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„Radical Honesty“-Workshop : Mein Psycho-Wochenende

Eine kleine Pause entsteht. Der wütende Mann lässt Taber wissen: „Ich bin sauer auf dich, weil du gesagt hast, dass das alles ohne dich nicht passiert wäre. Aber eigentlich will ich dir nah sein.“ Die Tantramasseurin beschwert sich bei Taber: „Es nervt mich, dass die anderen nicht richtig im Kreis sitzen.“ Sie lacht dabei. Taber antwortet: „Dein Ärger kommt an ungewöhnlichen Stellen raus. Warum bittest du die anderen nicht darum, dass sie sich umsetzen?“ „Sie gucken mich ja nicht an“, entgegnet sie, „sie ignorieren mich.“ Taber fragt: „Was hindert dich daran, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen? Sag: ‚Ich habe Angst davor, das zu verlangen, was ich will, und so werde ich still immer ärgerlicher, bis ich Sachen nach dir werfen will.‘“ Als sie fertig ist und alle sich symmetrisch hingesetzt haben, sagt Taber: „Eine Menge Beziehungen leiden an diesem Problem.“

Viele von uns hängen jetzt in den Seilen, es ist zu viel Theorie. Die Assistentin liegt auf dem lachsfarbenen Teppichboden und knutscht mit einem der Wuschelduttmänner rum. Der Wütende fängt wieder an, sich zu beklagen. Wieder entspinnt sich ein unendliches Psychogespräch zwischen ihm und Taber. Als sie fertig sind, sage ich dem Wütenden, dass mich seine Ausbrüche nerven und sein immergleiches Gespräch mit Taber mich langweilt. Taber fordert mich auf, zu sagen, dass ich wütend auf den Wütenden bin. Das tue ich, und der Wütende entgegnet, dass er darüber lachen muss und mich nicht für voll nimmt. Ich antworte, dass er mir leid tut.

Angst davor mit den eigenen Gefühlen in Berührung zu bekommen

Es geht eine Weile hin und her, jeder soll immer sagen, was er fühlt, und dann erklärt Taber, dass wir beide darum kämpfen, den anderen dominieren zu wollen. Daraufhin fühle ich mich unwohl und mache innerlich zu. Ich habe keine Lust mehr, mich mit diesem Mann auseinanderzusetzen. Da ich aber gleichzeitig bemerke, dass ein Muskel über meinem Knie zuckt, fordert Taber mich auf, zum Wütenden zu sagen: „Wenn du mir nicht so egal wärst, würde ich dich jetzt treten.“ Auch darüber freut sich der Wütende. Taber erklärt ihm, dass er eine sadistische Freude daran hat, wenn andere sich in seiner Gegenwart unwohl fühlen. Taber sagt: „Du freust dich über ihren Schmerz.“ Der Wütende meint: „Aber sie spürt doch keinen Schmerz in sich.“ „Doch“, sagt Taber. Da macht der Mann große Augen. Das war ihm nicht klar.

Dann sagt der Veteran, dass ich mich vielleicht nur deswegen so über den Wütenden ärgere, weil ich selbst gern im Mittelpunkt stehen würde. Taber fragt ihn, ob es sein kann, dass er sauer auf mich ist. Der Veteran überlegt eine Weile und meint dann: „Ja, weil sie vorhin, als wir uns in der Pause unterhalten haben, einfach weggegangen ist.“ Ich fühle mich sehr ungerecht behandelt und wende ein: „Aber ich habe dir gesagt, dass ich auf die Toilette muss.“ Taber erklärt, dass die Leute die ganze Zeit irgendwas über uns denken, und dass uns das egal sein soll.

Auf dem Heimweg denke ich, dass ich dieses ganze Psychogerede, wenn ich vorurteilsfrei darüber nachdenke, eigentlich ganz gut finde. Viele von uns machen sich über sowas reflexartig lustig, aber ich vermute mal, dass sie das nur tun, weil sie Angst haben, mit ihren eigenen Gefühlen in Berührung zu kommen.

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