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Seifenherstellung : Daily Soap

Tagelöhner tragen die im Kessel erhitzte Seifenmasse zum Abkühlen ins erste Stockwerk. Mahmud (im Hintergrund rechts) befüllt die Eimer. Bild: Kai Wiedenhöfer

Seit mehr als 1000 Jahren wird in Nablus Seife aus Olivenöl hergestellt. Zu Besuch in einer der letzten Fabriken der palästinensischen Stadt.

          6 Min.

          Es ist sechs Uhr am Montagmorgen in der Seifenfabrik. Eine ockerfarbene Masse blubbert im uralten Kessel. Der halbblinde Mahmud fährt den riesigen Gasbrenner darunter noch einmal richtig hoch. Seit Tagen haben sie das Gemisch gewärmt, gekocht, kalt werden lassen, umgerührt und wieder aufgekocht. Zwei Kollegen schütten etwas Wasser hinzu.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Dann und wann öffnen sie das Ventil eines riesigen Tanks im Boden, um noch ein wenig von dem kostbaren Olivenöl nachzugeben. Gleich ist es fertig. „Man kann die Mischung auch jetzt noch versauen“, sagt Mahmud, „dann ist eine Woche Arbeit umsonst gewesen.“ Ein Kessel, 38.000 Seifenstücke. Es wäre ein großer Verlust. An den steinernen Kessel werden nur erfahrene Leute gelassen.

          Nablus wichtigstes Exportgut

          Mahmud trägt eine schwarze Kappe auf dem Kopf, Gummistiefel und eine Schürze aus Stoff. Seit 50 Jahren arbeitet er hier, in der gleichen Fabrik, in der auch sein Vater einst angestellt war. Im Jahr 1872 wurde das Gebäude gebaut, gleich neben die Stadtmauer von Nablus. Hier produzieren sie bis heute. Als Jugendlicher fing Mahmud einst an. Es waren die turbulenten sechziger Jahre, als Seife aus Nablus noch im ganzen Mittelmeerraum berühmt war und als Jordanien noch die Palästinensergebiete beherrschte.

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          Seit mehr als 1000 Jahren wird in Nablus Seife aus Olivenöl hergestellt. Bis heute ist sie das wichtigste Exportgut der Stadt im Norden von Palästina. Schon der legendäre Weltreisende Ibn Battuta machte hier im 14. Jahrhundert Halt. Er pries Nablus für seine Schönheit, die Olivenbäume und die Seife. Es war nach der Zeit der Kreuzfahrer, die das Heilige Land vorübergehend erobert und sich auch in Nablus niedergelassen hatten. Kreuzfahrer brachten die Nabluser Seife und das Wissen über seine Herstellung zurück bis nach Marseille, wo das edle Waschmittel seither in Manufakturen bis heute produziert wird.

          Die Rezeptur hat sich kaum verändert

          Die Seife hat Nablus groß gemacht. Hier finden Olivenbäume Nährboden, das Wasser der Berge konnte man leicht in die Fabriken leiten. Am Ufer des nahegelegenen Jordan wuchs die zweitwichtigste Zutat der Fabrikanten: eine Pflanze mit hohem Natriumgehalt, in Deutschland als „Mönchsbart“ bekannt. Getrocknet und verbrannt, war sie lange eines der wertvollsten Güter im Nahen Osten: „Qili“ – die arabische Mutter des Wortes Alkali.

          Beduinen brachten ihre Asche mit Kamelkarawanen nach Nablus und Aleppo, in das andere einstige Seifenzentrum. Sie nahmen Geld und fertige Seife zurück und verteilten sie in die arabische Welt. Die Zutaten haben sich in Nablus über die Jahrhunderte kaum verändert: Quellwasser, Olivenöl und Soda (Natron). Nur das Soda wird heute nicht mehr aus den salzhaltigen Uferpflanzen gewonnen. Die Seifenfabrik Toukan bezieht mittlerweile synthetisch hergestelltes Soda aus Saudi-Arabien.

          Die richtige Mischung macht es aus

          „Wenn man zu viel Soda nimmt, wird die Seife bröckelig“, erklärt Mahmud am Kessel. „Und wenn man zu viel Wasser nachschüttet, dann wird sie nicht fest.“ Die richtige Mischung findet er heraus, indem er genau hinschaut und mit der Drei-Meter-Rührschaufel durch die Masse fährt. Über fünf Tage haben sie vier Tonnen Olivenöl, eine Tonne Wasser und 400 Kilo Soda gemischt. Nun ist es soweit. Mahmud ist zufrieden mit seinem Gebräu.

          Rund 1000 Seifenstücke kann ein Arbeiter pro Stunde verpacken.

          Drei Tagelöhner warten schon vor dem Kessel. Jeder hat einen großen metallenen Kübel vor sich, auf dem zwei hölzerne Verstrebungen verschraubt sind. Mahmud zieht die warme Masse an den langen Henkeln eines Eimers aus dem Kessel und schüttet sie in die Kübel. Die Tagelöhner wuchten die zentnerschwere Last auf die Schulter und tragen sie eine steinerne Treppe hinauf. Im ersten Stock der Fabrik haben sie den Fußboden bereits gefegt und mit Wachspapier ausgelegt. Drei Zentimeter dicke Holzlatten begrenzen die Wachspapierfläche. Sie werden die Höhe der Seifenstücke bestimmen.

          Nach einem Tag Aushärten beginnt die Feinarbeit

          Die Tagelöhner schütten die Seifenmasse nacheinander auf den kalten Stein, gleichmäßig in Bahnen. Immer wieder gehen sie die glitschigen alten Steinstufen hinauf und herunter, bis Mahmud keinen Eimer mehr aus dem Kessel zieht.

          Einen Tag lang muss die ausgebreitete Masse erkalten. Dann, am Dienstag, schaben sie mit einem breiten Schieber über den langsam hart werdenden Fußboden aus Seife und beseitigen Unebenheiten. Jetzt beginnt die Feinarbeit.

          Ein Wappen als Schutz gegen Billigware

          Dafür ist Fawaz Tammam zuständig, 1958 in Aleppo geboren, seit 45 Jahren in der Fabrik von Toukan. Mit einem voreingestellten Zirkel misst er den gewünschten Abstand, dann zieht er lange Kordeln horizontal und vertikal durch die obere Seifenschicht. Tausende Planquadrate entstehen.

          Die Angestellten fahren die geschnittenen Stücke zum Trocknen.

          Noch während er die letzten Kordeln zieht, beginnen zwei Kollegen, mit hölzernen Hämmern das Wappen der Familie Tou-kan in die noch weiche Seife zu klopfen: „Muftahein“, zwei Schlüssel. Seit 1930 stempeln sie ihre Seife; damals warf die ägyptische Konkurrenz minderwertige Billigware unter dem Nablus-Label auf den Markt, und Toukan schützte seine Marke.

          Eine Familie mit Einfluss in der arabischen Welt

          Die Schlüssel sollen die Macht der Familie Toukan symbolisieren. Es waren die Schlüssel für die beiden wichtigsten Stadttore, im Besitz der Familie. Die Toukans gehörten über die Jahrhunderte zur Elite von Nablus und stellten bis in die jüngste Zeit viele Bürgermeister. Der Stadtrat von Nablus bestand am Ende des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich aus Seifenfabrikanten. Wer damals in Nablus etwas zu sagen hatte, besaß eine Seifenfabrik.

          Heute leben die einflussreichsten Mitglieder der Toukan-Familie im benachbarten Jordanien. Dort heiratete Alia Toukan 1972 König Hussein und wurde dessen dritte Ehefrau; Alia starb schon 1977 bei einem Hubschrauberabsturz. Zur Toukan-Familie gehörten außerdem ein jordanischer Premierminister, verschiedene jordanische Botschafter und eine Dichterin.

          Oben schütten sie die noch flüssige Seife auf den mit Wachspapier ausgelegten Boden.

          Palästinenser wollen Produkte aus Europa

          Die entsprechenden Familienfotos hängen im Büro des Fabrikchefs Nael Qubbaj, in einer Ecke der Halle. Stolz erzählt Qubbaj von der Familie seines Arbeitgebers, und doch gelangt er schnell zum Niedergang der Seifenproduktion in Nablus.

          Die heutigen Produktionskosten betrügen drei Schekel pro Stück Seife, knapp 80 Cent, rechnet er vor. Auf den Märkten im Westjordanland werden sie für fünf bis sechs Schekel verkauft. Doch gerade jüngere Palästinenser bevorzugten heute moderne Produkte aus Europa oder Fernost.

          Auch zum Haarewaschen geeignet

          „Nicht nur, weil diese Seifen billiger sind“, sagt Qubbaj, „sondern auch, weil die synthetischen Produkte mehr schäumen.“ Die jahrhundertealte Olivenölseife hingegen biedere sich nicht an. Sie beginne erst zu schäumen, wenn die Haut sauber ist. Tatsächlich schmilzt die Seife nur langsam.

          Auch zum Haarewaschen ist sie geeignet, besonders gut soll sie gegen Schuppen wirken. Qubbaj sagt, man versetze Toukan-Seife nicht mit Parfüm oder Zusatzstoffen, wie es mit den Produkten einer gewissen neugegründeten Fabrik in der Nähe auf israelischem Hoheitsgebiet geschehe, die rein mechanisch produziert und auch in Deutschland erfolgreich Seife unter dem Nablus-Label verkauft.

          Mit gefärbten Kordeln wird ein Netzmuster über die Seifenschicht gelegt.

          Seifenfabrik als Andenken

          Zwei Drittel der Seifen exportiert Tou-kan nach Jordanien und von dort aus weiter nach Saudi-Arabien und in die Golfstaaten. Öko-Geschäfte in Europa führen seine Produkte auch, sagt Qubbaj: „In Europa habe ich eines unserer Seifenstücke schon für zehn Euro gesehen.“ Doch nicht wegen des Profits führten die Toukans die Produktion fort. „Wir machen kaum Gewinn.“

          Längst haben die wichtigsten Familienmitglieder ihren Sitz in Jordanien und dort einen international tätigen Mischkonzern aufgebaut mit Beteiligungen auf dem Finanz- und Immobilienmarkt. Qubbaj sagt, die Seifenfabrik betrieben die Toukans vor allem dem Andenken der Familie und ihrer Heimatstadt zuliebe.

          Viele Seifenfabriken produzieren im Ausland

          Die meisten Seifenfabriken in Nablus legten ihre Kessel mit dem Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 still. Die Stadt war ein Zentrum des Aufstands gegen die israelische Besatzung und wurde abgeriegelt. Vielfach zogen sich die Gefechte durch die Altstadt, in der verschiedene Terrorgruppen die Gebäude der stillstehenden Seifenfabriken immer wieder als Rückzugsort nutzten.

          So sprengten israelische Truppen zwei historische Fabrikgebäude vorsorglich in die Luft. Die alteingesessenen Seifenproduzenten zogen außer Landes oder gaben ihre Familientradition auf.

          Israel treibt Transportkosten in die Höhe

          „Vor Beginn der israelischen Besatzung 1967 gab es hier 37 Fabriken“, sagt Qubbaj. „Heute sind es noch zwei, die täglich in Betrieb sind.“ Jetzt herrscht zwar Frieden. Aber Qubbaj sagt, die Verschärfung der israelischen Besatzung treibe die Kosten in die Höhe. „Vor der Intifada produzierten wir 1000 Tonnen Seife im Jahr“, sagt er, „jetzt sind es noch 350.“ Neuerdings verlangten die israelischen Behörden acht Prozent Zoll auf den Export der Seife gen Europa über den Hafen Ashdod, früher nichts.

          Die palästinensischen Lastwagen werden nur bis zum Checkpoint gelassen, an dem israelisches Staatsgebiet beginnt. „Dort müssen wir umladen auf einen Lastwagen mit israelischem Kennzeichen und mit neuem Fahrer.“ Das koste Zeit und Geld. Etwas leichter werde es einem an der Grenze zu Jordanien gemacht, die ebenfalls von Israel kontrolliert wird.

          Öl wird mit italienischem Olivenöl gestreckt

          Auch die palästinensischen Behörden hier im Westjordanland seien keine Hilfe. „15 Prozent Steuern müssen wir auf unseren kleinen Gewinn zahlen.“ Das raube die Mittel zum Investieren. „Früher hatten wir 35 Angestellte, heute sind es gerade noch 19.“ Mittlerweile streckt man sogar das teure und immer weniger produzierte palästinensische Olivenöl mit importiertem Öl aus Italien.

          Wenn sie markiert ist, wird die Seife geschnitten.

          Während sich Seifenkocher Mahmud auf einen Stuhl neben den Kessel gesetzt hat und einen Kaffee trinkt, werden im ersten Stock die Stücke von Hand eingewickelt. 1000 Stück schafft ein Arbeiter pro Stunde und bekommt dafür zehn Schekel, rund 2,50 Euro. Nebenan trocknet die ausgeschüttete Seife.

          Der Duft der vergangenen Zeit

          Später wird sie mit einem Messer geschnitten, das an einem langen Holzstab befestigt ist, und zum Trocknen gestapelt, so wie es Fawaz Tammam und zwei Kollegen mit der schon geschnittenen Seife machen. Sie legen die Stücke versetzt kreisförmig übereinander, so dass die Luft gut zirkulieren kann.

          Die meterhohen zapfenförmig zulaufenden Säulen heißen „Tananir“, Seifentürme. So trocknen die Stücke wochenlang. An jedem der Türme steht eine Zahl für die Woche, in der er gestapelt wurde. Trotz Hunderttausender Seifenstücke steht nur ein leichter frischer Duft in der Halle. Es riecht nach Seeluft. Und nach vergangener Zeit.

          Fotos Kai Wiedenhöfer

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