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Schriftsteller Martin Suter : „Ich bedaure den Verlust der Tradition“

  • -Aktualisiert am

Persönlicher Ausdruck: Martin Suter legt Wert auf das Äußere. Bild: Frank Röth

Schriftsteller Martin Suter spricht im Interview über seine Vorliebe für Anzüge, seine Reisegarderobe, gleichmacherische Bärte – und seine Abneigung gegen den Casual Friday.

          7 Min.

          Herr Suter, in Ihren Büchern formulieren Sie gerne Stilregeln. Im neuen Krimi „Allmen und der Koi“ schreiben Sie: „Wie es sich gehört für sommerliche Abendgarderobe, trug Allmen schwarze Seidenhosen mit Galons an den Seitennähten und ein weißes Dinner-Jacket.“

          Das ist natürlich aus der Sicht meines Detektivs Johann Friedrich von Allmen gesehen. Der neue Roman spielt auf Ibiza, ein formeller Anlass im Süden erfordert für ihn ein weißes Dinner-Jacket. Ich habe selbst lange auf der Insel gelebt, leider nie in Kreisen, in denen man sich zum Abendessen umzog. Ich bedauere den Verlust der Tradition.

          Hängen viele weiße Jackets in Ihrem Schrank?

          Nein, gar keines. Ich habe zu selten Gelegenheit, sie zu tragen.

          Warum halten Sie sich mit solchen Tipps zur Etikette nicht zurück?

          Der Allmen ist eine Figur, die halt Wert auf das Äußere legt.

          Sie nicht?

          Doch, ich auch. Ich habe diese Form der Eitelkeit. Ich finde, ein Mann im Anzug ist gut gekleidet.

          Heute tragen Sie einen anthrazitfarbenen.

          Korrekt heißt es mitternachtsblau.

          Maßgeschneidert?

          Ja, sicher. In Zürich im Geschäft bestellt, die schicken's dann nach Portugal zum Maßschneider. Gelegentlich bringe ich mir einen Anzug aus Singapur mit, gute Qualität. Nur leider sind manche Details nicht immer berücksichtigt. Schauen Sie sich meine Ärmelknöpfe am Sakko an. Eigentlich müssten die sich küssen, das heißt, sie müssten ganz dicht beieinander liegen, sodass sie sich berühren. Das tun sie nicht. Schwerer Fehler.

          Sie haben einmal gesagt, dass Gewalt und Dummheit bei anderen Menschen Sie aufregen. Was ist mit schlecht sitzender Garderobe?

          Da bin ich tolerant. Es stört mich nicht, wenn jemand nicht gekleidet ist wie ich. Kürzlich habe ich nur ein bisschen die Nase gerümpft über kurze Hosen für den Mann.

          Auf Twitter haben Sie gereimt: „Der Sommer ist ja keine ganz üble Jahreszeit / Mich stört daran nur eine / Ich nenn's mal Kleinigkeit / Es ist diese Chose von Mann in kurzer Hose.“ Was nervt Sie daran?

          Ich finde, kurze Hosen an Männern haben schnell was Lächerliches. Habe ich das nicht in meinem neuen Allmen-Fall sogar geschrieben? Der findet, selbst eine militärische Bermudashorts hat etwas Monty-Python-Haftes. Man muss relativ jung sein, damit man solche Hosen tragen kann.

          Ist schon bequem an heißen Tagen.

          Die Hitze schlägt doch nicht auf die Beine! Im Winter tragen wir lange und oftmals dünne Hosen. Die Temperatur der Beine hat keine großen Auswirkungen auf den Rest des Körpers.

          Was ist mit dem Gefühl der Beinfreiheit?

          Dann würde ich lieber ein Röckchen tragen. Es gibt in Zürich einen Arzt, der regelmäßig in der Kronenhalle speist, und er trägt einen fast bodenlangen Rock. Geht.

          Diesen Sommer war es auch in der Schweiz irre heiß. Haben Sie trotzdem Anzüge getragen?

          So ab 30 Grad erlaube ich mir Ausrutscher. Leichte Baumwollhosen und ein Hemd. Keine Jeans, die finde ich nicht altersgemäß. Ich habe mich sogar mit T-Shirt auf die Straße gewagt, ohne Jackett. Als wir früher auf Ibiza gelebt haben, kam es selbst vor, dass ich Bermudas angezogen habe. Schreiben Sie das bloß nicht!

          Er lebt Stil auf seine Weise: Den ersten maßgeschneiderten Anzug leistete sich Martin Suter im Alter von 19 Jahren. Auch heute trägt er meistens eines der 20 Modelle, die in seinem Schrank hängen.
          Er lebt Stil auf seine Weise: Den ersten maßgeschneiderten Anzug leistete sich Martin Suter im Alter von 19 Jahren. Auch heute trägt er meistens eines der 20 Modelle, die in seinem Schrank hängen. : Bild: Frank Röth

          Ihr Detektiv Allmen tritt seine Reise auf die Insel mit sagenhaften acht Anzügen im Gepäck an...

          ... ja gut, er dachte, er bleibt weniger lang. Es war ein bisschen knapp.

          Wie viele nehmen Sie normalerweise auf eine Reise mit?

          Wenn ich nur übernachte, kommt es vor, dass ich keinen Anzug mitnehme, sondern den gleichen wie auf der Reise trage. Sonst packe ich vier für den Urlaub ein. In Marrakesch haben wir noch ein Haus, da kann ich ohne zusätzliche Garderobe anreisen.

          Sagt Ihre Frau nie: „Jetzt reicht es, Martin!“

          Doch, das sagt sie. Wir haben in Zürich keinen Platz mehr. Im Schrank hängen schon um die 20 Anzüge.

          Sind Sie etwa „überinvestiert“, wie es über Ihren Detektiv Allmen einmal im Roman heißt?

          Nein, nein, das heißt ja auf vornehme Art, man sei fast pleite. Das habe ich mal vor vielen Jahren gehört, als ein wohlhabender Mann über einen anderen gesagt hat: Er ist leider ein wenig überinvestiert. Ein Obdachloser kann das von sich nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit sagen wie ein ehemaliger Banker, der bei irgendeiner Schweinerei erwischt wurde und nun Schulden hat.

          Bei Ihnen fing die Liebe zum Anzug früh an. Ihren ersten haben Sie sich mit 19 Jahren für 300 Franken in Basel schneidern lassen.

          Mit Hahnentrittmuster und abgestepptem Revers, stimmt. Das war eine Maßkonfektion, da hatte man gewisse Wünsche offen, zum Beispiel richtige Knopflöcher am Ärmel. Ich weiß noch, dass ich mich für einen Dreiteiler entschieden habe und es mich gestört hat, dass mein Bauch die Weste nicht ausgefüllt hat. Ich dachte, die muss ein bisschen rund sein. Das würde mich längst nicht mehr ärgern.

          Was bedeutete Ihnen damals der Anzug?

          Früher war Kleidung sehr bestimmend. Ein Bauer konnte sich nicht wie ein Graf kleiden. Die Zünfte hatten Regeln, was wer nach Stand und Beruf anzuziehen hatte. Heute kann man die Identitäten leichter wechseln. Der Bankdirektor fährt am Wochenende in der Lederkluft auf der Harley-Davidson herum und ist dann nicht mehr der Banker. Das ist das Thema meiner Arbeit. Der Zusammenhang von Schein und Sein. Wer bin ich? Wer könnte ich noch sein? In diesem Zusammenhang war es damals vielleicht wichtig, als Lehrling in einer Werbeagentur eine Maßkonfektion zu bestellen und wie ein Werber auszusehen. Aber der wahre Grund war damals wie immer: Ich mag Anzüge.

          Sie wollten sich mit der Kleidung eine Identität zusammenschustern. Sind Sie ein Mitläufer der Mode?

          Quatsch. Was ich trage, ist doch das Gegenteil von Mode. Wäre ich ein Mitläufer, würde ich mich anders kleiden, wie ein Dandy, mit mehr Farben.

          Welche Identität tragen Sie heute zur Schau?

          Die des urbanen Schriftstellers. Anzug, weißes Hemd, dazu eine gepunktete Krawatte. Das ist übrigens ein Vintage-Modell, vor 30 Jahren im „Brockenhaus“ gefunden, einem Schweizer Trödelgeschäft. Wenn Sie Ihren Schrank ausräumen oder einen Nachlass verwerten, rufen Sie das „Brockenhaus“ an.

          Ihr Hemd stammt bestimmt nicht vom Flohmarkt. An der Brusttasche ist Ihr Monogramm eingestickt.

          Wenn man das nicht von der Stange kauft, gehört das dazu. Ist eigentlich die falsche Stelle. Das Monogramm müsste vorne kurz über dem Bund sein. Das Erkennungszeichen stammt aus der Zeit der Wäschereien oder der großen Häuser, in der mehrere Herren ihre weißen Hemden der Wäscherin gaben.

          Hatten Sie schon immer eine Vorliebe für gestärkte Hemden?

          Die Hemden, die ich trage, sind nicht gestärkt. Sie haben weiche Kragen und Manschetten. Ich hasse Gestärktes. In den siebziger Jahren trug ich auch bunte Secondhand-Modelle. Für unsere große Reise durch Afrika habe ich mir Safarihemden aus dem Army-Surplus-Store geholt, dazu schöne Khakihosen von der Portobello Road in London.

          Mit Ihrer damaligen Freundin reisten Sie 1972 ein Jahr durch Afrika und Asien.

          Ich weiß noch, am Ende saßen wir in Sri Lanka und haben überlegt, wie wir günstig zurück nach Zürich kommen. Damals flog die Aeroflot von Colombo über Moskau in die Schweiz, die Fluggesellschaft hatte so ein Angebot, weiterreisenden Passagieren den Aufenthalt in der Sowjetunion zu bezahlen. Rucksacktouristen wie wir haben dann nach der schlechtesten Verbindung gesucht, um noch möglichst lange in Moskau zu bleiben und in einem guten Hotel zu übernachten. Wir verbrachten schließlich drei Tage in Moskau. Wir hatten zwei Sätze Kleider, eine Jeans und eine Jeansjacke. Auf dem Roten Platz wurden wir von jungen Leuten angehalten, die uns fragten, ob wir ihnen unsere Klamotten verkaufen würden. Wir konnten sie leider nicht abgeben, weil wir nichts mehr hatten.

          Kleidung kann eben auch ein Zeichen des Protests sein.

          Natürlich ist Stil immer ein persönlicher Ausdruck. Die Weigerung, im Konfirmandenanzug herumzugehen, war ein Protest. Heute gilt es vielen Männern als unglaublich spießig, eine Krawatte zu tragen. Ich hingegen finde es eine unglaublich spießige Form des Protests, keinen Schlips zu tragen und den Casual Friday im Büro zu feiern: „Heute müssen wir nicht elegant gekleidet sein, heute kommen wir locker.“ Das ist doch nur eine Äußerlichkeit. Man ist nicht weniger spießig, wenn man keine Krawatte trägt.

          Noch nie abgewiesen worden, weil Sie keine trugen oder gar das falsche Outfit?

          Einmal wurde ich in Basel nicht in einen Club eingelassen. Wegen meiner Kleidung. Da hatte ich einen Designeranzug aus Leinen an – von Armani! Der war ganz zerknittert, wie das für Leinen normal ist. Und damit durfte ich nicht rein. Können Sie sich das vorstellen?

          Tom Wolfe trat immer im weißen Anzug auf. Samuel Beckett trug gern eine Frauen-Handtasche von Gucci über seiner Schulter. Haben Sie eine Martin-Suter-Marotte?

          Wenn man so alt ist wie ich und sich nicht sehr verändert hat, hat man sicher seinen Look gefunden. Vielleicht sind es meine Haare: streng nach hinten gelegt.

          Finden Sie gegelte Haare geschmackvoll?

          Ich mag längere Haare, mir haben sie immer gefallen, weil sie einem so was Argentinisches geben. Der andere Grund ist banal: Ich habe unglaublich lockiges Haar. Wenn ich da nicht Brillantine, nicht Gel reinmache, sehe ich aus wie ein Komparse im „Hair“-Musical.

          Sie könnten die Frisur unter einem Hut verstecken!

          Ich wäre gern ein Hutträger, ich warte auf das Comeback des Herrenhuts. Allerdings befürchte ich, ich werde es nicht mehr erleben.

          Warum beginnen Sie nicht einfach und setzen den Trend?

          Wissen Sie, ich habe keine Vorliebe für die Originalität. Trotzdem halte ich Hüte für schöne Objekte, einen eleganten Borsalino oder einen Panama, den man zusammenrollen kann. Hüte sind leider immer auffällig. Ich sehe manchmal diese Reisenden im Flugzeug, die mit einem Sombrero aus Mexiko zurückkommen und die Gepäckablage verstopfen. Tragen kann den doch niemand zu Hause, höchstens wenn er ein bisschen angetrunken beim Grillieren ist.

          Eine andere Sache, die Sie bei Männern stört, ist der Hang zum Bart. Wieso?

          Weil Bärte so gleichmacherisch sind. Sie sehen das auch, wenn Sie alte Fotos anschauen aus der Wende zum 20. Jahrhundert. Diese Herren können Sie kaum mehr unterscheiden. Man muss schon zweimal schauen. Ich habe jedoch Verständnis für diese Neugier herauszufinden, wie man mit Bart aussieht, ich habe ein Weilchen einen Schnauzer gehabt.

          Ein bisschen wie Freddie Mercury in den Siebzigern?

          Mehr gezwirbelt. Das war auf der Afrikareise und damals in Mode. Ich habe ihn mir während des Militärdienstes wachsen lassen. Da standen wir einmal an einem Bauernhof, ich rasierte mich am Brunnen, und ein Soldat hat gefragt: Spinnst du, warum machst du das? Ein anderer, etwas erfahrener Soldat, sagte zu ihm: Siehst du denn nicht, dass er will, dass man sieht, dass er sich einen Schnurrbart stehen lässt?

          Um was beneiden Sie junge Männer, wenn Sie diese auf der Straße sehen?

          Um den Zustand der Jugend an sich. Wenn man sich darin befindet, genießt man es gar nicht richtig. Es gibt dieses Zitat, ich weiß nicht, wer es gesagt hat: Es sei schlimm, dass die Jugend an Minderjährige verschwendet werde. Dieses Gefühl kenne ich. Ich schaue mir alte Fotos an und denke: Wenn ich gewusst hätte, wie ich damals ausgesehen habe, hätte ich sicher mehr davon profitiert.

          Hat sich das Benehmen der Jugendlichen in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

          Ach, ich weiß nicht. Ich finde gewisse junge Männer unerträglich, aber das dachte ich vor 50 Jahren auch. Vielleicht gab es früher andere Umgangsformen, weil wir alle aus strengeren Verhältnissen kamen, von Schule und Elternhaus mehr indoktriniert, oder man sagte: erzogen wurden. Das Unflätige war weniger verbreitet. Ich bin immer gerührt, wenn ich höfliche junge Menschen treffe.

          Über Martin Suter

          Aufgewachsen ist Martin Suter in Zürich und Freiburg (Schweiz). Von 1968 an arbeitete er als Werbetexter, später wandte er sich dem Schreiben zu – zunächst als Journalist, dann auch als Schriftsteller. Sein erstes Buch „Small World“ erschien 1997 und wurde ein Bestseller. Bislang hat der Einundsiebzigjährige zehn Romane geschrieben und sechs Krimis um den verarmten Kunstdetektiv Johann Friedrich von Allmen. Dessen neuer Fall, „Allmen und der Koi“, ist gerade erschienen. Suter ist zum zweiten Mal verheiratet und hat eine Adoptivtochter, die Familie lebt in Zürich. Wenn er keine Lust auf das Schreiben langer Texte hat, macht er mit dem Chansonnier Stephan Eicher Musik und schreibt kleine Verse.

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