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„Radical Honesty“-Workshop : Mein Psycho-Wochenende

Die Rasierte, die ungefähr halb so alt ist wie ich, sagt, dass ihr aufgefallen ist, dass ich die ganze Zeit über in auffällig aufrechter Körperhaltung auf meinem Stuhl gesessen hätte, und sie daraus schließt, dass ich ein braves Mädchen sei. Ich muss aus Verlegenheit lachen und sage, dass ich sie für ein wildes Mädchen halte, weil sie eine rasierte Schläfe hat. Als die Übung zu Ende ist, sollen wir einander sagen, wie das für uns war. Die Rasierte sagt, dass sie Angst habe, dass ich ihr übelnehme, dass sie mich für ein braves Mädchen hält. Ich beruhige sie und erkläre ihr, dass ich das nicht als Beleidigung auffasse.

Der Mann ist ärgerlich

Plötzlich sagt der Mann, der mich am Vortag nicht in den Arm nehmen wollte, sehr laut: „Ich spüre Ungeduld und Ärger, es geht hier so langsam voran, hier passiert nichts im Raum.“ Taber bleibt ruhig, er fragt, wie der Mann sich innerlich fühlt, und fordert ihn dann auf, die Hitze und Spannung, die er in sich spürt, anzunehmen. Der Mann will das aber nicht. Er will, dass Taber sich ändert. Tabers Stimme ist meditativ. Er sagt: „Dreh dich zu mir und sag: ‚Ich bin wütend auf dich, weil du so viel sprichst.‘“ Der Mann gehorcht und räumt dann ein, dass er Freude spürt. Taber fordert ihn auf, den Satz zu wiederholen, aber der Mann will jetzt nicht mehr. Er weint fast und sagt, er freue sich, dass Taber ihm seine Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Ich finde die Reaktionen des Mannes ziemlich befremdlich, und auch die anderen in der Gruppe machen ratlose bis leere Gesichter. Viele haben sich, während Taber sich mit dem Mann auseinandergesetzt hat, von ihren Sitzkissen gleiten lassen. Sie liegen auf dem Boden, bäuchlings, rittlings, einige machen Yoga-Übungen. Nur einer der ITler und ich sitzen noch auf Stühlen. Die Tantramasseurin liegt auf dem Rücken wie ein Baby, das gewickelt werden will, mit froschartig angewinkelten Beinen. Man kann gar nicht anders, als direkt unter ihren Rock zu gucken; sie trägt einen schwarzen Stringtanga. Ich bemühe mich, mich in Gedanken nicht zur Richterin aufzuspielen.

Taber wendet sich nun von dem Mann ab und der Gruppe wieder zu, er erklärt: „Der eigene Ärger ist das Problem, dafür muss man die Verantwortung übernehmen, zum Beispiel, wenn der Partner die eigenen Erwartungen nicht erfüllt. Man sollte sagen, was man will, wenn einen der andere nervt. Dazu muss man seine Bedürfnisse wahrnehmen und formulieren.“ Manchmal denke man aber, dass die eigenen Bedürfnisse peinlich seien, dann schäme man sich dafür und traue sich nicht, sie auszusprechen. Deswegen machen wir jetzt eine weitere Übung. Wir sollen vor der Gruppe etwas sagen, was wir normalerweise nicht erzählen. Was uns peinlich ist, und zwar so sehr, dass wir eine körperliche Veränderung spüren bei der Vorstellung, es auszusprechen. Taber sagt: „Das ist die beste Möglichkeit, die Scham zu überwinden. Je öfter man es erzählt, desto befreiter fühlt man sich.“

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