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„Radical Honesty“-Workshop : Mein Psycho-Wochenende

Wettbewerb und Mitgefühl

Am nächsten Morgen, als wir wieder unsymmetrisch im Kreis sitzen, fangen alle wieder an, über ihre Befindlichkeiten zu reden. Es geht um Nichtigkeiten wie die, wer sich über wen geärgert hat, weil er nicht beim Pausen-Obst-Schneiden geholfen hat, oder wer wem wessen Stuhl weggenommen hat oder wer wen beim Ankommen nicht in den Arm genommen hat. Ich finde es unerträglich nichtig, aber bei dem bloßen Gedanken, dass ich die Äußerungen der anderen bewerte, statt in mich hineinzuhorchen und auf meine Gefühle zu achten, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Ich traue mich nicht, zu sagen, dass ich genervt bin, vor allem deshalb, weil ich weiß, dass alles sonst noch viel länger dauern würde.

Plötzlich sagt aber die Rasierte zu Tabers Assistentin, dass sie am Abend, auf der Kuschelparty, mit deren Ex „Sex hatte“ – also mit dem Mann, der eigentlich scharf auf die Tätowiererin ist. Taber sagt: „Frag sie, wie das für sie ist.“ Die Assistentin, die ja zurzeit bei der Rasierten übernachtet, sagt: „Ich will nicht, dass es dir schlecht geht. Ich hab mir schon gedacht, dass ihr das machen würdet. Ich hab mich gestern Abend gefragt: ‚Bin ich hier noch gewollt?‘ Aber danke, dass du dir Gedanken darum machst, wie es mir geht.“ Taber sagt zur Rasierten: „Besser wäre es gewesen, du hättest vorher gefragt, ob das okay für sie ist.“ Der Mann, der mit der Rasierten Sex hatte, sagt, er finde es gut, dass die beiden Frauen das unter sich ausmachten.

Ich rechne im Geiste durch: Dieser Mann hat eine Freundin, er ist scharf auf die Tätowiererin, er war mit der Assistentin im Bett und mit der Rasierten. Also eigentlich will er was von allen Frauen im Raum, die in seinem Alter sind. Wow. Ich merke, dass ich das bewerten will, und verkneife es mir. Meine Augen suchen die der Psychiaterin. Wir lächeln uns an. Später werden wir einander gestehen, dass wir uns in diesem Moment wie im Kindergarten gefühlt haben.

Der Wütende sagt jetzt, dass er wütend ist, weil der Wuschelmann Sex mit der Rasierten hatte. Er sagt: „Das tut mir weh.“ Die Rasierte entgegnet: „Du kommst jetzt in Kontakt mit dir.“ Die Psychiaterin sagt: „Ich könnte ausbrechen wie ein Vulkan, das macht mir Angst.“ Taber erklärt: „Wenn wir anderen unsere tiefen Gefühle zeigen, haben wir das Gefühl, sie hätten Macht über uns. Aber das stimmt nicht, finde ich.“ Die Assistentin klappt ihr T-Shirt hoch, so dass ihr Bauch zu sehen ist. So bleibt sie sitzen. Die Tantramasseurin liegt wieder in ihrer Lieblingsstellung wie ein Frosch und zeigt sich. Die Assistentin sagt, dass sie die Rasierte beneidet, weil die sich stets nimmt, was sie will. Der Mann, der mit der Tätowiererin Sex haben will, ist wütend auf den Veteranen, der irgendwann vorher gesagt hat, dass er die Tätowiererin attraktiv findet. Taber erklärt: „Das Problem ist, dass wir Menschen zugleich Mitgefühl mit anderen haben und mit ihnen im Wettbewerb stehen. Wir sind egoistisch und empathisch zugleich. Damit müssen wir leben.“

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