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Identität und Schönheit : Wenn Sport zur Sucht wird

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Gedrängt von Körpernormen

Wie diese Leitsätze der Idealtypen sportsüchtigen Handelns andeuten, ist für Sportsüchtige der Sport weniger Selbstzweck denn Mittel zum Zweck, der darin besteht, eine Antwort auf die Identitätsfrage zu finden: Wer bin ich? Aufgrund seines hohen gesellschaftlichen Stellenwerts eignet sich der Sport dafür augenscheinlich besonders. Sport zu treiben gilt in wertevermittelnder, gesundheitlicher und geselliger Hinsicht als „gut“. Wer viel Sport treibt, ist nicht nur nicht verdächtig, sondern darf mit sozialer Anerkennung rechnen. Anerkennung wiederum ist eine wichtige Bedingung für eine gelingende Identität.

So wie der Sport aufgrund seines positiven Images ein gesellschaftlich unverdächtiges Suchtfeld ist, genießt auch die darin praktizierte ästhetische Arbeit am eigenen Körper weithin soziale Akzeptanz. Man denke nur an die zahlreichen Fitnessapostel auf Instagram und ihre vielen Follower. Aber auch außerhalb der sozialen Medien werden gutes Aussehen und ein schöner Körper goutiert, wobei der schöne Körper heutzutage eben der fitte, athletische, muskulöse Körper ist.

Sichtbarer Ausdruck davon ist nicht nur die enorme Popularität von High-Intensity-Trainingsprogrammen (HIT) in der Welt des Sports, sondern ebenso die zunehmende Etablierung der Weiblichkeitsnorm „strong is the new skinny“ sowie das Männlichkeitssyndrom der Muskeldysmorphie. Frauen wie auch Männer wollen und sollen stark, muskulös, fit sein und aussehen – mit der Folge, dass manche darunter leiden, wenn das bei ihnen nicht so ist.

Auf den Bizeps kommt es an: Ein durchtrainierter Körper gilt vielen als schön.
Auf den Bizeps kommt es an: Ein durchtrainierter Körper gilt vielen als schön. : Bild: dpa

In einer Studie zu den biografischen Bedingungen sportsüchtigen Handelns und Erlebens, die zur Zeit an der Goethe-Universität Frankfurt läuft, hat sich gezeigt, dass die Arbeit am schönen Körper von Sportsüchtigen oft als normative Erwartung empfunden wird, die ihnen zu schaffen macht beziehungsweise gemacht hat.

So berichten einige der Interviewpartner unserer Studie davon, dass die herrschenden ästhetischen Körpernormen der entscheidende Grund für ihren Einstieg in die Sportsucht waren. Weibliche wie männliche Sportsüchtige erzählen von ihrer Unzufriedenheit mit dem eigenen körperlichen Erscheinungsbild als Jugendliche, die vor allem durch negative Kommentare Gleichaltriger hervorgerufen und verstärkt wurde, aufgrund derer sie begannen, regelmäßig Sport zu treiben oder ihn zu intensivieren.

Schönheit kann süchtig machen

So wie am Beginn einer Sportsuchtkarriere nicht selten die Erfahrung einer körperlich bedingten Identitätskrise steht, lässt sich diese typischerweise durch die personalen und sozialen Erfolge bewältigen, die aus der stetig steigenden sportlichen Aktivität resultieren.

Die Transformation eines „dicklichen“, „moppeligen“, „schwabbeligen“, „schwächlichen“ Körpers in einen „sportlichen“, „athletischen“, „(nicht zu) muskulösen“ und „starken Körper“ (alles Zitate aus den Interviews) erfüllt die Sportsüchtigen erstens mit Stolz, da sie diese sicht- und spürbare körperliche Verwandlung allein mit harter und disziplinierter Arbeit erzielt haben. Damit einher geht zweitens das Gefühl der Selbstermächtigung, resultierend aus der Selbstgewissheit, aus eigener Kraft Dinge bewirken zu können, die früher für unmöglich oder unerreichbar gehalten wurden.

Drittens empfinden die Sportsüchtigen die wiederkehrenden positiven Rückmeldungen (vor allem des anderen Geschlechts) zu ihrem ästhetisch ansprechenden Körper als eine Selbstbestätigung, die guttut.

Solche biografischen Erzählungen lassen erkennen und machen verständlich, dass der schöne Körper ein süchtig machendes Identitätsprojekt sein kann. Der Körperkult wird zur Sportsucht mithin dann, wenn er Identitätsgewinne zu erzielen erlaubt.

Der Autor ist Professor für Sozialwissenschaften des Sports an der Goethe-Universität Frankfurt.

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