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Maria Furtwängler im Interview : „Wir Frauen sind verdammt mutlos“

Ja, das hat sich schon echt verändert. Unsere Forscherin Maya Götz hat ja fünf typische Posen identifiziert, die sowohl bei den Influencerinnen als auch bei den Followerinnen beliebt sind.

Also: 1) Locker, stark und doch sexy: das zur Seite ausgestellte Bein; 2) „Das liebenswürdige Mädchen“: das zufällig überkreuzte Bein; 3) Ein angewinkelter Arm und die Hand wie beiläufig im Haar; 4) Der attraktiv in S-Form gebogene Körper; 5) Der vermeintlich zufällige Blick über die Schulter

Genau. Und was da der Unterschied zu meiner Generation ist: Wir hatten damals die Wahl. Ich konnte mir aussuchen, ob ich Popper bin oder Punk. Oder Grufti, die gab's damals noch. Heute hat man das Gefühl, es gibt nur noch einen Look, das ist: sehr hübsch, sehr schlank, lange Haare, möglichst blond - wenn man Glück hat, so wie ich, sonst hilft man eben nach - also es ist wahnsinnig uniform. Das ist eine freiwillige Normierung. Und das ist erstaunlich.

Wie erklären Sie es sich, dass Frauen sich auch heute noch selbst so inszenieren?

Ich glaube, das ist das tiefe menschliche Bedürfnis, dazuzugehören. Das Urbedürfnis zu gefallen. Und dafür muss ich mich der Peergroup praktisch anpassen. Es gibt eben nicht mehr so viele verschiedene Looks, denen ich entsprechen kann. Durch das Hochspülen von diesen erfolgreichen Frauen ist das wahnsinnig schmal geworden. Der Antrieb ist das Gefühl, ok zu sein, dazu zu gehören, angenommen zu werden. Irgendwohin zu passen. Das Blöde ist: es gibt nur noch eine Passform.

Dabei denken wir ja eigentlich auch, dass wir immer toleranter werden.

Ja, und dass vor allem das Internet die Diversität schier fördern würde, weil jeder sich und seine Ideen darstellen können. Aber es ist in das komplette Gegenteil gekippt. Am Ende kommt man bei einer Kritik des Neoliberalismus heraus. Vielleicht wird es eine Gegenbewegung geben, das kann schon sein.

Die gibt es ja schon, die sogenannte Body-Positivity-Bewegung. Aber die ist vielleicht noch nicht so bekannt. Feminismus wird ja auch immer populärer, gerade bei jungen Frauen.

Das ist alles wenig Mainstream. Also die Influencerinnen, mit denen wir gesprochen haben, fanden Feminismus alle wahnsinnig uncool. Für die ist das „unhübsch“ und mit der Vorstellung verbunden: „Die wollen dann direkt die Macht über die Männer haben.“ Die haben verquere Ideen davon. Also alles, was irgendwie damit zu tun hat, sich gegen den Trend zu positionieren, ist für die wahnsinnig uncool.

Verstärken die sozialen Medien diese Rollenbilder oder bilden sie nur die Realität ab?

Die verstärken auf jeden Fall. Dadurch, dass die Bilder nach oben kommen, die die meisten Likes haben, wird die Realität im Moment eher reduziert. Das trägt eher zu einer Normierung bei.

Sie haben zu diesem Thema auch mit bekannten Influencerinnen wie etwa Stefanie Giesinger gesprochen, die zur Vorstellung der Studie gekommen ist. Giesinger ist Model, sehr hübsch – und postet viele Beautyshots. Was sagt sie zu diesem Thema?

Erst einmal Hut ab, dass sie gekommen ist und sich unseren Fragen gestellt hat. Es macht meiner Meinung nach keinen Sinn, die Influencerinnen zu bashen. Man kann und muss mit ihnen reden. Und ihnen so, wie uns Medienschaffenden auch, ein Bewusstsein für ihre Verantwortung geben, das ist auch mein Antrieb. Ich habe da eine Verantwortung. Stefanie Giesinger war extrem offen. Ich rechne ihr ihre große Bereitschaft hoch an. Sie ist sowieso eine, die partiell schon mal ausbricht. Sie zeigt sich mal ungeschminkt nach dem Sport, sie zeigt ihre Narbe auf dem Bauch - und hat dafür wiederum Hate bekommen. Und sie war auch irritiert, als wir ihr zeigten, wie eine Followerin eine Pose von ihr, ausgestreckt auf einer Luftmatratze, nachgestellt hat. Das war ihr vielleicht auch gar nicht so bewusst, wie stark die Follower versuchen, genauso auszusehen. Wie diese Supermodels, die ja auch noch mal mit Superschminke und super Licht abgebildet werden. Dabei sind da ja noch 'zig Filter drauf, dabei ist das ja fake.

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