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„Radical Honesty“-Workshop : Mein Psycho-Wochenende

Es entsteht eine kurze Stille, in der wir anderen einander leicht ratlos anblicken. Dann bedankt sich der Veteran bei dem Wütenden, dass er so ausgeflippt ist. Und die Tantramasseurin beklagt sich unvermittelt, dass die Gruppe keinen symmetrischen Sitzkreis bilde. Kurze Zeit denke ich, dass ich in einem Irrenhaus gelandet bin. Taber sagt: „Jeder nimmt hier was anderes wahr, je nachdem, was für Gepäck er mit sich herumschleppt.“ Dann machen wir weiter mit der Scham-Runde. Die Rasierte schämt sich dafür, dass sie für den Abend vier Leute zu einer „Kuschelparty“ in ihre Wohnung einladen möchte, bei der „alles möglich“ ist. Taber sagt, sie soll die Einladungen ruhig aussprechen. Der Mann, der mit der Tätowiererin Sex haben will, sagt zu. Tabers Assistentin auch, weil sie für die Dauer des Workshops sowieso bei der Rasierten übernachtet. Die Tätowiererin und der Webdesigner schlagen die Einladung aus.

Sich die dunkelsten Abgründe gestehen und darüber lachen

Ein Mann gesteht nun, vor Scham stammelnd, dass er sich gern „Finger und Dinge“ in seinen Hintern steckt. Taber sagt ihm, er solle sich die Person im Raum suchen, vor der es ihm am schwersten fallen würde, das zu wiederholen. Und dann fragen, ob die Person ihn dafür verurteilt. Der Mann windet sich, wählt aber dann den Webdesigner, blickt ihn an, wiederholt sein Geständnis und fragt: „Was denkst du?“ Der Webdesigner antwortet: „Ich finde es lustig, wie du das sagst. Aber ansonsten: Ich mach’ das auch.“

Alle explodieren vor Lachen. Fassungslos starrt der Mann den Webdesigner an, dann stammelt er, sichtlich überwältigt: „Du bist mein Held.“ Taber fragt, wie viele aus der Gruppe sich schon mal was in den Hintern geschoben haben. Gefühlt 80 Prozent der Männer heben die Hand. Einer sagt: „Ich hab mal eine Zahnbürste genommen.“ „Wie herum?“, fragt die Rasierte. „Beide Seiten.“ Alle lachen.

Die Runde ist aber noch nicht zu Ende. Ein Mann gesteht, er masturbiere zu Pornos. Der Veteran hat seine Kinder verlassen, als sie noch ganz klein waren, und sie seit zehn Jahren nicht gesehen. Die Tantramasseurin hat ihren Vater nicht gesehen, seit sie 9 ist; er sei „wahrscheinlich“ im Gefängnis. Der Mann, der scharf auf die Tätowiererin ist, erzählt, dass er mit 14 ein neunjähriges Mädchen sexuell belästigt hat. Und dass er jetzt mit einer Frau zusammen ist, die schon mal missbraucht wurde. Außerdem habe er mal Sex mit Tabers Assistentin gehabt, die zurzeit aber mit einem anderen Mann aus der Runde schlafe. Eine Frau erzählt, dass sie von ihrem Stiefvater missbraucht wurde.

Der Zusammenbruch der Volkswirtschaft

Als wir alle was gestanden haben, sagt Taber: „Die Mechanismen der Scham funktionieren so: Wir denken, wir sollten nicht so sein, wie wir sind. Und dass es nur unser schwacher Wille ist, der uns daran hindert, uns zu kontrollieren. Aber: Wir können gar nicht anders, als uns so anzunehmen, wie wir sind, wenn wir zufrieden sein wollen. Wir stehen nämlich auf Autopilot und machen vieles unbewusst, um so wenig Schmerz und so viel Spaß wie möglich zu haben. Selbst wenn wir uns Schmerz zufügen, um Spaß zu haben. Manche Leute machen zerstörerische Dinge, um sich gut zu fühlen.“

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