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Wenn gendersensible Sprache einen aufregt, sieht alles wie ein Genderstern aus: Weihnachtsstern auf einer Wiese bei Stralsund Bild: picture alliance/dpa

Soziologin über das Gendern : Warum sollen wir gendern, Frau Lucke?

Kaum ein Kampf wird so hartnäckig ausgetragen wie der um gendersensible Sprache. Doch was bringt sie wirklich? Und warum sind die Beharrungskräfte von Gender-Gegnern so stark? Die Soziologin Doris Mathilde Lucke gibt Antworten.

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          Frau Lucke, es gibt einige Argumente, die immer wieder gegen den Gebrauch von gendersensibler Sprache angeführt werden. Zum Beispiel: Es ist eine Verhunzung der Sprache.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.
          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin

          Ich kenne die Argumente gegen gendergerechte Sprache, und ich finde sie nicht stichhaltig. Bei mir gehen die roten Warnlichter an, wenn so argumentiert wird. Mir zeigt das, dass diejenigen, die nicht „gendern“ wollen, mit ihrem Latein am Ende sind. Das Argument der Verhunzung wird oft angeführt und mit Beispielen bestückt, bei denen auch mir das Lachen im Halse stecken bleibt. Wir kennen alle die Rede von „Kinderinnen“, „Gästinnen“ und „Mitgliedern“ und „Gliederinnen“. Das sind typische Ridikülisierungsstrategien, wenn man nicht weiterweiß mit sachlichen Argumenten. Da wird versucht, ein Anliegen lächerlich zu machen. Das haben wir ja sogar im Deutschen Bundestag gesehen: Wenn Transpersonen oder Intersexuelle begrüßt werden, gibt es oft Lacher, wie bei LGBTIQ. Das würde man bei der Corona-Variante „B.1.1.7“ nie tun. Über so ein Kürzel könnte man auch lachen. Stattdessen gucken da aber alle sehr expertenehrfürchtig, und niemand lacht. Dann wird ja auch gern mal von der „Vergewaltigung“ der Sprache geredet. Und da muss man doch wirklich sehen: Sprache macht etwas – zuallererst einen Unterschied. Worte und Taten gehören zusammen. Jeder Tatsache geht eine Tat voraus.

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