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„Radical Honesty“-Workshop : Mein Psycho-Wochenende

Wir sollten öfter über unsere Gefühle reden. Unsere Autorin hatte ein extrem aufschlussreiches Wochenende. Bild: Jan-Hendrik Holst

Stellen Sie sich vor, Sie würden sich seltener verstellen und öfter ehrlich sagen, was Sie fühlen und was Sie denken. Das kann man doch nicht machen? Falsch. Man kann es sogar lernen. Und es ist extrem spannend, was dann passiert.

          Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, nehme ich manchmal Mitfahrer mit, die ich über eine Mitfahrzentrale finde. Neulich hatte ich einen Mitfahrer, der 24 und damit genau halb so alt war wie ich. Irgendwann, mitten auf der Autobahn, sagte er plötzlich total unvermittelt zu mir: „Irgendwie finde ich dich total sexy.“ Ich war so perplex, dass ich fast gegen die Leitplanke gefahren wäre.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um meine Verlegenheit zu überspielen, fragte ich ihn, warum er sich traue, so ehrlich über seine Gefühle zu sprechen. Er erzählte, er habe vor kurzem einen „Radical Honesty“-Workshop besucht. Zu Hause googelte ich das. Ich fand einige Veranstaltungen in Deutschland, die meisten zwei- oder dreitägig, aber auch eine neuntägige, in deren Verlauf, so stand es im Programm, sich die Teilnehmer nackt ausziehen und darüber reden, wie ihnen ihr Körper gefällt. Worum es inhaltlich bei diesen Trainings gehen sollte, verstand ich nicht. Es hörte sich alles total psycho an. Aber ich war neugierig geworden und meldete mich zu einem zweitägigen Workshop an – ohne Ausziehen.

          Distanz mit dem Wörtchen „man“ aufgebaut

          Als ich an einem Freitagabend die Berliner Seminarräume betrete, in denen der Kurs stattfinden soll, haben sich dort bereits mehr als 50 Menschen eingefunden, die meisten von ihnen sind zwischen zwanzig und dreißig. Alle haben die Schuhe am Eingang ausgezogen und sitzen auf kleinen, runden Sitzkissen auf dem lachsfarbenen Teppichboden herum. Vor ihnen sitzt ein Mann mit vollem grauen Haar und spielt Gitarre: Taber Shadburne, ein 54 Jahre alter Psychotherapeut und ausgebildeter „Radical Honesty Coach“ aus Kalifornien, der um die Welt reist, um Workshops zu leiten.

          Taber sagt, dass wir jetzt erst mal ein Lied singen. Neben mir hocken eine junge Frau, die sich an einer Schläfe die Haare zu Stoppeln rasiert hat und inbrünstig mitsingt, und ein junger Mann, der seine wuscheligen langen Haare zu einem Dutt ganz oben auf dem Kopf zusammengetüdelt hat. Als wir fertig sind mit Singen, erklärt Taber zuerst mal, was Radical Honesty überhaupt ist: ein Weg, wie wir auf einer einfachen Ebene unsere Empfindungen wahrnehmen können. Wenn wir diese dann unserem Gegenüber ehrlich mitteilten, entstehe Nähe. „Aber das ist vertrackt“, sagt Taber. „Die Leute denken immer, dass sie Nähe gut finden, aber gleichzeitig vermeiden sie sie unbewusst, weil Nähe meist intensiver ist, als wir wollen. Wir sagen zum Beispiel: ‚Weißt du, wie das ist, wenn man so viel arbeitet, dass einem alles zum Hals raushängt?‘, statt in der Ich-Form über uns zu reden. Das ‚man‘ und ‚du‘ ist distanzierter und nicht so intensiv. So verstecken wir uns voreinander.“

          Denken was man sagt, heißt nicht gleich ehrlich sein

          Er möchte, dass wir jetzt ein Spiel spielen; es heißt: „Manchmal tue ich so, als ob ...“ Zum Beispiel, erklärt Taber, tun viele Leute manchmal so, als ob sie sich für das interessieren, was ihr Gegenüber sagt, obwohl sie gerade im Geiste ihre Einkaufsliste zusammenstellen. Der Reihe nach sollen wir jetzt sagen, was wir so alles vorgeben. Ein Mann sagt: „Manchmal tue ich so, als ob ich von irgendwas keine Ahnung hätte, aber in Wirklichkeit möchte ich mir so einen Vorteil verschaffen.“ Er erntet wohlwollendes Gelächter. Eine Frau sagt: „Manchmal tue ich so, als würde ich mein Gegenüber akzeptieren, aber in Wirklichkeit fühle ich mich überlegen.“

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