine Scheidung in Deutschland folgt, die von der Frau initiiert ist. „Die Aufgaben, die auf eine Frau nach der Hochzeit in diesen Kulturen warten, sind traditionell komplett anders als die Aufgaben, die eine Frau in Deutschland hat“, sagt Behravan. „In Familien mit traditionellerer Rollenverteilung wird das Geschlecht häufig noch als Bürde betrachtet. Es bedeutet, dass die Frau dem Mann in jeder Hinsicht unterstellt ist.“ Im Gegensatz dazu stehen die vielen Familien mit einer moderneren Rollenverteilung, wie sie auch in Nadia Nassanis Familie üblich ist. „Aber wenn sie nach Deutschland kommen, merken auch diese Frauen, dass sie mehr Rechte haben und ernstgenommen werden.“

Männer haben häufiger Schwierigkeiten

Für Frauen verlaufe die Integration somit häufig vollkommen anders als für Männer. Frauen könnten die veränderten Werte und Normen als Chance betrachten. Männer hingegen hätten damit häufiger Schwierigkeiten. „Von dem Tag an, an dem sie geboren werden, sind sie es oft gewohnt, umsorgt zu werden“, sagt die Psychologin Behravan, die in Iran aufwuchs und sich dort selbst im Alter von 20 Jahren von ihrem Ehemann scheiden ließ.

Den Männern komme traditionell die Rolle des Ernährers zu. „Wenn diese Männer nun nach Deutschland kommen und merken, dass sie erst einmal gar nicht arbeiten dürfen und anschließend vielleicht nur so viel verdienen, dass es das zweite Einkommen der Frau braucht, ist das problematisch.“

Sie sind pragmatisch, empathisch, clever: Auch dank diesen Eigenschaften sind Nadia Nassani und Sarah Sawas erfolgreich darin, sich ein Leben in Deutschland aufzubauen. Das Kopftuch hat Nassani schon seit langer Zeit nur als Mittel zum Zweck betrachtet. „In Syrien und auch in der Türkei trug ich es aus keinem anderen Grund, als nicht aufzufallen. Eine Weile behielt ich diese Gewohnheit sogar in Deutschland bei. Bis mich Freunde darauf hinwiesen, dass es gar nicht mehr nötig ist.“ Wenn sie auf Hindernisse traf, suchte sie nach Lösungen. „Ich gewöhnte mir an, alles zeitlich auszurechnen: Dieses Problem wird mich so viele Monate kosten, jenes so viele Jahre.“

Als noch immer unklar war, warum sich das Bamf noch nicht gemeldet hatte mit einem Termin für die Anhörung zur Antragstellung, stellte sie sich vor die Außenstelle, die mit ihrem Fall betraut war. Bewusst provozierte sie mit einem der Beamten einen Streit, blieb aber freundlich genug, dass er sich ihrer Sache annahm und den Grund für das schleppende Verfahren fand: Der Pass war verlorengegangen und lag noch an der Erstaufnahmestelle. „Der glücklichste Streit meines Lebens.“

Denn erst so ging es los: Ihr Antrag wurde für ein Jahr anerkannt, sie konnte offizielle Sprachkurse besuchen und eine Arbeit finden, allerdings nicht mit dem Familiennachzug beginnen. Sie klagte, bekam schließlich die Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre, die es ihr auch ermöglichte, Mann und Kind nach Deutschland zu holen.

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