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Shitstorm gegen Schöneberger : Wann ist ein Mann ein Mann (im Badezimmer)?

Findet Schminken unmännlich: Moderatorin Barbara Schöneberger Bild: dpa

Barbara Schöneberger bekommt einen Shitstorm, weil sie von Männern fordert, sich nicht mehr zu schminken. Ihr Bild von Männlichkeit ist nicht nur veraltet, sondern auch gefährlich.

          3 Min.

          Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht. Außen hart und innen ganz weich. Und werden als Kind schon auf Mann geeicht. Wenn heute noch stimmt, was Herbert Grönemeyer schon 1984 feststellte, haben es Männer jetzt noch ein kleines bisschen schwerer – zumindest, wenn sie auf Barbara Schöneberger hören, Moderatorin mit eigener Zeitschrift „Barbara“. Die sagt nämlich: Männer, schminkt euch nicht! 

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Schöneberger ist in ihrer Forderung recht konkret. „Bitte nicht schminken. Auch nicht die Augenschatten abdecken. Das ist auch schon schminken. Und auch nicht die Wangen irgendwie betonen oder so“, sagt sie in einem Instagram-Video auf dem Account ihres Magazins. Auch mit Parfüm eindieseln sollen Männer sich nicht, wenn es nach Frau Schöneberger geht. Nur ein klitzekleines Beauty-Ritual erlaubt sie den armen, nicht gut riechenden und fortan von Augenringen gebeutelten Männern noch: „Schmiert euch irgendwas ins Gesicht.“ Egal, was. Was ist denn mit Duschen, Frau Schöneberger? Ist das erlaubt? Und Deo? Haargel? Bürsten? Wann ist ein Mann ein Mann – im Badezimmer?

          Nun ist es natürlich vollkommen in Ordnung, wenn Barbara Schöneberger ihre Männer ungeschminkt bevorzugt. Ungeschliffen, rau, mit hübschen Pickeln und dicken Tränensäcken. Ihre Entscheidung. Doch erstens ist es ziemlich vermessen von Frau Schöneberger, an das Schönheitsideal „der Männer“ mit universellem Anspruch heranzugehen. Sie ist ja schließlich nicht der einzige Mensch, der entscheiden darf, was Männer attraktiv macht. Und zweitens ist ihre Einschätzung dessen, was männlich zu sein hat, zutiefst problematisch. „Männer sind Männer, und Männer sollen irgendwie auch Männer bleiben“, begründet Schöneberger ihre Forderung nach make-up-freien Männern.

          Das hieße nun im Umkehrschluss, dass ein Mann, der sich schminkt, kein Mann mehr ist. Wie genau das Auftragen von Schminken dazu führt, dass ein Mann seine Geschlechtlichkeit einbüßt, ist derweil unklar. Barbara Schöneberger erntete für ihre Aussagen einen Shitstorm. Die Instagram-Größe Riccardo Simonetti, ein Mann, der sich ausgesprochen viel, gerne und vor allem gekonnt schminkt, kommentierte das Video: „Immer wenn wir uns begegnet sind, schien es dir zu gefallen, wie ich aussah. Und ich war jedes Mal geschminkt und frisiert.“

          Nun ist es so: Frauen leiden seit jeher unter enormem Schönheitsdruck. Einige schminken sich, um Schwachstellen auszugleichen, jünger zu wirken, frischer auszusehen. Einem heteronormativen Schönheitsideal der gepflegten Frau mit ausdrucksstarken Augen und vollen Lippen zu entsprechen. Diesen Schönheitsdruck verspüren vermehrt auch Männer. Manche wollen ein besseres Sixpack haben und trainieren wie besessen, andere greifen zu Photoshop, Instagramfiltern und eben, falls sie sich dann mal in die nicht virtuelle Welt begeben, zu Schminke. Es ist sicherlich problematisch, dass auch Männer unter gesellschaftlich auferlegten Schönheitsnormen leiden, etwas, das Frauen schon lange und sehr ausgeprägt tun. Das heißt aber noch lange nicht, dass ein Mann kein Mann mehr ist, weil er sich ihnen beugt. Und sich eben schminkt. Genauso wenig ist es so, dass ein Mann kein Mann wäre, weil er lange Haare hat, Röcke trägt oder High Heels liebt. Und, ob man es nun glauben mag oder nicht: Auch Männer, die weinen, sind Männer. Wenn Jungen sich in der Pubertät schminken wollen, etwa weil sie es schön finden oder sie sich einfach ausprobieren wollen, dann wäre das demnach nicht richtig. Sie würden erfahren, dass sie das nicht „dürfen“, weil sie dann nicht mehr „männlich“ genug seien. Und, dass sie anders sind. Nicht männlich und vor allem nicht richtig so. Das alles wegen ein bisschen Schminke.

          Das Absprechen von Männlichkeit degradiert zugleich Weiblichkeit. Wenn jemand nicht mehr „männlich“ bleibt, wie von Barbara Schöneberger gefordert, dann ist er in ihrer binären Logik eben weiblich. Aber was ist so schlimm an weiblich konnotierten Merkmalen? Ist Schminken gleich schwach, weil es solche Frauen gibt, die dies aus einem Schönheitsdruck heraus tun? Was ist so schlimm daran, sich die Augenringe zu übermalen? Macht das einen Mann zu einem schlechteren Liebhaber, einem schlechteren Vater, einem weniger guten Sportler oder einer weniger starken Person?

          Und dann schminken sich sehr, sehr viele Menschen auch einfach so. Weil sie es können. Weil sie es schön finden. Weil sie ihre Vorzüge hervorheben wollen. Weil sie knallrote Lippen lieben. Weil sie mit schwarzem Kajal provozieren wollen. Vielleicht auch, weil sie ein politisches Statement abgeben wollen. Schminken kann ein bestärkender Akt sein, für Männer und Frauen und alle anderen Personen. Sowieso wäre es wünschenswert, sich von den Vorstellungen, dass bestimmte Dinge oder Tätigkeiten männlich oder weiblich seien, zu lösen. Es gibt weibliche Vorstandschefs und männliche Kosmetiker. Jeder und jede sollte alles tun und eben lassen können. Oder?

          Es ist, glaubt man Herbert Grönemeyer und anderen, für Männer ohnehin schon nicht immer leicht, mit den Erwartungen an ihre Männlichkeit fertig zu werden, sie zu hinterfragen und die eigene Rolle in einer Flut der Geschlechterstereotype zu erkennen. Es hilft nicht, wenn veraltete Klischees vom Mann, der sich nicht schminken darf und der Frau, die sich schminken muss, wieder aufgewärmt werden. Darum: Männer, holt doch den Concealer raus, ran an die Augenringe. Oder eben nicht! Es ist egal.

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