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Zu viel Lärm : Wir brauchen mehr Stille

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An immer mehr Orten und Einrichtungen gibt es sogenannte Räume der Stille. Jeder, dem der Alltag zu laut wird, soll sich hier ungestört zurückziehen können.
An immer mehr Orten und Einrichtungen gibt es sogenannte Räume der Stille. Jeder, dem der Alltag zu laut wird, soll sich hier ungestört zurückziehen können. : Bild: dpa

Bemerkenswerter für Guskis Team war die Zahl von einigen tausend Depressionen, die es mit Fluglärm, Autos oder Zügen in Verbindung bringen konnte. Eine mögliche Erklärung: „Das Krankheitsbild bedeutet ja, dass Menschen das Gefühl haben, seit Jahren aus einer Situation nicht herauszukommen. Wenn sie von Lärm belästigt werden, aber nichts dagegen tun können, ist das ähnlich“, so Guski. Verstärkt werde das durch Maßnahmen gegen den Lärm, die einem selbst Nachteile bringen. „Es gibt Leute, die können nachts nicht bei geschlossenem Fenster schlafen, aber draußen ist es zu laut. Das ist ein Risiko.“

Auch im Schlaf kann Lärm krank machen

Für Mediziner ist die Rolle des Schlafs überhaupt zentral, ist er doch eine natürliche, stille Ruhepause. Aber Menschen müssen nicht einmal bewusst aufwachen, um von Lärm beeinträchtigt zu werden. Schon einzelne Geräusche können die Schlaftiefe deutlich verringern. Wenn die Stille zu häufig durchbrochen wird, erhöht sich das Risiko, auch körperlich oder psychisch zu erkranken.

„Das Bedürfnis nach Stille ist eine menschliche Grundbedingung, die sich als einigendes Band durch die Geschichte zieht“, sagt Frank Uekötter, Umwelthistoriker an der Universität Birmingham in Großbritannien. Es sei in der menschlichen Kondition verankert, und zwar unabhängig vom kulturellen Ursprung. Nur das, was man als absolute Stille empfindet und wie man mit ihr umgeht, ist sie denn mal da, das ist hochgradig subjektiv. Lärm aber war immer schon da.

1908 wurde der erste Anti-Lärm-Verein gegründet

Im Mittelalter sowie in der Frühen Neuzeit waren Städte Anziehungspunkte von Handwerk, Gewerbe und Menschen, mithin von Lärm. „Die Stadt war schon immer ein lärmerfüllter Ort“, sagt Uekötter. So ist historisch gesehen der entscheidende Gegensatz, wenn es um Stille und Lärm geht, der Gegensatz von Stadt und Land.

Yoga gilt vielen als Möglichkeit, dem lärmigen Alltag zu entfliehen (Aufnahme einer „Sonnenuntergangs-Meditation in Baltimore).
Yoga gilt vielen als Möglichkeit, dem lärmigen Alltag zu entfliehen (Aufnahme einer „Sonnenuntergangs-Meditation in Baltimore). : Bild: Reuters

Diese Konstellation verschärfte sich mit dem Beginn der Industrialisierung. Viele der neuen industriellen Techniken waren notorische Lärmquellen. Doch Menschen davor zu schützen oder dem Lärm gar mit Gesetzen Schranken zu setzen wie heute, interessierte im 19. Jahrhundert niemanden. Erst langsam begann sich ein Bewusstsein für Lärmschutz zu entwickeln.

Einen Anfang machte der deutsche Philosoph Theodor Lessing. Er gründete im Jahr 1908 einen Anti-Lärm-Verein und veröffentlichte eine Kampfschrift gegen den Lärm. Darin heißt es: „Der Lärm reiht sich in jene allmenschlichen Neigungen ein, die die beständige Übertäubung des stummen, bewusst denkenden Geistes unterhalten, die den fortwährenden Rauschzustand des Gesellschaftslebens fortschreiben.“

Der Zugang zu Stille ist für reiche Menschen leichter

Lessing und seine intellektuellen Gefährten sahen im Lärm der Großstädte eine Bedrohung für ihre geistigen Ergüsse. Industriearbeiter vor Lärm zu schützen gehörte nicht zu ihren Forderungen. Mit dieser bildungsbürgerlichen Haltung erreichte der Lärmverein nur wenige tausend Mitglieder und existierte nicht lange. Er war aber der erste Versuch in Deutschland, eine Interessengruppe gegen Ruhestörung zu gründen. Im 20. und 21. Jahrhundert sollten ihm noch mehrere folgen.

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