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„Radical Honesty“-Workshop : Mein Psycho-Wochenende

Als alle dran waren, fragt Taber: „Ist es nicht lächerlich, dass wir alle uns die ganze Zeit gegenseitig was vormachen? Und was ist jetzt hier im Raum passiert, nachdem einige von uns etwas richtig Riskantes gesagt haben?“ Wir stellen fest, dass wir uns einander näher fühlen. Taber ist zufrieden, er konstatiert: „Das ist doch komisch. Wir geben viele Dinge vor, damit wir uns einander näher fühlen, und dabei entsteht viel mehr Nähe, wenn wir diese Dinge nicht tun und ehrlich zueinander sind. Warum hören wir dann also nicht damit auf?“

Eine Frau wendet ein: „Meine Mutter ist die ganze Zeit total ehrlich, sie sagt mir andauernd, was sie denkt. Das ist schrecklich für mich. Ich wünschte, sie wäre weniger ehrlich!“ Taber entgegnet: „Sagen, was man denkt, ist nicht unbedingt ehrlich. Nicht, wenn man ein Richter ist. Wenn man zum Beispiel sagt: ‚Oh, du hast aber zugenommen. Das sieht doof aus‘, dann glaubt man nur an seine eigenen Interpretationen. Das ist nicht das, was die meisten unter Radical Honesty verstehen.“

„Horcht in euch hinein“

Dann erklärt er uns, dass wir einander etwas vormachen, weil wir unbewusst Angst davor haben, zu viel von dem zu empfinden, was wir nicht empfinden wollen. Das sei bei jedem etwas anderes, je nachdem, was für Erfahrungen jemand gemacht habe im Laufe seines Lebens. Die meisten Menschen würden von unbewussten Gefühls-Vermeidungs-Strategien gesteuert. „Wenn wir uns unseren unangenehmen Gefühlen aber nicht stellen, versinken wir immer mehr in der Welt unserer Interpretationen und entfernen uns immer weiter von uns selbst. Das ist zu 99 Prozent Ursache aller unproduktiven Konflikte“, erklärt Taber.

„Dann reden wir nämlich darüber, wessen Interpretation der Realität die richtige ist. Wenn wir zum Beispiel unserem Partner vorwerfen, was er alles falsch macht, so dass ich mich schlecht fühle, stelle ich mich nicht meinen eigenen Gefühlen, sondern verharre in meiner Interpretation von richtig und falsch. Das führt nirgendwohin, wir schlagen so nur die Köpfe aneinander.“ Wenn wir hingegen benennen würden, was in unserem Körper vor sich geht, kämen wir unseren Gefühlen auf die Spur und könnten diese dem anderen mitteilen. So könnten wir Konflikte besser lösen.

Als Nächstes sollen wir lernen, unsere unbewussten Gefühle wahrzunehmen. Dazu sollen wir im Raum umhergehen und uns auf Tabers Kommando dem Menschen zuwenden, der gerade vor uns steht. Bei mir ist das eine hübsche junge Frau, einen Kopf kleiner als ich, sie ist mir auf Anhieb sympathisch. „Schließt die Augen und horcht in euch hinein“, fordert Taber uns auf. „Dann öffnet die Augen wieder und konzentriert euch weiter auf euer Inneres. Seht euren Partner an und beobachtet, wie die Gefühle in eurem Körper sich verändern.“

Jeder umarmt jeden

Bei mir verändert sich sofort ganz viel. Als Erstes fange ich an zu schwitzen, dann möchte ich die Frau unbedingt anlächeln. Uns trennen vielleicht 30 Zentimeter, und dass wir uns die ganze Zeit anstarren, ohne etwas sagen zu dürfen, macht es nicht besser. „Falls ihr keine Veränderung spürt, nähert euch eurem Partner noch mehr“, fordert uns Taber auf. Die Frau bewegt sich leicht auf mich zu, nun trennen uns noch etwa zwanzig Zentimeter. „Und nun“, sagt Taber, „beschreibt eurem Partner, was ihr fühlt.“

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