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„Radical Honesty“-Workshop : Mein Psycho-Wochenende

Er legt die Halskette ab

Wir sollen jetzt lernen, für uns selbst als Gruppe Verantwortung zu übernehmen. Daher sollen wir entscheiden, ob wir Taber weiter bestimmen lassen wollen, was wir als Nächstes machen, oder ob wir das selbst festlegen wollen. Taber legt die aus dicken Holzperlen bestehende Halskette ab, die er seit dem Morgen trägt. Wir diskutieren, was wir tun sollen. Ein Mann schlägt vor, dass wir meditieren sollen. Ich sage, dass ich das auf keinen Fall möchte, weil ich die restliche Zeit nutzen möchte, um noch mehr Übungen zu machen. Es entspinnt sich eine unendliche Diskussion. Einer der Wuschelköpfe möchte für uns Gitarre spielen, ein anderer Mann genießt, dass keine Harmonie in der Gruppe herrscht. Es macht ihn gleichzeitig traurig, dass er die schlechte Stimmung genießt. Die Psychiaterin knuddelt jetzt mit dem Veteranen. Die Rasierte, die Assistentin, der Mann, der mit allen Sex haben will, und zwei Wuschelmänner liegen auf einem Haufen. Die Rasierte schlägt vor, dass wir uns alle knuddeln sollen. Der Webdesigner sagt mir, dass meine Stimme ihn wütend macht. Der Mann, der sich Dinge und Finger in den Hintern schiebt, möchte, dass einer von uns ihn anschreit und sauer auf ihn ist. Die Tätowiererin versucht es, aber der Mann findet, dass sie nicht richtig geschrien, sondern nur mit lauter Stimme gesprochen habe. Sie schreit also richtig, aber dennoch etwas verhalten, und er sagt, sein Herz schlage jetzt schneller, aber der Effekt sei nicht stark genug.

Der Wütende fragt: „Was machen wir hier?“ und bringt damit ziemlich genau auf den Punkt, was ich auch schon die ganze Zeit denke. Taber sagt: „Brüll ihn an!“, und zeigt auf den Mann, der sich Finger und Dinge in den Hintern schiebt. Aber der Wütende will nicht. „Nicht auf Kommando“, sagt er.

Wir sollen jetzt in uns hineinhorchen, was wir fühlen, wenn wir das Gefühl haben, dass wir mit dieser Diskussion unsere Zeit verschwenden. Taber sagt, je weniger wir dem Gefühl für uns selbst ausweichten, desto eher werde es uns gelingen, einen guten Kompromiss zu finden. Wir fühlen also in uns hinein und beschreiben, was wir fühlen. Aber auch das führt zu keiner Entscheidung.

„Geht doch“

Ich werde fast wahnsinnig vor Ungeduld. Taber sagt: „Ihr denkt jetzt: ‚Wenn wir uns doch nur entscheiden würden, dann bräuchte ich all das nicht mehr zu fühlen.‘ Dann müsstet ihr euch nicht mehr ärgern. Ihr denkt also: ‚Ich würde Glück spüren, wenn wir endlich eine Entscheidung treffen würden.‘“

Die Tantramasseurin sagt, dass sie nichts von all unseren Vorschlägen hält und auch keinen der Vorschläge, die wir gleich machen werden, akzeptieren wird, weil sie nämlich gegen alles ist, was hier vorgeschlagen wird. Einer fragt: „Weil wir nicht im Kreis sitzen?“ Großes Gelächter. Taber sagt: „Es gibt jetzt Verurteilungen und Anziehungskräfte in der Gruppe.“

Am Ende dieses zweiten Tages umarmen wir uns alle, ich auch den Wütenden. „Geht doch“, sage ich. Er guckt mich an und sieht zum ersten Mal an diesem Wochenende richtig nett aus.

Zwei Tage nach dem Workshop bekomme ich eine Mail von der Assistentin. Sie hat eine Google-Gruppe für uns gegründet. Hier können wir uns gegenseitig schreiben, wie es uns jetzt geht. Kurz darauf schreibt die Rasierte, dass sie mit ihrer Mutter gesprochen hat und sich mit ihr versöhnt hat. Obwohl sie nicht gedacht hätte, dass ihr das jemals im Leben gelingen würde. Aber ihre Mutter habe ihr nun zum ersten Mal richtig zugehört und sei für sie dagewesen. Sie hätten zusammen geweint und ihre Gefühle miteinander geteilt. Zum ersten Mal in ihrem Leben hätte sie sich ihrer Mutter nah gefühlt, weil sie ihr gesagt habe, was sie in ihrer Kindheit vermisst habe. Für sie habe ein neues Kapitel ihres Lebens begonnen.

Der nächste Radical Honesty Workshop mit Taber Shadburne findet vom 21. bis 23. Juli in Hamburg statt.

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