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Sechs Wochen ohne Friseur : Das ist doch zum Haareraufen!

Mit dem Rasierer ausgerutscht: Finanzminister Olaf Scholz Bild: EPA

In der Krise machen die Deutschen sich ausgerechnet Sorgen um ihre Haare. Unser Autor findet: Das Schließen von Friseursalons war die perfekte Maßnahme, um „Social Distancing“ zu erreichen.

          3 Min.

          Wer die Debatte über die Wiedereröffnung der Wirtschaft nach den Corona-bedingten Einschränkungen verfolgt, kann den Eindruck bekommen, die Deutschen fieberten nichts sehnlicher entgegen als einem Besuch beim Friseur. Als würden die Bundesbürger alle aussehen wie ein Rudel afghanischer Windhunde, die seit Geburt den Hundefriseursalon nur von Ferne gesehen haben – wenn überhaupt.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Man muss sich aber einmal daran erinnern, dass die Schließung der Salons nur anderthalb Monate her ist. Kinderspielplätze waren Mitte März schon geschlossen worden, da durften Coiffeure ihre Kunden noch frisieren. Politiker riefen landauf landab zum „Social Distancing“ auf: Dichter als anderthalb Meter sollte man einem Menschen, der nicht im eigenen Haushalt lebt, nicht kommen, um die Ansteckungsgefahr mit Covid-19 zu minimieren. Friseure durften da noch dichter ran, quasi auf Haarlänge. Erst am Wochenende des 21./22. März mussten die Scheren zur Seite gelegt und die Haarspraydosen ins Regal gestellt werden. Mancherorts durften die Salons am Samstag sogar bis Mitternacht öffnen, um dem großen Bedürfnis der Bürger nach Haarkürzung Rechnung zu tragen.

          In den sechs Wochen, die seitdem vergangen sind, gab es unzählige Artikel zum Thema. Die Öffnung von Friseuren war einer der Punkte, die immer wieder ganz schnell auftauchten, wenn es um die Lockerung von Corona-Maßnahmen ging. Und das lag bestimmt nicht daran, dass viele Angestellte in den Salons sehr wenig verdienen und ohne Lohn in der Corona-Zeit in arge finanzielle Nöte geraten sind. Offenbar halten es die meisten Menschen partout nicht aus, auf dem Kopf so auszusehen, wie die Natur sie schuf.

          Es ist ja kaum so, dass einem Menschen nach sechs Wochen das Haupthaar bis zum Allerwertesten hängt. Bei einem durchschnittlichen Haarwachstum von einem bis anderthalb Zentimetern im Monat dürfte das bei vielen – besonders langhaarigen – Menschen kaum auffallen. So übrigens auch beim Autor dieser Zeilen, der höchstens zwei Mal im Jahr zum Spitzenschneiden die Schere anlegen lässt.

          „Bad Hair Day“? Markus Söder am Donnerstag in Berlin
          „Bad Hair Day“? Markus Söder am Donnerstag in Berlin : Bild: dpa

          Sicher, Menschen sehen lustig aus, wenn sie mehrere Wochen ihre Haare nicht in Form gebracht haben. Aber das ist doch nur eine Frage der Gewöhnung. Das Haupt von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder beispielsweise wirkt nun ein bisschen bewachsener. Der Drang, ihm einmal durch die Haare zu wuscheln, ist stark. Doch so schlimm wie die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer befürchtet, ist es nicht: Sie sprach von einer frisurtechnischen Rückkehr in die achtziger Jahre. Und Bundesfinanzminister Olaf Scholz hätte auch darauf verzichten können, bei sich die Haarschneidemaschine anzusetzen, hinterher sah es eher aus wie gewollt und nicht gekonnt. Kein Wunder, dass auch er zu Protokoll gab, sich auf den nächsten Besuch beim Barbier zu freuen. Allerdings, vielleicht war es auch ein politischer Schnitt frei nach dem Motto: „Seht her! Ich teile euer Elend.“

          Für viele Besucher solcher Etablissements geht es eben um mehr als nur das Kürzen des Haupthaars: Ein Käffchen und natürlich die Lektüre der neuesten Ergüsse der Klatschpresse – so man nicht auf die sonntäglichen „Herzblätter“ warten kann – gehört für die eine oder den anderen zur gelungenen haarlichen Erneuerung einfach dazu. Doch sie werden nun enttäuscht. All das bleibt auch weiterhin verboten. Ein Schnack mit der Friseurin ist aber drin. Angesichts der zu erwartenden Massen, die wegen des Banns von Wartebereichen vor den Läden rumlungern und Einlass begehren, wird er aber kaum länger als die eigenen Haare sein dürfen.

          Im Sinne der Figaros bleibt zu hoffen, dass sich viele Bundesbürger ein Beispiel an Olaf Scholz genommen haben. Dann hätten sie in den kommenden Wochen genug zu tun, all die verunglückten Versuche der Selbstfrisur wieder einigermaßen in Form zu bringen. Ist die Masse an Videos, die über dieses Thema in den vergangenen Wochen auf der Plattform Youtube veröffentlicht wurden, ein Gradmesser, dann war das eines der liebsten Corona-Hobbys der Menschen in der ihnen auferlegten Isolation.

          Epidemiologisch gesehen ist die Öffnung der Haar-Salons jedoch der völlig falsche Schritt. Schon immer gab es Klagen sehr vieler Menschen, sie würden an „Bad Hair Days“ am liebsten gar nicht vor die Tür gehen. Deshalb: Je mehr graue Ansätze die Farbe verdrängen, je mehr Ponys in die Augen fallen, je mehr Spliss den schönen Schein ruiniert, desto leerer würden Deutschlands Straßen. Einfacher ist „Social Distancing“ kaum zu erreichen.

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