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Identität und Schönheit : Wenn Sport zur Sucht wird

  • -Aktualisiert am

Wenn die Optimierung des eigenen Körpers zur Sucht wird Bild: Javier Jaen

Fitte, athletische und muskulöse Körper gelten heute als schön. Doch der Körperkult kann schnell zu einem süchtig machenden Identitätsprojekt werden, bei dem es auch um die Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ geht. Ein Gastbeitrag.

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          Wer dem gegenwärtig vorherrschenden Schönheitsideal entsprechen will, muss zwei Dinge tun: sich richtig ernähren und viel bewegen. Da nur sehr wenige Menschen von Natur aus einen schlanken, athletischen, muskulösen Körper mit straffer Haut haben und auch die Technologie dessen Herstellung lediglich in sehr engen Grenzen ermöglichen kann, ist der und die Einzelne genötigt, durch eigenes Handeln dieses Körperideal zumindest näherungsweise zu realisieren. Um schlank zu werden oder zu bleiben, ist die Ernährung eine notwendige und in vielen Fällen sogar hinreichende Bedingung. Um darüber hinaus jedoch auch athletisch, muskulös und straff zu sein, bedarf es zwingend der Bewegung, vor allem des Sports. Nur wer viel und regelmäßig Sport treibt, hat eine Chance, dem gängigen Schönheitsideal nahezukommen.

          Im Mittelpunkt steht dabei weniger der in Vereinen und Verbänden organisierte traditionelle Mannschaftssport als vielmehr der informelle und in kommerziellen Studios angebotene Individualsport. Die paradigmatische Sportform hierfür ist der Fitnesssport. Dessen seit gut drei Jahrzehnten stetig wachsende Popularität – allein knapp elf Millionen Menschen in Deutschland sind Mitglieder in einem Fitnessstudio – resultiert ganz entscheidend daraus, dass er eine ideale Möglichkeit darstellt, selbst etwas für den eigenen Körper zu tun. Der Körper wird längst nicht mehr als Schicksal angesehen, das man schlicht hinzunehmen habe, sondern als ein individuell gestalt- und machbares Projekt. Fitnesssport ist attraktiv. Dabei nutzen ihn die einen für eine funktionale Körperarbeit, die der Gesundheit zuträglich ist, die anderen für eine ästhetische Arbeit am eigenen Körper.

          Wann gilt man als sportsüchtig?

          Unter denjenigen, deren primäres Handlungsmotiv die Ästhetisierung des eigenen Körpers ist, finden sich immer mehr Frauen und Männer, für die diese Körperarbeit zum zentralen Lebensinhalt geworden ist. Sie organisieren ihr Leben so, dass sie mehrere Stunden pro Tag und mehrere Tage pro Woche im Fitnessstudio verbringen können und leiden darunter, wenn ihnen das nicht möglich ist. Sie nehmen Konflikte im Arbeits- und Privatleben in Kauf, um trainieren zu können, was sie auch im Falle von Krankheit oder Verletzung zu tun versuchen.

          Egal wie: Sportsüchtige organisieren ihr Leben so, dass sie mehrere Stunden am Tag Sport treiben können.
          Egal wie: Sportsüchtige organisieren ihr Leben so, dass sie mehrere Stunden am Tag Sport treiben können. : Bild: dpa

          Die ästhetische Modellierung und Perfektionierung des eigenen Körpers hat für diese Menschen eine so große subjektive Bedeutung, dass es nicht übertrieben ist zu sagen, sie seien abhängig von ihrem Sport. Der Körperkult, den sie betreiben, ist bei ihnen offenkundig in eine Sportsucht übergegangen.

          Die Sportwissenschaft versteht unter Sportsucht eine substanzungebundene Form von Abhängigkeit, das heißt eine Verhaltenssucht, deren zentrales Merkmal eine „maßlose“ Beschäftigung mit dem Sport ist. Die Maßlosigkeit bezieht sich dabei sowohl auf den Umfang und die Intensität der sportlichen Aktivität als auch auf die Auseinandersetzung mit Ernährung, Kleidung und Trainingsplänen. Als sportsüchtig bezeichnet die Sportsuchtforschung Menschen, die ihre Sportdosis stetig steigern, die den Zwang verspüren, sich bewegen und Sport treiben zu müssen, die die Kontrolle über ihr Sportpensum verlieren und an Entzugssymptomen wie Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Depression leiden, wenn ihnen die Droge Sport genommen wird.

          In der den Diskurs bestimmenden psychologisch-medizinischen Sportsuchtforschung gelten diese sportbezogenen Verhaltens- und Erscheinungsweisen als pathologisch und die Betroffenen daher als therapiebedürftig.

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