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Modesport Soul Cycle : Radeln bis zum Seelenfrieden

  • -Aktualisiert am

Auf großer Fahrt: Eine Fitnesstrainerin leitet eine „SoulCycle“- Gruppe am Union Square in New York Bild: Reuters

Eine neue Sportart erobert New York: „Soul Cycle“ ist zugleich Fahrradfahren und Tanzparty. So teuer, dass man schnell den inneren Schweinehund überwunden hat.

          3 Min.

          Sieben Uhr, über dem East River geht die Sonne auf. Die Subway, bevölkert von Anzugträgern, Studenten, Frauen in High Heels und orthodoxen Juden auf dem Weg nach Manhattan, rattert über die Williamsburg Bridge. Die Stadt, die nie schläft, erwacht. Längst munter ist sie an diesem Herbstmorgen in der Filiale von „Soul Cycle“, direkt am Flussufer von Brooklyn gegenüber der Lower East Side von Manhattan gelegen.

          „Soul Cycle“, so heißt die neue New Yorker Fitness-Sensation. Zum Fahrradfahren mit Bewusstseinserweiterung haben sich 62 Menschen in einem spärlich beleuchteten Raum versammelt. Dicht an dicht stehen die Ergometer, Kerzen verbreiten kultische Atmosphäre, aus den Lautsprechern dröhnen Elektrobässe.

          62 Frauen und Männer, meist zwischen 25 und 40 Jahre alt, strampeln im Rhythmus der Musik zur sportlichen und spirituellen Ekstase. Auf einem Podest sitzt Trainerin Eve, eine athletische Endzwanzigerin mit blau gefärbten Haarspitzen. „I want you to grow. I want the next breath to be an exorcism“, tönt ihre Stimme beschwörend über die schneller werdenden Bässe. Begeisterte Jauchzer aus den Fahrradreihen. An den Wänden sind im Schummerlicht die gelb gedruckten Wörter „obsessed“, „celebration“, „addicted“, „community“ zu lesen. Ist das hier das Zentrum einer neuen Sekte?

          SoulCycle ist exklusives Lebensgefühl

          „Soul Cycle“ ist jedenfalls mehr als Fahrradfahren auf der Stelle. 2006 entwickelten die beiden Gründerinnen Julie Rice und Elizabeth Cutler das Konzept: 45 Minuten Radeln in Nachtclub-Atmosphäre, mit schmissiger Musik und Trainern, die nicht nur körperlich fit sind, sondern die fitnessaffine Kundschaft auch mit dem richtigen Vokabular zu sportlichen Höhenflügen inspirieren können. Bei „Soul Cycle“ geht es nicht bloß ums Kalorienverbrennen, sondern um den Sport als gemeinschaftliches Happening, als Party.

          Die Idee kommt an: Was als kleines Studio ohne Schild an der Tür auf der Upper West Side begann, haben Rice und Cutler zu einem wachsenden Business-Imperium mit zehn Filialen in New York und weiteren 21 Studios von Washington bis Malibu ausgebaut. Mit einer Verbleibquote von 85 Prozent und jährlich hoch zweistellig wachsenden Umsätzen ist die Wirtschaftlichkeit der Idee bewiesen, Sport nicht als Mord, sondern als elektrisierendes Lebensgefühl zu verkaufen.

          Mittlerweile gibt es Leute, die bei der Wohnungssuche in New York die Entfernung zur nächsten „Soul Cycle“-Filiale als Kriterium in Erwägung ziehen. Im Stadtteil Tribeca wurde jüngst ein Studio wegen Umbaus für drei Wochen geschlossen – und schon berichtete die „New York Times“ von einer Art Massenpanik unter den betreffenden Kunden.

          Keine Kohlenhydrate, keine Fette: eine amerikanische Revolution

          Die Studios gleichen mit den dauerlächelnden Mitarbeitern, der modernen Ausstattung und der Kerzenbeleuchtung eher luxuriösen Wohlfühloasen als Folterkammern. Und dank der hohen Preise, die man bei der Reservierung im Voraus zahlt, kommen die Kunden auch tatsächlich. Absagen werden nur bis 24 Stunden vor der gebuchten Stunde akzeptiert. Wer danach nicht erscheint, muss trotzdem zahlen.

          Anders als bei regulären Fitnessstudios zahlt man hier jede gebuchte Sitzung. 34 Dollar für 45 Minuten Radeln, zuzüglich drei Dollar Leihgebühr für die Fahrradschuhe und zwei Dollar für eine Flasche Wasser – das macht zusammen 39 Dollar. Sind die einmal überwiesen, ist der Schweinehund morgens schnell besiegt.

          Der New Yorker ist eben fitnessaffin. Und die Geschichten von Stammgästen, die bis zu zehnmal in der Woche bis zum Seelenfrieden strampeln, anschließend einen Gemüsesaft frühstücken und einen fast schon obsessiv gesunden Lebensstil frei von tierischen Fetten und Kohlenhydraten preisen, laden natürlich dazu ein, von einer neuen amerikanischen Fitnessrevolution zu sprechen.

          34 Dollar kann man auch ungesünder ausgeben

          Die Wirklichkeit sieht anders aus: Nach Angaben des President’s Council on Fitness, Sports and Nutrition treiben weniger als fünf Prozent der erwachsenen Amerikaner täglich 30 Minuten Sport. Nur einer von dreien bewegt sich, wie von Medizinern empfohlen, mindestens dreimal die Woche jeweils 30 Minuten lang. Etwa 80 Millionen Amerikaner treiben überhaupt keinen Sport, als übergewichtig gelten 78 Millionen, bis 2030 werden es nach offiziellen Schätzungen 115 Millionen sein.

          An diesen Zahlen wird auch „SoulCycle“ wenig ändern. Das Konzept spricht vornehmlich einen kleinen Prozentsatz wohlhabender Großstädter an. Alle bislang eröffneten Filialen konzentrieren sich auf die Küstenmetropolen, in denen Menschen mit hohem Einkommen leben; nur die sind schließlich dazu bereit, für eine Dreiviertelstunde Fahrradfahren so viel Geld auszugeben wie für zwei Kinokarten mit Popcorn.

          Elizabeth Cutler, Mitgründerin des Unternehmens, hat für die hohen Preise allerdings eine entwaffnende Rechtfertigung parat: „Gerade in New York kann man sein Geld ganz schnell für ganz viel Blödsinn aus dem Fenster werfen“, sagt sie. „An einem Abend geben die Leute hier locker 30 bis 40 Dollar für ein paar Cocktails aus. Warum dann bei 34 Dollar für ein berauschendes Sporterlebnis zögern?“ Die erste europäische Filiale von „Soul Cycle“ ist übrigens in London geplant. Noch so eine dynamische Stadt, in der gewöhnliches Fahrradfahren demnächst als überholt gelten wird.

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