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Geschlechterdiskriminierung : Geschlechter haben keine Farben

Die 13. Staffel geht zu Ende: Heute Abend wird im Fernsehen zu besichtigen sein, wer aus Heidi Klums Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ als Siegerin hervorgeht – und was dabei so alles baden geht. Bild: ProSieben

Am heutigen Donnerstag ist Topmodel-Finale, zum dreizehnten Mal – dabei reproduziert die beliebte Sendung noch immer Sexismus in all seinen Facetten. Die Pinkstinks kämpfen dagegen an.

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          Prinzessin Lillifee kann nicht essen, es passt einfach nichts in sie rein. Das hat einen ganz simplen Grund: Ihr Hals ist viel zu dünn. Dafür kann Lillifee sich um andere kümmern und ihren befliegbaren Kleiderschrank bestücken, also alles, was das Herz kleiner Prinzessinnen begehrt.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          „Mit Lillifee fängt alles an“, sagt Stevie Schmiedel. Was aber stellt die harmlose Prinzessin an, abgesehen davon, dass sie weite Teile deutscher Mädchenzimmer in rosafarbene Zauberhöllen verwandelt? Sie transportiert, sagt Stevie Schmiedel, ein einseitiges Bild: dass nämlich Rosa nur für Mädchen ist, nicht für Jungs; dass Mädchen sich am liebsten mit Klamotten und Care-Tätigkeiten beschäftigen; und dass Mädchen vor allem eines sein wollen: Prinzessinnen in Bonbonrosa.

          „Pink stinkt nicht“, sagt Stevie Schmiedel. Allerdings hört ihre Organisation auf den Namen „Pinkstinks!“ „Pink duftet, aber Pinkifizierung stinkt.“ Und Pinkification, das bedeutet eben, dass Mädchen alles in Rosa oder Pink bekommen und Prinzessinnen sind. Die Jungs dagegen sollen lieber Piraten sein und Abenteurer.

          Man kann Stevie Schmiedel nachts um vier Uhr anrufen, sagen ihre Kollegen, und sie gibt druckreife Sätze von sich. Sie doziert auch im öffentlichen Nahverkehr, jetzt gerade in der S8 in Richtung Wiesbaden, mit klarer Stimme und sanftem Nachdruck. Die Nachbarn in der Bahn sind interessiert, viele lächeln sie an. Und das, obwohl sie gegen eine Realität ankämpft, in der wir alle es uns allzu bequem gemacht haben.

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          Man weiß nicht, was man der Nichte zum Geburtstag schenken soll? Prinzessin Lillifee kommt immer gut. Aber, sagt Frau Schmiedel, wollen wir wirklich, dass unsere Kinder mit solch stereotypen Geschlechterrollen aufwachsen? Sie erklärt das alles so mühelos, mit einem nachgiebigen Lächeln, einem deutsch-britischen Singsang in der Stimme, dass sogar viele ihr zuhören, die bisher nicht viel von Feminismus hielten. Gleich soll Stevie Schmiedel einen Vortrag in Wiesbaden halten vor den „Professional and Business Women“, also einem Publikum, das für Geschlechterfragen durchaus sensibel sein dürfte. Aber der Vortrag hat längst begonnen, in der S8.

          Stevie Schmiedel war Dozentin für Gender Studies und bewarb sich gerade auf eine Juniorprofessur, als sie eines Tages im Jahr 2012 von einem Vortrag kam und die ganze Stadt voll von Heidi war. Überlebensgroß grinste die Mutter aller Models auf die Menschen herab, von unendlich vielen Werbeflächen. Um sie herum die Mädchen, Models in spe, die zu Mama Heidi aufschauen. „Wie Barbies um sie herum plaziert.“

          Gerade noch hatte Stevie Schmiedel über Essstörungen, Geschlecht und den Einfluss von Werbung gesprochen, und dann das: halbnackte, leblose Frauen, deren Willen vor laufender Kamera gebrochen wird, bis sie alles tun, was Heidi und Pro Sieben ihnen sagen, bis sie, nur zum Beispiel, halbnackt mit einem männlichen Model posieren, obwohl sie bis dahin vielleicht nicht einmal einen Jungen geküsst hatten. Stevie Schmiedel, Mutter zweier Töchter, war wütend. Und schrieb einen Leserbrief. Daraufhin rief eine Journalistin an, führte ein Interview mit ihr, und sie bekam mehr als 400 Mails: Du hast so recht! Mach was dagegen!

          Männer und Frauen sollen die gleichen Chancen haben

          Sie fuhr nach England. Das britische Vorbild der Pinkstinks ist inzwischen nicht mehr richtig aktiv, die Mitarbeiterinnen hatten sich ehrenamtlich neben ihren Vollzeitstellen engagiert – und konnten nicht mehr. Aber Stevie Schmiedel konnte! Sie gründete die Pinkstinks Germany, übernahm das pinkfarbene Logo und legte los. Heute sind es vier Mitarbeiter, sie sitzen in Hamburg und bekommen unter anderem Fördergelder vom Bundesfamilienministerium. Ihre zahlreichen Projekte haben das Ziel: Geschlechterstereotypen abbauen, damit Männer und Frauen die gleichen Chancen haben; sexistische Werbung kritisieren; Kindern ein anderes Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit vermitteln.

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