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Identität und Schönheit : Wenn Sport zur Sucht wird

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Abgrenzend zu dieser Pathologisierung sportsüchtiger Menschen geht die soziologische Sportsuchtforschung wertfrei davon aus, dass Sportsucht ein deviantes Verhalten ist. Damit ist impliziert, dass es der soziale Kontext ist, der definiert, ob ein bestimmtes Sport- und Bewegungsverhalten normkonform oder normabweichend (sportsüchtig) ist. Auf diese Weise wird zum Beispiel verständlich, dass 25 Stunden Training pro Woche bei einer Hochleistungssportlerin eher keine Sportsucht bedeuten, weil das im Kontext Hochleistungssport üblich ist, bei einem Freizeitsportler hingegen eher schon, da ein solcher Zeitaufwand in diesem Kontext anormal ist. Es ist daher eine wichtige Frage, wer eine Norm aufgrund welcher Kriterien als Richtwert festlegt, anhand dessen die Zuschreibung „normal“ versus „krank“ vorgenommen wird.

„Ich leide, also bin ich“

Die soziologische Sportsuchtforschung interessiert sich darüber hinaus für die Frage, welchen „subjektiven Sinn“ nach Max Weber Sportsüchtige mit ihrem Handeln verbinden. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, sind seine Sinnzuschreibungen wesentlich gesellschaftlicher Art. Folglich sind auch die subjektiven Sinnmuster, die Sportsüchtige mit ihrem Handeln verbinden, keine rein individuellen, sondern sozial geformte Sinnmuster. In Zusammenarbeit mit dem Sportsoziologen Karl-Heinrich Bette von der TU Darmstadt haben wir sie in fünf Idealtypen sportsüchtigen Handelns gebündelt. In der Realität können sich diese Typen durchaus überschneiden.

Der Typus „Askese“ repräsentiert ein Sinnmuster, das sich plakativ umschreiben lässt mit: „Ich leide, also bin ich.“ Den Aktiven geht es hier primär darum, sich durch eine große körperliche Anstrengung, die mit viel Disziplin und Verzicht verbunden ist, in einer Situation zu bewähren, die für die meisten Menschen zu schwierig ist. Man findet diesen Typus daher vor allem in Ausdauersportarten wie Triathlon, Radfahren, Schwimmen, besonders in deren Ultra-Varianten.

Demgegenüber steht der Typus „Ekstase“ für ein Sinnmuster, bei dem es weniger um die körperliche Eigenleistung als vielmehr um ekstatische Grenzerfahrungen und außeralltägliche Bewusstseinszustände geht. „Ich riskiere (mein Leben), also bin ich“, lautet das Motto dieses Typus, das zuvorderst in Risiko- und Abenteuersportarten (Base-Jumping, Downhill-Mountainbiking, Apnoe-Tauchen) zu realisieren versucht wird.

„Ich genieße, also bin ich“: Hedonisten findet man eher auf Surfbrettern.
„Ich genieße, also bin ich“: Hedonisten findet man eher auf Surfbrettern. : Bild: Reuters

Im Typus „Hedonismus“ wiederum kommt ein Sinnmuster zum Ausdruck, das stark auf das Erleben von Lust, Genuss und purer Freude abzielt. „Ich genieße, also bin ich“, ist die handlungsleitende Maxime, und dafür eignen sich vor allem naturnahe Fun- und Lifestylesportarten (Snowboard, Surfen, Klettern). Maximal kontrastierend dazu ist der Typus „Agon“, der ein sportsüchtiges Sinnmuster verkörpert, dessen Kern der sportliche Wettkampf und besonders der sportliche Erfolg bildet. Sein handlungsleitender Sinn lautet: „Ich gewinne, also bin ich.“ Dieser Sinn lässt sich mit jeder Sportart verbinden, solange sie nur wettkampfmäßig ausgetragen werden kann.

Schließlich repräsentiert der Typus „Ästhetik“ jenes Sinnmuster, das explizit auf körperliche Attraktivität abzielt. Sportsüchtige, die sich diesem Typus zuordnen lassen, finden – wie schon erwähnt – den Sinn ihrer sportlichen Aktivität darin, ihren Körper auf das herrschende Schönheitsideal hin zu modellieren. „Ich bin schön, also bin ich“, ist das Identitätsversprechen, das die Gesellschaft ihnen gibt und auf das sie hören. Der Fitness- und Muskelsport (Functional Training, Crossfit, Bodybuilding) ist das dafür prädestinierte Suchtfeld.

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