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Die Schauspielerin Maria Furtwängler hat gemeinsam mit ihrer Tochter die Stiftung Malisa gegründet, die für eine gleichberechtigte Gesellschaft kämpft. Bild: dpa

Maria Furtwängler im Interview : „Wir Frauen sind verdammt mutlos“

Eine Studie zeigt: Frauen sind unterrepräsentiert – auf Youtube, in Musikvideos, auf Instagram. Und sie kommen primär in einem Bereich vor: Beauty. Die Auftraggeberin der Studie, Maria Furtwängler, im Interview.

          6 Min.

          Auf eine Frau kommen zwei Männer – das ist nicht nur im Fernsehen so, sondern offenbar auch auf Youtube, in Musikvideos und auf Instagram. Frau Furtwängler, Ihre Stiftung Malisa hat gerade eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass Frauen auch in nicht linearen Medien viel weniger sichtbar sind als Männer. Und dass sie sich thematisch in einem extrem begrenzten Feld bewegen: vorrangig Beauty. Welches Ergebnis hat Sie besonders schockiert?

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Was überdeutlich geworden ist, ist dieser extrem schmale Korridor, in dem Frauen zu finden sind: also es geht hauptsächlich um Schönheit, Schlanksein, Schminken. Generell um Beauty. Das macht mich schon ein bisschen nachdenklich in Sachen nächster Generation. Es spricht ja erst einmal nichts dagegen, diese Themen abzubilden – wir alle wollen bei Gelegenheit mal wissen, wie man sich hübscher schminkt und die Haare richtig macht. Aber dass es sich bei den Frauen wirklich so extrem auf diesen Bereich fokussiert, das wird höchstens noch von paar Bastel- oder Kochtipps getoppt, finde ich erstaunlich. Dass wir Frauen uns auch selbst so reduzieren, wir eben nicht wie die Männer ein breites Spielfeld haben, die sowohl dick als auch dünn als auch lustig als auch doof sein können – das stimmt mich auf jeden Fall nachdenklich. Wir haben im Film und Fernsehen angefangen und da mehr Diversität gefordert. Und uns beklagt, dass Frauen meistens im Beziehungskontext vorkommen und meistens jung und hübsch sind. Aber in den sozialen Medien ist es noch viel härter, die sind noch viel, viel weniger divers. Gerade in dem Bereich, wo wir am freisten und vollkommen divers sein könnten, weil hier niemand von oben normiert ist, gerade in diesem Bereich normieren wir uns selbst. Denn es gibt ja auch in den sozialen Medien durchaus andere Angebote, aber die gelangen fast nie in den Mainstream, nicht in die Influencer-Liga.

          Zumal es ja oft Privatpersonen sind, die sich da inszenieren.

          Ja, so fängt es oft an. Es kommen dann irgendwann wirtschaftliche Interessen dazu, die Frage: wo kann ich Werbung plazieren? Die Markenartikler haben einen steuernden Effekt, Werbung für einen Lippenstift oder eine Handtasche wird gut bezahlt. Das spielt sicher eine Rolle. Und sobald die Influencerinnen etwas aus der Rolle fallen, mal etwas anderes probieren, etwa komisch sein wollen oder etwas politisch kommentieren, gibt es schnell viel Hate. Der Bereich Schminken und Haare, den traut man eben eher zu. Da gibt es weniger Hate. Das ist ja sowieso ein Phänomen, dass etwa auch Frauen aus der Wissenschaft schnell Hate bekommen, sobald sie sich inhaltlich äußern. Und der Hate zielt dann immer auf ihr Äußeres, ihr Frausein ab. Das ist etwas, das zusätzlich einschüchtert.

          Die Userinnen könnten sich auch anderen Content, andere Videos oder Kanäle suchen.

          Ja, genau. Es war für mich auch total spannend zu sehen, wie genau die Userinnen die Posen der Influencerinnen nachahmen, teilweise wirklich eins zu eins. Klar, es sind Vorbilder. Und wenn die Vorbilder größtenteils aus einem Bereich kommen, in dem es darum geht, besonders schön, besonders schlank, besonders liebenswert zu sein, ist das natürlich nicht unbedingt ermutigend. Da wächst keine Generation heran, die sagt „Wir wollen die Welt retten“, oder: „Ich hab die geilste Erfindung“, sondern da geht es nur darum, die Schönste im ganzen Land zu sein. Nach dem Motto: „We don't become teamplayers.“

          Es fördert ja auch nicht gerade die Individualität der Mädchen, wenn alle gleich aussehen wollen und nicht anecken dürfen.

          Ja, das hat sich schon echt verändert. Unsere Forscherin Maya Götz hat ja fünf typische Posen identifiziert, die sowohl bei den Influencerinnen als auch bei den Followerinnen beliebt sind.

          Also: 1) Locker, stark und doch sexy: das zur Seite ausgestellte Bein; 2) „Das liebenswürdige Mädchen“: das zufällig überkreuzte Bein; 3) Ein angewinkelter Arm und die Hand wie beiläufig im Haar; 4) Der attraktiv in S-Form gebogene Körper; 5) Der vermeintlich zufällige Blick über die Schulter

          Genau. Und was da der Unterschied zu meiner Generation ist: Wir hatten damals die Wahl. Ich konnte mir aussuchen, ob ich Popper bin oder Punk. Oder Grufti, die gab's damals noch. Heute hat man das Gefühl, es gibt nur noch einen Look, das ist: sehr hübsch, sehr schlank, lange Haare, möglichst blond - wenn man Glück hat, so wie ich, sonst hilft man eben nach - also es ist wahnsinnig uniform. Das ist eine freiwillige Normierung. Und das ist erstaunlich.

          Wie erklären Sie es sich, dass Frauen sich auch heute noch selbst so inszenieren?

          Ich glaube, das ist das tiefe menschliche Bedürfnis, dazuzugehören. Das Urbedürfnis zu gefallen. Und dafür muss ich mich der Peergroup praktisch anpassen. Es gibt eben nicht mehr so viele verschiedene Looks, denen ich entsprechen kann. Durch das Hochspülen von diesen erfolgreichen Frauen ist das wahnsinnig schmal geworden. Der Antrieb ist das Gefühl, ok zu sein, dazu zu gehören, angenommen zu werden. Irgendwohin zu passen. Das Blöde ist: es gibt nur noch eine Passform.

          Dabei denken wir ja eigentlich auch, dass wir immer toleranter werden.

          Ja, und dass vor allem das Internet die Diversität schier fördern würde, weil jeder sich und seine Ideen darstellen können. Aber es ist in das komplette Gegenteil gekippt. Am Ende kommt man bei einer Kritik des Neoliberalismus heraus. Vielleicht wird es eine Gegenbewegung geben, das kann schon sein.

          Die gibt es ja schon, die sogenannte Body-Positivity-Bewegung. Aber die ist vielleicht noch nicht so bekannt. Feminismus wird ja auch immer populärer, gerade bei jungen Frauen.

          Das ist alles wenig Mainstream. Also die Influencerinnen, mit denen wir gesprochen haben, fanden Feminismus alle wahnsinnig uncool. Für die ist das „unhübsch“ und mit der Vorstellung verbunden: „Die wollen dann direkt die Macht über die Männer haben.“ Die haben verquere Ideen davon. Also alles, was irgendwie damit zu tun hat, sich gegen den Trend zu positionieren, ist für die wahnsinnig uncool.

          Verstärken die sozialen Medien diese Rollenbilder oder bilden sie nur die Realität ab?

          Die verstärken auf jeden Fall. Dadurch, dass die Bilder nach oben kommen, die die meisten Likes haben, wird die Realität im Moment eher reduziert. Das trägt eher zu einer Normierung bei.

          Sie haben zu diesem Thema auch mit bekannten Influencerinnen wie etwa Stefanie Giesinger gesprochen, die zur Vorstellung der Studie gekommen ist. Giesinger ist Model, sehr hübsch – und postet viele Beautyshots. Was sagt sie zu diesem Thema?

          Erst einmal Hut ab, dass sie gekommen ist und sich unseren Fragen gestellt hat. Es macht meiner Meinung nach keinen Sinn, die Influencerinnen zu bashen. Man kann und muss mit ihnen reden. Und ihnen so, wie uns Medienschaffenden auch, ein Bewusstsein für ihre Verantwortung geben, das ist auch mein Antrieb. Ich habe da eine Verantwortung. Stefanie Giesinger war extrem offen. Ich rechne ihr ihre große Bereitschaft hoch an. Sie ist sowieso eine, die partiell schon mal ausbricht. Sie zeigt sich mal ungeschminkt nach dem Sport, sie zeigt ihre Narbe auf dem Bauch - und hat dafür wiederum Hate bekommen. Und sie war auch irritiert, als wir ihr zeigten, wie eine Followerin eine Pose von ihr, ausgestreckt auf einer Luftmatratze, nachgestellt hat. Das war ihr vielleicht auch gar nicht so bewusst, wie stark die Follower versuchen, genauso auszusehen. Wie diese Supermodels, die ja auch noch mal mit Superschminke und super Licht abgebildet werden. Dabei sind da ja noch 'zig Filter drauf, dabei ist das ja fake.

          Wie nehmen die in der Studie befragten Jugendlichen das selbst wahr, dass Frauen so auf ihr Äußeres reduziert sind?

          Die kennen das irgendwie nicht anders. Die finden das süß und toll und wollen auch so sein. Das Problem ist, die haben wenig Distanz zu diesen Bildern. Die haben das Gefühl, das ist eins zu eins die Wirklichkeit. Wir haben ein Mädchen vorgestellt, das erzählt, sie mache sich immer die Beine länger, damit es „natürlich“ aussieht. Also die Vorstellung von dem, was natürlich ist und wie eine natürliche Haut aussieht – gerade in der Pubertät ein Riesenthema – hat sich extrem verschoben. Und das führt zu einem zunehmenden Unwohlsein der Mädchen.

          Den Einfluss auf das Körpergefühl zeigt ja auch die Studie. Dass Mädchen sich Optimierung an den Brüsten und am Po wünschen, Jungen breitere Schultern und ein Sixpack. Ist das eine Rückkehr zu alten Rollenbildern?

          Das ist auf jeden Fall unser Eindruck. Die starke Betonung von Schönheit, Akzeptanz durch Schlankheit, Attraktivität, Basteln und Kochen bei Frauen. Auch wenn die Mädchen erfolgreich sind, bezeichnen sie ihre Tätigkeit oft noch als Hobby. Sie sagen nicht: „Hey, das ist mein Beruf.“ Dabei sind das ja unglaubliche Geschäftsfrauen. Eine Influencerin, die extrem erfolgreich ist, und mit ihrer Mutter gemeinsam alles selbst managt, erzählte mir, sie wollte auch mal zeigen, dass sie nicht nur bei luxuriösen Shows ist. Sondern dass das auch viel Arbeit ist. Und sie sitzt auf dem Bild vor einem Berg aus Rechnungen. Da bekam sie sofort die Rückmeldung, wie uncool das sei. Es ist schon ein Sehnen da nach diesem Prinzessinnendasein. Mühelos, schön, schlank, unbeschwert.

          Bei wem sehen Sie nun die Verantwortung, daran etwas zu ändern?

          Ich glaube, es ist gut, dass es Formate wie Funk (das junge Angebot von ARD und ZDF, Anmerkung der Redaktion) gibt, die machen einen tollen Job. Es wäre toll, wenn in der Schule eine größere Medienkompetenz gelehrt wird und einfach eine Wachheit dafür, dass viele Inhalte gefaked sind. Nicht der Wirklichkeit entsprechen. Dass man den Schülern beibringt, da eine gewisse kritische Distanz zu haben. Und wir alle müssen immer wieder auf andere Kanäle hinweisen.

          Wie kommt es, dass Frauen weniger sichtbar sind? Wollen wir nur bestimmte Frauen sehen?

          Auf der einen Seite kann man gerade im Film und TV sagen, dass das auch mal mehr, mal weniger bewusst gesteuert wird. Von Männern, die die Filme machen und eben ihre Vorstellungen, ihre männliche Sichtweise einbringen. Aber auf der anderen Seite sind wir Frauen oft auch verdammt mutlos. Auch mal was zu wagen, rauszugehen. Das ist nicht nur der Fehler im System. Wir erziehen ja auch die nächste Generation, die sich dann wieder nur auf einen Bereich konzentriert, in dem es um Schönheit und Jugend und Schlankheit geht. Da geht es nicht darum: „Hab ich die geilste Idee?“ Oder: „Womit kann ich einen wirklich wichtigen Beitrag leisten?“

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