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Körperdysmorphe Störung : „Patienten vergleichen sich permanent“

„Wer viel Zeit auf Tinder verbringt, ist eher mit seinem Körper unzufrieden“: Oliver Sündermann über den Effekt der sozialen Medien auf die Psyche. Bild: www.plainpicture.com

Bei einer körperdysmorphen Störung kreisen die Gedanken ständig um das eigene Aussehen. Im Interview spricht ein Psychologe über den Wettbewerb auf Instagram, die Rolle der Eltern und die Verantwortung der Schönheitschirurgen.

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          Herr Sündermann, Sie forschen zur körperdysmorphen Störung (KDS). Damit ist die Unzufriedenheit mit einem vermeintlichen oder geringfügigen Makel gemeint, aus der ein ernstzunehmendes Leiden werden kann. Das kennen doch zunächst einmal viele: Man mag seine Nase nicht oder seine Arme oder seine Beine oder, oder, oder...

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das stimmt, viele sind mit ihrem Aussehen oder einem Aspekt ihres Körpers nicht zufrieden. Die Beschäftigung mit einem vermeintlichen Makel im Aussehen ist so gesehen völlig normal. Es ist wie bei anderen psychischen Störungen auch: Die Schwelle zur psychischen Erkrankung ist überschritten, wenn das Leiden gewisse Ausmaße annimmt oder Funktionsbeeinträchtigungen im Alltag stattfinden, bei der Arbeit, in der Familie, der Beziehung. Menschen mit einer körperdysmorphen Störung beschäftigen sich in der Regel mindestens eine Stunde oder länger pro Tag mit ihrem körperlichen Aussehen und dem wahrgenommenen Makel, den andere, wenn überhaupt, nur geringfügig sehen können. Betroffene analysieren ihr Aussehen oft akribisch im Spiegel, vergleichen sich ständig mit anderen, grübeln über ihr Aussehen, verdecken ihr ungeliebtes Körperteil, verwenden exzessiv Make-up oder gehen erst gar nicht aus dem Haus, aus Scham und der damit verbundenen Angst vor negativer Bewertung.

          Sind Frauen und Männer davon unterschiedlich betroffen?

          Sowohl Frauen als auch Männer sind betroffen, im Durchschnitt zwei Prozent der Bevölkerung. Bei Frauen wird es leicht häufiger diagnostiziert, das kann aber auch daran liegen, dass bei Männern Scham und Angst vor Stigmatisierung ausgeprägter sind. Die Prävalenz schwankt stark; in psychiatrischen Einrichtungen und kosmetischen Kliniken sind die Zahlen viel höher und eher gleich verteilt zwischen den Geschlechtern.

          Psychologe Oliver Sündermann forscht zur körperdysmorphen Störung (KDS).
          Psychologe Oliver Sündermann forscht zur körperdysmorphen Störung (KDS). : Bild: Privat

          In Deutschland spricht die Vereinigung der Ästhetisch-Plastischen Chirurgen von Studien, nach denen der Anteil an KDS-Patienten unter jenen, die zum Schönheitschirurgen gehen, bei 15 Prozent liege. Und im Unterschied zur Essstörung bezieht sich die KDS auf ein einziges Körperteil.

          Es kann ein Körperteil sein oder mehrere, aber meistens beziehen sich die KDS-Sorgen auf sichtbare Körperteile, zum Beispiel die Nase, Augen, Ohren, Gesichtshaut, Gesichtsform, Haare und wahrgenommenen Haarausfall, der von anderen, wenn überhaupt, nur minimal bemerkt wird.

          Im Sommer werden mehr Körperteile sichtbar, die im Winter bedeckt sind. Wird das Leiden für Betroffene größer?

          Ja. Der Sommer ist ganz schwierig für viele Leute mit einer KDS. Die Menschen tragen weniger Klamotten, Arme und Beine werden mehr gezeigt. Überhaupt sind auch Helligkeit und Sonne schwierig, weil die Angst dann größer ist, dass die wahrgenommenen Defekte im Aussehen sichtbarer für andere sind. Ich würde nicht sagen, dass Menschen mit einer KDS sich im Sommer auch um andere Körperteile Gedanken machen, aber sie sind im Sommer mehr betroffen.

          Kann eine KDS bei Menschen, die einen Makel wahrnehmen, der im Winter versteckt ist, auch saisonal auftreten?

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