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„Radical Honesty“-Workshop : Mein Psycho-Wochenende

Ich sage der Frau also, was mit mir los ist. Dann ist sie an der Reihe. Sie sagt: „Ich mag deine Augen und deine Stimme. Und ich möchte noch näher kommen.“ Tatsächlich beugt sie sich noch ein wenig vor. Ich weiche zurück und schweige, denn das ist ja das, was ich tun soll. Meine Brust wird jetzt sehr eng. Die Frau lächelt. Taber erklärt die Übung für beendet und fragt, wie wir uns fühlen. Ich fühle mich in erster Linie erleichtert, dass ich wieder Abstand zwischen mir und der Frau herstellen kann. Wir sind uns aber alle einig, dass auch eine größere Nähe zu unserem Gegenüber entstanden ist, weil wir einander gesagt haben, wie wir uns fühlen.

Am Ende dieses ersten Abends bilden wir alle einen großen Kreis und legen die Arme umeinander. Danach sollen wir rumlaufen und uns gegenseitig umarmen. Die Leute umarmen mich alle so fest und lange wie ich meine Mutter, wenn sie Geburtstag hat. Ich finde das ein bisschen lächerlich, schließe aber aus der dann doch wiederum recht homogenen Umarmungspraxis, dass sie in diesen Psycho-Kreisen wohl üblich ist. Als ich jedoch meinen Nebenmann umarmen möchte, sagt der zu meiner großen Überraschung: „Noch nicht. Das ist mir zu früh.“ Nachdem ich den ganzen Abend so viel in mich hineingefühlt habe, konstatiere ich innerlich ein leichtes Unwohlsein.

Für wen halten Sie ihren gegenüber?

Am nächsten Morgen sind wir nur noch 17 Leute. Denn der Freitagabend-Workshop war kostenlos, ab nun kostet er Geld, 290 Euro für zwei Tage, inklusive Mittagessen. Wir sind etwa gleich viele Männer und Frauen, unser Alter liegt zwischen Mitte zwanzig und 50, die Hälfte von uns sieht total öko aus, die andere wirkt unauffällig und angepasst.

Als Erstes stellen wir uns einander vor. Unter uns ist eine Yoga-Lehrerin, eine junge Tätowiererin mit Dreadlocks, die rasierte Frau vom Vorabend ist auch wieder da und entpuppt sich als Betreiberin eines veganen Cateringservices. Auch der junge Mann mit dem Wuscheldutt ist wieder da, außerdem noch zwei weitere junge Männer, ebenfalls mit Wuscheldutt. Unter den übrigen Männern sind ein Webdesigner, ein Bundeswehrveteran, ein Pferdeflüsterer und mehrere ITler, unter den Frauen ist eine Kindergärtnerin, eine Psychiaterin, eine junge Frau, die sich als Tabers Assistentin vorstellt, und eine Tantramasseurin, die erklärt, dass sie in Hotels reiche Geschäftsmänner massiert. Auch der Mann, der mich am Vorabend nicht in den Arm nehmen wollte, ist da, er macht ebenfalls irgendwas mit IT.

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Taber fordert uns, aufbauend auf der Übung vom Vorabend, auf, im Raum umherzulaufen und uns auf Kommando abermals irgendeinem Partner zuzuwenden. Ich lande gegenüber von der Rasierten, die klein und etwas korpulent ist. Sie ist mir nicht sonderlich sympathisch, aber noch während ich das denke, merke ich, dass das eine in Tabers Augen unzulässige Interpretation ist. Doch falsch: Taber möchte, dass wir uns jetzt gegenseitig sagen, was wir am anderen wahrnehmen und wie wir das interpretieren.

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