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Es geht wieder los! Sogar der Schulanfang lässt sich heutzutage groß feiern. Bild: dpa

Schulanfang als Event : Wir sind wieder da!

Babymoon und Black Friday sind nicht alles: Im jährlichen Eventkalender ist noch ein weißer Fleck auszumachen. Wenn sich aus jedem Quatsch ein Ereignis konstruieren lässt, dann ja wohl auch aus dem Schulanfang.

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          Nun kann wirklich niemand behaupten, dass wir Deutschen es nicht oft genug und hinreichend krachen ließen. Hochzeiten, bei denen die Gäste einfach samstagmittags auftauchen und in den frühen Sonntagmorgenstunden wieder verschwinden, werden seltener gefeiert. Stattdessen gibt es mal mindestens den Abend davor und das Frühstück danach. Das Ganze auch häufig an einem Ort außer Landes, als Destination-Wedding. Zum Honeymoon ist der Babymoon hinzugekommen, und natürlich die Babyshower, als weiteres Event vor der Geburt des Kindes. Über Onlineshops mit Sitz in Deutschland lassen sich Gender-Reveal-Luftballons bestellen: schwarze blickdichte Hüllen, gefüllt mit Konfetti in Blau oder Rosa.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kinder wachsen heute wie selbstverständlich mit Halloween auf. Und nicht selten mit der Gewissheit, einmal im Jahr einen Themen-Geburtstag zu feiern. Die Wohnung verwandelt sich dann in eine Piratenburg, in ein Legoland oder sonst was Spektakuläres. Abiturienten bereiten sich zunächst auf die Prüfungen vor, dann, hin und wieder mit nicht weniger zeitlichem Aufwand, auf die Mottowoche und den Abi-Ball. Wenn jemand in den Ruhestand verabschiedet wird, braucht es ein Organisationskomitee. Selbst der Italiener um die Ecke, der auf der Karte nichts außer Pizza und Pasta stehen hat, sieht zu, am Valentinstag Stimmung zu machen – das Licht zu dimmen, Kerzen auf den Tisch zu stellen, Eros Ramazzotti aufzulegen. Und der Black Friday, der Freitag vor dem amerikanischen Thanksgiving, hat sich innerhalb von wenigen Jahren auch bei uns zum Anlass für Rabatt-Feste gemausert. Ebenso der Cyber Monday am Montag drauf. Der einzige Grund, weshalb nicht auch an Thanksgiving selbst der Truthahn auf dem Tisch steht, wird wohl der sein, dass dann auch die Vorweihnachtszeit anbricht und man im Zweifel schon verplant ist: mit Gänse-Essen und Plätzchenbacken, und man eh noch einen Adventskalender für jemand Liebes fertigbasteln muss. Nicht unbedingt für ein liebes Kleines.

          Der Schulanfang als Event

          Aus jedem Quatsch lässt sich ein Ereignis konstruieren. Auch aus dem Schulanfang. Für Erstklässler ist das eines der echteren Events, klar. Aber da geht noch mehr. Zurück zur Schule, das könnte eine Metapher für die Zeit im Spätsommer und sehr frühen Herbst sein, die nicht nur ein Anlass für die Schüler ist, sondern mal mindestens auch für deren Eltern, die jetzt wieder früher aufstehen müssen, die mit ihren Kindern listenweise Schreibwaren shoppen und zum ersten Elternabend des Schuljahres rasen. Für die Großeltern, die wieder einspringen. Für Kinderlose als Zaungäste. Zurück zur Schule als gesamtgesellschaftliches Ereignis. Augenrollen. Hektik. So jedenfalls läuft das in den Vereinigten Staaten, wo „Back to School“ ein Phänomen ist, das sich locker importieren ließe. Die Industrie steht hierzulande schon bereit. Die „Back to School“-Mails und Angebote stapeln sich im Postfach.

          Man feiert groß, man leidet ein bisschen: So auch die Schauspielerin Reese Witherspoon.

          Selbst unser föderalistisches System, das der kollektiven Rückkehr an Schulen und in Büros natürlich ein Schnippchen schlägt, könnte mehr oder weniger machtlos dagegen sein, dass sich ein weiterer Anlass durchsetzt. Auch in den Vereinigten Staaten müssen nicht alle über 50 Bundesstaaten hinweg am selben Tag wieder zur Schule. Die jährlichen Urlaubstage der Arbeitnehmer sind sowieso gezählt. „Back to School“ ist trotzdem ein Gemeinschaftserlebnis.

          In Frankreich hat sich „La Rentrée“ institutionalisiert

          Klar, die Franzosen haben vor geraumer Zeit, völlig ungerührt von irgendwelchen Amerika-Trends, für sich „La Rentrée“ entwickelt, was denselben Zustand mit allen Begleitumständen beschreibt, eine Art zweites Neujahr zum Schulbeginn, was nur kultivierter wirkt, weil unter diesem Slogan auch die neuen Bücher der Saison erscheinen. Auf amerikanischer Seite regiert da eher ein Hashtag. Über die sozialen Medien nimmt das Phänomen an Fahrt auf. Auch für halbwegs in Vergessenheit geratene Stars ist das ein hübsches Mittel, um was von sich hören zu lassen – irgendwas. Sarah Michelle Gellar fotografiert ihre Kinder mit Tafeln in der Hand: „Charlottes erster Tag der vierten Klasse.“ Auch Reese Witherspoon füllt ihren Feed mit einem Verweis auf #backtoschool – mal mit einer Illustration aus dem „New Yorker“, mal mit einem alten Kinderbild. Back to School ist einigermaßen universell, eine Botschaft, die jeder auf sich beziehen kann: Wir sind wieder da!

          Sie passt, wenn die Kurze-Hosen-Zeit vorbei ist, wenn die To-do-Listen länger werden. Wir nehmen uns wichtig genug, um groß zu feiern. Wir leiden auch, zumindest ein bisschen, im Sinne der Selbstbestätigung. „Back to Life“, so formuliert es die Moodboard-Plattform Pinterest, mit Hinblick auf dieses zweite Neujahr. Gemäß einer aktuellen Erhebung würden in dieser Zeit viele User folgende Suchbegriffe eintippen: „Organisation“, „Routine“, „Ziele erreichen“.

          Hektik. Augenrollen. Listenweise Schreibwaren shoppen.

          Alles Themen, die nach gepflegtem Selbstoptimierungswahn klingen, die aber davon abgesehen der deutschen Mentalität nicht allzu fremd sind und die Frage aufwerfen, warum dieser Start zurück in den Alltag nicht schon seit Ewigkeiten hierzulande einen Namen hat. „Zurück im Leben“ allerdings klingt mehr nach traumatischer Erfahrung. „Die Rückkehr“, nach französischem Vorbild, zu bedeutungsschwer. „Zurück zur Schule“, was in Amerika auch auf Studenten zutrifft, ist zu eng gefasst. Letztlich knirschen nämlich die meisten deutschen Übersetzungen für Anlass-Erfindungen. Auch die „Geschlechts-Enthüllungsparty“, der „Schwarze Freitag“ und die „Reiseziel-Hochzeit“ brauchen am Ende wohl die angloamerikanische Wortschöpfung, hinter der sich der bizarre Charakter dieser Festivitäten zumindest ein bisschen vertuschen lässt.

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