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Internetsprache : Say Hi to

„Sag „Hallo“ zu Instagram-Stories“. Meist stecken amerikanische Unternehmen hinter diesem Spruch. Bild: dpa

Das Internet motiviert jetzt zum Dialog. Man soll vor allem Produkte grüßen oder Länder, manchmal auch Menschen. „Say Hi to ...“? Der Pseudo- Sprech der Jahres nervt.

          3 Min.

          Man fühlt sich jetzt öfter an diesen Film aus den späten Neunzigern erinnert, „E-mail für Dich“. Meg Ryan und Tom Hanks lernen sich in der „romantischen Filmkomödie“ über das Internet kennen, und statt zu telefonieren oder gar Briefe zu schreiben, nähern sie sich hölzern per E-Mail an. (Einfach nur Mail sagte man in den Frühzeiten der digitalen Kommunikation noch nicht.) Eines Tages jedenfalls steht Tom Hanks in diesem Film, der schlecht altert, mit ein paar Kindern aus der Verwandtschaft am westlichen Ufer von Manhattan. Sie rufen über den Hudson hinweg: „Guten Tag, New Jersey!“ Aber New Jersey antwortet nicht.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun, 18 Jahre später, kann man New Jersey im Internet grüßen – und so fühlt man sich wieder an diesen Neunziger-Jahre-Film erinnert. Man wird jetzt sogar dazu aufgefordert, New Jersey zu grüßen oder zumindest Institutionen in dem schönen Bundesstaat: „Say Hello to Fitness Fun!“ (Kangoo Club New Jersey), „Say Hi to Haibun Fun“ (New Jersey Educator Resource Exchange) – New Jersey soll echt Spaß machen. Spätestens das Jahr 2016 hat gezeigt, dass in Sachen Grußbotschaften im Internet noch nicht alles von allen gesagt wurde. Der Spruch dazu, „Say Hi to“, mit dem erstens Sachen, zweitens Länder oder Regionen und erst drittens Menschen gegrüßt werden, hat in diesem Jahr die elektronischen Postfächer verstopft.

          Kein klassischer Anglizismus

          Bloggerinnen nutzen „#sayhito“, um ihrer Gefolgschaft ihr Badezimmer-Regal zu präsentieren oder die neuen Loafer von Gucci. Journalisten – zumindest die englischsprachigen und einfallslosen – nutzen „Say Hi to“, wenn sie sonst keine bessere Idee für eine Überschrift haben: „Say Hi to Team USA’s Men’s Gymnastics Squad (They’re Shirtless, FYI)“. Lifestyle-Marken nutzen den Spruch in der Betreffzeile ihrer Massen-Mails, um auf eine neue limitierte Sonderedition aufmerksam zu machen: „Say hello to Georg Jensen Damask textiles“. Selbst „Sag Hallo“ greift im Deutschen schon um sich, vor allem wenn Amerikaner dahinterstecken. „Hallo jwiebking, sag „Hallo“ zu Instagram Stories“. Und, klar: Alle nutzen „Say Hi to“, um auf sich aufmerksam zu machen.

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          Von einem klassischen Anglizismus kann trotzdem nicht die Rede sein. Anglizismen sind ohnehin überholt in Zeiten mehrsprachiger Gesellschaften, da die Digitalsprache auch für Deutsche eben Englisch ist und die Jüngeren heute selbstverständlich damit umgehen. Stichwort „Fly sein“, das Jugendwort des Jahres 2016. Es soll bedeuten, dass jemand oder etwas gerade besonders abgeht. Auch das ist nicht gerade deutsch.

          Übernahme von englischen Redewendungen nicht verwerflich

          „Man hat vorgeschlagen, Anglizismen in Bedürfnislehnwörter und Luxuslehnwörter zu unterteilen“, sagt Jannis Androutsopoulos, Professor für Linguistik an der Universität Hamburg. Bedürfnislehnwörter beschreiben neue Dinge oder Sachverhalte und werden oft mit diesen importiert. Luxuslehnwörter gehören zum Jargon einer bestimmten sozialen Gruppe. „Aber wenn es danach ginge, gäbe es heutzutage nur noch sprachlichen Luxus“, sagt Androutsopoulos. „Die Zweiteilung scheitert dann, wenn alles, was Menschen mit Sprache tun, zum Luxus deklariert wird.“ Selbstverständlich sei es nicht verwerflich, wenn englische Redewendungen in Umlauf kommen und ins Deutsche übernommen werden.

          Kein Wunder, dass es mit „Say Hi to“ jetzt stetig nach oben geht, wie man schön an den Grafiken auf Google Trends erkennen kann. 2004 war „Say Hi to“ bei 36 Punkten, 2010 bei 88, im Oktober dieses Jahres bei 96. „Die Social-Media-Kultur ist letztlich ja eine Interaktionskultur“, sagt Androutsopoulos. Es geht nicht nur darum, Nachrichten zu lesen, es geht mindestens ebenso sehr ums Teilen und Kommentieren.

          Persönliche Ansprache an die unbekannte Masse

          Der Spruch „Say Hi to“ ist somit immer dann besonders nützlich, wenn man eine Interaktion oder einen Dialog motivieren will, wenn man um die Aufmerksamkeit des Publikums ringt. In der nicht gerade geringer werdenden Flut an Tweets, Snaps, Storys, Mails und Posts wird das natürlich wichtiger. „Das sind Kommunikationsmomente, in denen eine Pseudodialogisierung stattfindet“, sagt Androutsopoulos. „Eine Organisation unterstellt eine vermeintlich persönliche Ansprache, wenn in Wirklichkeit ein unbekanntes Publikum adressiert wird.“

          Das ist der Haken daran: Den Dialog gibt es gar nicht. Denn natürlich funktioniert „Say Hi to“ nicht als Eisbrecher für ein erfüllendes Gespräch. Je öfter „Say Hi to“ gebraucht wird, umso mehr verliert der Spruch an Wirkung. Interessiert einen das Thema der Mail nicht, wird man sie kaum wegen einer Say-Hi-to-Aufforderung öffnen. Und nur weil ein Server eine Botschaft personalisiert, ist sie noch lange nicht spannend.

          Smartphonenutzer fallen darauf nicht rein

          Vermutlich sind wir Nutzer, deren Mail-Konten alle paar Tage den maximalen Speicherplatz erreichen, die alle paar Minuten aufs Smartphone schauen, die all die Schrott-Mails einfach wegwischen, schon viel zu trainiert, um auf solche Tricks hereinzufallen. „Say Hi to“ erzählt, so gesehen, davon, wie die letzten Register gezogen werden, um sich verzweifelt bemerkbar zu machen. Der Trend wird auch nicht cooler, wenn jetzt offizielle Stellen ganz vorne bei der Digitaldeppen-Sprache dabei sein wollen.

          Das Meme des Jahres, „Was ist das für 1 life?“, zieht jetzt selbst die Sparkasse für ihre Zwecke herbei: „Gönn Dir ist einfach. Wenn man 1 gute Bank hat vong Vorsorge her.“ So will die Sparkasse junge Leute ansprechen. Wie könnten da die Fremdenverkehrsämter nicht dazu auffordern, ihre Produkte und Regionen zu grüßen? Sie nehmen also Abstand von ihren konventionellen „Visit“-Botschaften, dem „Travel“-Tralala und werfen stattdessen den Köder mit dem Simpel-Satz „Say Hi to Slovenia!“ oder „Say Hi to Spain!“ aus. Da können wir ja gleich „Guten Tag, New Jersey“ über den Hudson rufen. Oder „Gute Nacht!“

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