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„Radical Honesty“-Workshop : Mein Psycho-Wochenende

„Und wenn wir Sex hätten?“

Ich fühle mich ziemlich unwohl angesichts dieser Idee. Aber noch während ich in mich hineinhorche und überlege, was ich der Gruppe gestehen könnte, sagt einer der jungen Männer mit Wuscheldutt: „Ich weiß was: Ich schäme mich dafür, dass ich, wenn ich eine Frau sehe, immer als Erstes überlege, ob ich mit ihr Sex haben will. Auch hier im Raum habe ich das gemacht.“ „Gibt es hier eine?“, fragt Taber. „Ja“, sagt der Mann. Er zittert. „Sag es ihr“, fordert Taber ihn auf. Der Mann guckt die Tätowiererin mit den Rastalocken an und sagt: „Ich würde gerne Sex mit dir haben.“ Sie lacht und freut sich, woraufhin er sich entspannt. Taber fordert ihn auf, die Frau zu fragen, ob sie dazu auch Lust hätte. Wir anderen lachen, es ist ein nettes Lachen. Die Tätowiererin sagt, dass sie schwitzt. Dann gibt sie zu: „Ja, ich habe darüber auch schon nachgedacht. Als wir uns vorhin in den Arm genommen haben, hat mir das gefallen. Deswegen habe ich dich auch so schnell wieder losgelassen.“ Beide grinsen und sind erleichtert. Der Mann sagt: „Ich bin froh, dass ich das überlebt habe.“

Die Tätowiererin will jetzt auch was gestehen. Sie bekennt, dass sie aufgehört hat, sich zu rasieren, überall. Weil sie sich dem Weiblichkeitsdiktat nicht weiter unterwerfen will. Taber fordert sie auf, ihre Beine zu zeigen und einen Mann aus der Gruppe, der ihr gefällt, zu fragen, ob er sie deswegen verurteilt. Also wendet sie sich an den Webdesigner. Der sagt ihr: „Normalerweise mag ich das nicht. Aber da ich nicht mit dir schlafe, ist das kein Problem für mich.“

„Und wenn wir Sex hätten?“, fragt die Tätowiererin. „Dann wäre das ein Thema“, antwortet der Webdesigner. Taber fragt die Tätowiererin: „Es ist nicht so schlimm, wie du dachtest, oder?“ Sie stimmt zu und will jetzt ihre Achseln auch noch zeigen: „Die hat noch niemand gesehen.“ Mit einem Kichern zieht sie ihren T-Shirt-Ärmel hoch.

Taber sagt: „Es liegt eine potentielle Kraft darin, wenn man sich dem aussetzt, was man nicht will.“

Traurig und weich

Der Mann, der mich nicht umarmen wollte, schreit auf einmal los: „Das ist Bullshit hier!“ Die Psychiaterin ruft: „Hör auf damit, sonst geh’ ich raus. Du machst mir Angst! Das ist zu viel Hass!“ Sie fängt an zu weinen. Taber bittet sie, im Raum zu bleiben. Und sagt zu dem Mann: „Dass dein Ärger dir in dieser Situation so zu schaffen macht, liegt daran, dass in dir drin so viel eigener Ärger ist, den du nicht fassen kannst. Die Befreiung für dich ist nicht, deinem Ärger auszuweichen, sondern dich mit ihm auseinanderzusetzen.“ Der Mann antwortet: „Fick dich!“ Taber spricht jetzt deutlich lauter und fixiert den Mann: „Fick dich selbst. Du willst alles kontrollieren, du denkst, du seist der Mittelpunkt des Universums. Sag: ‚Ich kann nicht fassen, wie sehr ich mir Aufmerksamkeit wünsche.‘“ Der Mann spricht ihm nach, und als Taber ihn fragt, wie er sich fühlt, gesteht er: „Traurig und weich.“

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