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Interview mit Kate Tempest : „Ich lebe für Sprache und Musik“

  • -Aktualisiert am

Kate Tempest, geboren 1985 in London, hier in Berlin-Kreuzberg zu sehen, ist als Rapperin, Musikerin, Lyrikerin, Dramatikerin und Romanautorin erfolgreich. Vor kurzem erschien ihr viertes Studioalbum, "The Book of Traps and Lessons". Bild: Andreas Müller

Die englische Rap-Poetin Kate Tempest spricht über ihre Kreativität, ihr neues Album „The Book of Traps and Lessons“, ihr Vorbild Björk und die Energie des heiligen Ortes South London.

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          Frau Tempest, Ihr neues Album „The Book of Traps and Lessons“ endet mit dem Bekenntnis: „I love people's faces“. Was sehen Sie in den Gesichtern Ihres Publikums, wenn Sie auf der Bühne stehen?

          Von einer Bühne aus die Gesichter der Menschen zu betrachten ist natürlich etwas anderes, als sich einfach nur Leute anzusehen. Auf der Bühne ist man dem Adrenalin und den Ängsten und Erwartungen ausgeliefert, ein offener Austausch ist plötzlich nicht mehr möglich. Manchmal kann man fünf oder sechs Reihen von Menschen erkennen und hat ansonsten nur die Ahnung von einer Menschenmasse.

          Sie gehen oft auf der Bühne herum und strecken beim Sprechen den Arm aus, als würden Sie nach den Wörtern greifen oder sie in der Luftformen.

          Ich muss das Gefühl haben, dass der Text in meinem Körper ist. Ich muss den Text zwar kennen, aber irgendwann aufhören, ihn zu erinnern, damit ich ihn auf der Bühne gemeinsam mit dem Publikum entdecken kann. Wenn ich mir der nächsten Liedzeile zu sehr bewusst bin, gerate ich ins Straucheln. Ich muss darauf achten, mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen. Meine Beine zittern, wenn ich auf der Bühne bin, sodass ich meine Energie erden muss. Und ich darf nicht vergessen, meinen Brustkorb zu öffnen, damit ich frei und tief atmen kann. Früher habe ich mich zusammengekauert und alles nach unten gezogen, sodass meine Stimme wegen des Adrenalins nach oben schoss und ich zu schreien anfing. Deswegen das Gehen. Es ist der Versuch, runterzukommen und meine Schüchternheit zu bekämpfen.

          Die Einsamkeit, von der Sie im neuen Album erzählen, die Sehnsucht, sich mit anderen zu verbinden, erinnern an die Songs Ihres Albums „Let Them Eat Chaos“, dessen Lyrics Sie auch als Gedicht veröffentlicht haben. Ist dieses Einsamkeitsgefühl symptomatisch für unsere Gesellschaft, oder sind die Figuren, über die Sie schreiben, autobiographischen Ursprungs?

          Wenn ich sage, dass es sich um Autobiographisches handelt, verändert das die Art, wie Leute die Musik und die Gedichte aufnehmen. Aber ich glaube, dass jedes Schreiben mit Wahrheit beginnt. Zumindest in meinem Fall kommt jede Form der Kreativität aus dem Verlangen, Konflikte zu lösen und etwas zu begreifen. Egal ob eine Geschichte aus mir selbst kommt oder durch mich hindurchgeht: Ich glaube immer, dass ich sie gefühlt und gelebt habe.

          „Keine Insel ist eine Insel“: Diese Zeile aus „Let Them Eat Chaos“ scheint auf das Cover Ihres neuen Albums zu verweisen, das die Umrisse Großbritanniens zeigt. Ich möchte Sie trotzdem nicht nach Ihrer Meinung zum Brexitfragen.

          Vielen Dank! Ich kann nichts Brauchbares darüber sagen. Das Cover zeigt einen Pass. Und was ist ein Pass, wenn kein „Book of Traps and Lessons“? Nationalität ist ein „Buch der Fallen und Lektionen“. Momentan wird der britische Pass auf extreme Weise politisiert, aber es wird eine Zeit kommen, in der er in einem eher metaphorischen, symbolischen Sinn gesehen werden wird. Zur Zeit sind die richtigen Papiere wie der Unterschied zwischen Leben und Tod.

          Wie sieht die soziale Realität des Landes aus, in dem sich Ihre Figur bewegt?

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