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Schönheit in Asien : Blässe um jeden Preis

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Schneewittchenwahn: ein Werbeplakat für Hautaufhellung in Neu Delhi Bild: Picture-Alliance

Millionen Frauen in Asien pudern, cremen und schlucken Pillen oder lassen sich Mittelchen injizieren, um ihren Hautton aufzuhellen. Der Trend bringt skurrile Produkte und diskriminierende Werbung hervor. Momentaufnahmen aus vier Ländern.

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          Malaysia: Weißer Job, weiße Haut, sauberes Leben

          Wer das Museum of Enduring Beauty in Malakka besucht, kann viel lernen über schmerzhafte Rituale zugunsten der Schönheit. Zusammengebundene Füße, grotesk in die Länge gestreckte Hälse oder brutal verformte Babyköpfe sind nur einige der gängigen Praktiken. Der größte Trend in Malaysia und auf dem gesamten asiatischen Kontinent wird in der Ausstellung allerdings verschwiegen: das Weißen der Haut durch Bleichprodukte.

          Millionen Frauen in Asien pudern, cremen und schlucken Pillen oder lassen sich Mittelchen injizieren, um ihren Hautton aufzuhellen. „Asiaten sind sehr besorgt um ihre Haut“, sagt Alfie, der in einem Schönheitssalon in Kuala Lumpur arbeitet. „Unsere Whitening-Gesichtsbehandlungen wirken gegen Pickel, Falten und dunkle Hautstellen.“ Unreine Haut und dunkle Haut – das scheint in Malaysia für viele eins zu sein. Was auch erklärt, weshalb in fast allen erhältlichen Bodylotions, Gesichtsmasken und Sonnencremes Bleichanteile enthalten sind. Touristen haben es schwer, ein Produkt ohne Aufheller zu finden.

          Trotzdem ist das Weißen der Haut ein Tabuthema. Jeder bemüht sich, so zu wirken, als sei seine helle Hautfarbe natürlichen Ursprungs. Die Farbe Weiß ist in Asien ein Symbol. Wer dunkle Haut hat, der arbeitet auf dem Feld oder auf dem Bau, er verrichtet einen niederen Job. Im Gegensatz dazu stehen die erstrebenswerten Berufe, die „white collar jobs“: Arbeit in Büros, die man im weißen Hemd ausüben kann, mit gutem Verdienst, in klimatisierten Räumen, ohne bräunende Sonneneinstrahlung. Weißer Job, weiße Haut, sauberes Leben.

          Touristen lassen sich in Asien dagegen oft bräunen. Das hat zu einer Behauptung geführt, mit der Asiaten den Bleaching- Trend erklären. „Europäer mögen gebräunte Haut“, sagt Alfie, „während Asiaten eben bleiche Haut idealisieren.“ Vieles in den beiden Welten sei unterschiedlich. Aber stimmt das noch? Die Solarien in Deutschland waren noch in den neunziger Jahren weitaus besser besucht, auf den Laufstegen in Mailand, London oder Paris wirken die Models alles andere als sonnengebräunt. Und sehen die Urlauber, die auf Pulau Langkawi am Strand liegen, ihre Bikinistreifen nicht einfach als Urlaubserinnerung für die Neider zu Hause?

          Alfie kann nur darüber staunen, dass so viele Urlauber in der Sonne braten. Auch unter malaysischen Männern ist die Praxis des Bleichens verbreitet. Er selbst hat schon mit Anfang 20 angefangen, seine Haut aufzuhellen und die Sonne zu meiden. Einmal in seinem Leben hatte er einen Sonnenbrand – das ärgert ihn noch heute. Jetzt ist er 37 Jahre alt, hat schlechte Haut und versucht, seine Pickel und großen Poren mit einer dicken Make-Up-Schicht zu kaschieren. Ob er sich darüber ärgert, dass er dem Schönheitsideal gefolgt ist? „Asiaten beschweren sich nicht“, sagt er. Und zuckt die Schultern.

          Hochzeit in Indien: In Heiratsanzeigen werden besonders hellhäutige Mädchen gesucht.

          Indien: Bleichtrend beginnt oft schon vor der Geburt

          Liest man die Heiratsanzeigen der „Hindustan Times“, bekommt man eine leise Ahnung davon, was der Teint für indische Frauen und Männer bedeutet. In vielen Zeitungsannoncen werden explizit „helle und schöne“ Mädchen gesucht. Das wirkt sich im Konsum aus: Knapp zwei Drittel der Frauen zwischen 16 und 35 Jahren verwenden Bleichprodukte.

          Die Wissenschaftler Munisamy Malathi und Devinder Thappa, die an der medizinischen Hochschule in Puducherry das Aufhellen erforschen, attestieren den indischen Frauen, von ihrer Hautfarbe „besessen“ zu sein. In Indien werde helle Haut mit Wohlstand, Attraktivität und gesellschaftlichem Ansehen assoziiert. Der Wunsch, weiß zu sein, gehe sowohl auf die Geschichte zurück, weil das Land lange von hellhäutigen Nationen besetzt war, als auch auf das Kastensystem, da Angehörige höherer Kasten meist einen helleren Teint hätten als Mitglieder niedrigerer Kasten.

          Für viele Asiaten ist es unverständlich, wie exzessiv ausländische Touristen an den Stränden Sonnenbaden.

          Das Weißen der Haut beginne oft schon vor der Geburt, wenn werdende Mütter zu Hausmittelchen aus Zitrusfrüchten und Safran griffen, um den Teint des Ungeborenen zu beeinflussen. Aufrechterhalten wird der Bleichtrend laut Malathi und Thappa von den Medien – und von der Werbung. Doch da bildet sich schon eine Gegenbewegung. Im Jahr 2012 reagierten viele Inderinnen entrüstet auf die Tatsache, dass im Fernsehen eine aufhellende Intim-Waschlotion beworben wurde.

          Zudem rief die indische Organisation „Women of Worth“ 2009 die Kampagne „Black is Beautiful“ ins Leben, um die Diskriminierung in Werbung und Gesellschaft zu bekämpfen. Im Blog dazu klagen viele Frauen ihr Leid. Eine Nutzerin namens AJ Franklin beschreibt, wie ihre Verwandten behaupteten, Franklin habe ihre „weiß geborene“ Tochter „irgendwie verdunkelt“, nachdem sie sie aus dem Krankenhaus mit nach Hause genommen hatte.

          Pranuthi Bunyan musste erleben, wie Leute vor ihren Kindern verlautbarten: „Dein jüngerer Sohn hat eine bessere Farbe als die anderen.“ Ein kleiner Fortschritt zeichnete sich im vergangenen Sommer ab. ASCI, eine Organisation der indischen Werbebranche zur freiwilligen Selbstkontrolle, veröffentlichte ein Papier, das auf diskriminierende Werbespots für Bleichkosmetika aufmerksam machen soll.

          Die indischen Vorschriften änderte das nicht – viele Firmen können ihre Produkte für eine Effizienz anpreisen, die gar nicht erreicht wird. Kosmetika dürften eigentlich gar keine Wirkung haben, sagt Maurizio Podda, Direktor der hautärztlichen Klinik in Darmstadt. Dennoch enthielten viele Produkte Substanzen, die auf chemische Weise zur Aufhellung führten, indem sie beispielsweise die Melaninbildung hemmen.

          „Wenn man nicht aggressiv vorgeht, ist das eigentlich nicht schädlich für die Haut. Doch es werden viele Substanzen vertrieben, die nicht geprüft sind und deren Toxizität nicht bekannt ist.“ Produkte mit hoher Wirkung verkauften sich besser – „aber je invasiver das Verfahren, desto häufiger die Nebenwirkungen“, sagt Podda. Viele Nutzerinnen reagierten mit Hyperpigmentierung, also dunklen Flecken auf der Haut, oder mit Akne. Zudem werde der Teint durch die Aufheller mit der Zeit gräulich und matt. Einige der bekannten Substanzen sind in Deutschland umstritten – wie Kojisäure, Arbutin und Hydrochinon. Letzteres gilt als krebserregend und ist in der Europäischen Union seit 2001 verboten.

          Asisatische Touristen in Bangkok: Schutz vor der bräunenden Sonne bieten Schirme in allen Farben.

          Thailand: Slogans diskreditieren dunkle Haut

          Wer in Bangkok auf der Suche nach Aufhellern ist, stellt fest, dass in den Regalen der Apotheken oft nur leere Pappschachteln zu finden sind – ohne Whitening-Mittelchen drin. Die werden hinter der Kasse aufbewahrt, um sie vor Dieben zu schützen. Sogar die Tester werden mancherorts gestohlen. Vielleicht liegt es daran, dass Aufheller in Thailand besonders stark beworben werden. Überall hängen große Plakate mit gleißend hellen Frauen, in den U-Bahnen sieht man in manchen Gesichtern dicke, weiße Make-Up-Ränder.

          Bleichprodukte sind ein Riesengeschäft für die Konzerne: Unilever, L’Oréal, Beiersdorf AG – alle mischen mit. Mit Aufhellern könnten schon 2018 Umsätze von rund 20 Milliarden Dollar gemacht werden, dank der blühenden Märkte Asien, Mittlerer Osten und Afrika. In Mitteleuropa ist das alles übrigens kein Thema. Podda nimmt in seiner Darmstädter Klinik Aufhellungen nur bei Pigmentstörungen vor – die Nachfrage nach einer künstlichen Aufhellung des Gesichts liege zur Zeit bei Null.

          In Thailand gibt es die Kosmetika in allen Preisklassen. No-Name-Mittelchen werden auf Märkten in Bangkok für wenig Geld verkauft. In der Apotheke kosten Markenprodukte bis zu 2200 Baht (52 Euro) – ein Fünftel des durchschnittlichen monatlichen Bruttolohns. Der Erfindungsreichtum der Konzerne kennt kaum Grenzen. Es gibt Seren, Schäume, Bodylotions und Tinkturen („Snow Girl“, „Baby Face“, „Edelweiss“, „Sakura White“); Extra-Cremes für Armbeugen, Innenschenkel, Ellenbogen und Knie, weil die Haut an diesen Stellen gewöhnlich dunkler ist; und eine „Finale Pinknipple Cream“, die Brustwarzen rosa färbt, weil das besser zu einem hellen Körper passt.

          Slogans diskreditieren dunkle Haut. So verspricht die Marke OceanLab, dass es ein Traum sei, „ein weißer Engel zu sein“. Das Puder „White Superfresh“ von Nivea erklärt seine Notwendigkeit damit, dass man sich „nicht frisch fühlt, wenn man nicht weiß aussieht“. In der populären Frauenzeitschrift „Spicy“ sind viele Seiten gefüllt mit Anzeigen für Beauty-Produkte, und die Artikel werden mit extrem hellhäutigen Models bebildert.

          Die Medien zeigen oft eine farbliche Parallelgesellschaft, zu der viele Frauen, aber auch Männer gehören wollen. Das aber schaffen sie nur zeitweilig. Es gibt zwar Produkte mit Langzeitwirkung – doch die Haut dunkelt biologisch immer wieder nach.

          Für mehr oder weniger radikale Varianten der Haut-Aufhellung gibt es in Asien einen großen Markt.

          Singapur: Kein Konsens beim Bleichtrend

          Die Geschäfte und Einkaufszentren im Stadtstaat scheinen auf ein internationales Shopping-Publikum ausgerichtet zu sein – mit Geschäften teurer Marken, Bekleidungsketten und amerikanischer Kosmetik mit Diamantpuderanteil. Hier und da werden auch Bleichprodukte angeboten. Die aber kommen laut Verkäuferinnen hauptsächlich bei Touristen an. Haneekim, die aus Südkorea kommt und in Singapur lebt und einkauft, sieht keinen Konsens beim Bleichtrend.

          „In Singapur leben viele verschiedene ethnische Gruppen: Chinesen, Inder, Malaien und andere. Sie alle haben eine jeweils andere Perspektive auf Schönheit.“ Klar ist, dass in Singapur bestimmte Bleichpraktiken verboten sind, zum Beispiel die intravenöse Verabreichung von Vitamin C. „Auf die Haut aufgetragen, hat Vitamin C eine schwache aufhellende Wirkung“, sagt der Mediziner Podda. Die Injektion mittels Spritzen sei allerdings wirkungslos. Haneekim sagt, vielen Frauen in Singapur seien Injektionen ohnehin zu radikal. Wer bleichen möchte, gehe zur Laserbehandlung.

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