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Syrische Paare : Wenn auf die Flucht die Scheidung folgt

Wer möchte mit mir von der Türkei aus los?

Es mögen zwar mehr Männer gewesen sein, die seit 2015 in Deutschland ankamen. Aber auch viele Frauen fassten den Mut, ihr Leben zu ändern. Für Nadia Nassani begann es mit einer Whatsapp-Gruppe, der sie in der Türkei beitrat: „Darin tauschte man sich über die bevorstehende Route aus. Es ging um Tipps wie: Springe niemals in diesen Fluss! Oder: Gehe niemals jenen Weg! Tipps von Syrern für die anderen Syrer.“ Irgendwann schrieb Nassani: Wer möchte mit mir von der Türkei aus los? „So fand ich meine Gruppe. Das waren meine Leute, für eine gewisse Zeit war das meine Familie.“ Gut 30 Personen gehörten dazu, viele Männer, einer mit seiner Tochter, einer mit seiner Frau, eine Frau, die wie Nassani ohne Angehörige kam. „In dieser Zeit habe ich über mich gelernt, dass ich wirklich nie meinen Sinn für Humor verliere.“ Als sie in Griechenland festhingen und nur ihr Zelt am Strand hatten, habe sie gesagt: „So hatte ich mir das nicht vorgestellt mit dem Camping." Noch heute muss sie darüber lachen.

„Wenn etwas im Argen lag, dann konnte man nicht einfach darüber reden.“
„Wenn etwas im Argen lag, dann konnte man nicht einfach darüber reden.“ : Bild: Stefan Finger

Die Entscheidung zu gehen, ihre echte Familie zu verlassen, fiel ihr nicht leicht. „Niemand verstand es damals. Alle fragten: Welche Mutter kann so etwas tun? Aber ich wusste, dass ich es eben für meine Tochter tue, und dass ich, wenn ich nicht pragmatisch bleibe und hart zu mir selbst, es in zehn Jahren für sie bereuen würde.“

Sarah Sawas floh im Alter von 29 Jahren mit dem Sohn und fünf Neffen und Nichten. Auf der Flucht hat sie Bilder gemacht: das erste Mal auf dem Spielplatz in der Türkei, die Kinder schaukeln; ihre Nichte und sie schlafen im Gras; alle zusammen warten an einem Busbahnhof. „Irgendwann haben sie alle Läuse bekommen.“ Es dauerte, bis Sawas in der Türkei jemanden fand, der ihr vertrauenswürdig genug schien, um sie und die Kinder in einem Schlauchboot über das Meer zu bringen. „Ich habe Rettungswesten und Schwimmreifen gekauft, man weiß ja nie.“

„Ich hatte solche Angst um die Kinder“

Von 18 bis drei Uhr morgens mussten sie auf das Boot warten. Als es endlich da war und alle anderen Passagiere schon darauf zurannten, blieb Sawas mit den Kindern an Land. „Wir hätten nicht so schnell rennen können, mit sechs Kindern hätte ich das gar nicht geschafft, man musste ja zunächst ein Stück durchs Wasser." Sie warteten, bis alle anderen saßen, dann gingen sie los. „Wir bekamen keine Plätze mehr nebeneinander. Ich hatte solche Angst um die Kinder, sie hatten ja nur mich. Zum Glück sind sie sofort eingeschlafen. Sie konnten nicht mehr.“

Sarah Sawas kommen die Tränen, wenn sie erzählt, wie sie in Griechenland das Ufer erreichten und der Neffe Angst vor der Küstenwache bekam: „Bitte, lassen Sie mich nur zu meiner Mutter, ich vermisse sie so.“ Den Kindern schärfte sie fortan ein, nicht zu sagen, sie sei nicht die Mutter. „Ich wusste, dass sie mir sonst weggenommen worden wären.“ Bei einem Interview auf Samos habe ein Übersetzer aus Nordafrika gesagt, er glaube nicht, dass sie ein Kind von 15 Jahren haben könne. „Ich fragte ihn daraufhin: ,Kennst du Aleppo?' ,Nein', sagte er. Und ich entgegnete: ,Genau, wenn du Aleppo kennen würdest, dann wüsstest du, dass es Mädchen gibt, die mit neun Jahren verheiratet werden.'“

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