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Interview über Rückwärtslaufen : „Hast du deine Tabletten nicht genommen?“

  • -Aktualisiert am

Nein, das soll genau so sein, das trainiert die Waden: Rückwärtsläufer Achim Aretz Bild: Michael Holtkötter

Verwunderte Blicke ist Achim Aretz gewohnt. Der Pionier im Rückwärtslaufen hat aber gute Argumente für sein Hobby.

          Herr Aretz, Sind Sie der Franz Beckenbauer der Rückwärtsläufer?

          Weil ich als Weltmeister die Weltmeisterschaft ins eigene Land geholt habe?

          Exakt.

          Nein, die Entscheidung, die sechste Weltmeisterschaft im Rückwärtslaufen in Essen auszurichten und die ganze Organisation ist ganz klar Teamsache. Wir sind sechs Freunde aus Essen und haben 2012 den Verein 1. RetroRunning-Club Deutschland gegründet. Bei der vergangenen WM vor zwei Jahren in Italien hatten wir angeboten, das nächste Turnier auszurichten.

          Ist Deutschland eine starke Rückwärtsläufer-Nation?

          Ja, die Weltrekorde werden bei den Männern bis auf den über 5000 Meter von Deutschen gehalten. Ich halte die Bestmarken über die Distanzen Halbmarathon und Marathon. Den WM-Halbmarathon laufen wir am kommenden Sonntag auf dem Gelände des UnescoWelterbes Zeche Zollverein.

          Wie lauten Ihre sportlichen Ziele für die Heim-WM?

          Ich würde gerne das Rennen über 10.000 Meter und den Halbmarathon gewinnen. Das wird bei der Konkurrenz aber schwierig. Der Schwabe Thomas Dold zum Beispiel hat mir neulich den Weltrekord über 10.000 Meter weggeschnappt und ist unter 40 Minuten geblieben.

          Wie vermeiden Sie während der Rennen Kollisionen?

          Beim Rückwärtslaufen muss derjenige ausweichen, der überholt wird. Deshalb muss man sich während der Bahnrennen gar nicht umschauen, weil man sich die ganze Zeit an den Linien auf dem Boden orientieren kann. Die Sturzgefahr ist gering.

          Und im Training?

          Außerhalb der Bahn geht das schon auch auf den Nacken, weil man sich ständig umgucken muss. Wenn ich zum Beispiel in Essen entlang der Ruhr laufe und zig andere Läufer und Fahrradfahrer unterwegs sind. Hunde sind gefährlich, weil die überhaupt nicht klarkommen mit uns Rückwärtsläufern.

          Werden Sie da nicht ständig als Geisterfahrer beschimpft?

          Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an die Blicke und Sprüche der anderen Läufer gewöhnt. Kommt man mit Vorwärtsläufern ins Gespräch, dann drehen die sich häufig um und begleiten mich ein Stück rückwärts. Man erlebt definitiv mehr als Rückwärtsläufer.

          Was sind so die gängigsten Sprüche, die Sie zu hören bekommen?

          „Hey, hallo, du läufst falsch rum“ oder „Das passiert also, wenn du morgens deine Tabletten nicht nimmst“.

          Angefangen hat alles, wie es sich gehört, mit einer durchzechten Nacht.

          Ja, vor zehn Jahren. Nach einer fröhlichen Studentenfeier bin ich morgens von meinem Laufkumpel abgeholt worden. Verkatert, wie ich war, konnte ich dessen Tempo nicht mitgehen, so dass er sich kurzerhand umgedreht hat und rückwärts neben mir her gelaufen ist. Irgendwann bin ich rückwärts auf die Langstrecke gegangen.

          Worauf kommt es da technisch an?

          Man läuft auf dem Vorderfuß - das ist der große Unterschied zum Vorwärtslaufen, wo man ja abrollt. Deshalb wird die Wadenmuskulatur stärker belastet und aufgebaut. Ganz wichtig ist, dass sich die Beine nicht berühren, weil man sich bei einem Sturz rückwärts kaum abstützen kann. Weil die Schrittlänge rückwärts kleiner ist, müssen die Arme mehr mitschwingen.

          Rückwärts zum Ziel: „Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an die Blicke und Sprüche der anderen Läufer gewöhnt.“

          Wer kommt alles zur WM nach Essen?

          Wir haben Teilnehmer aus 25 Ländern von allen Kontinenten: Kanada, China, Puerto Rico, Türkei und so weiter, sogar einen Australier mit Unterschenkelprothesen, der bei uns neue Weltrekorde über 100, 200 und 400 Meter aufstellen will. Wir rechnen mit 200 Teilnehmern. Aus Italien kommen zahlenmäßig die meisten Läufer. Dort hat Rückwärtslaufen die längste Tradition, und es gibt sogar richtige Rückwärts-Volksläufe. Jedermann kann sich übrigens noch spontan für die WM anmelden, auch ohne groß trainiert zu haben. Vom 14. bis 17. Juli gibt es Rennen über alle olympischen Distanzen und auch Staffeln.

          Missionieren Sie in der Laufwelt für die Rückwärtsvariante, oder haben Sie sich in der Nische eingenistet?

          Neben dem ganzen Organisatorischen für die WM wie Medaillen, Trikots und Website versuchen wir, viele Leute für das Event zu mobilisieren.

          Wie sind die Reaktionen?

          Völlig unterschiedlich. Manche können gar nichts damit anfangen. Aber wir sehen an eingefleischten Vorwärtsläufern, dass sie viel Spaß daran entwickeln, sobald sie sich einmal umgedreht haben. Weil andere Muskelgruppen beansprucht werden, macht Rückwärtslaufen einen auch vorwärts schneller. Aber meist ist die Hemmschwelle zu groß, sich laufend umzudrehen. Vielleicht hilft ja jetzt die WM.

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