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Psychologe im Gespräch : „Meditation wirkt universell positiv“

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Es gab immer schon Verbindungen zwischen der klinischen Psychologie und dort vor allem Vertretern der Psychoanalyse und der Meditation, sogar schon im vorletzten Jahrhundert. Was jetzt passiert, ist, dass auch die Forschung sich damit beschäftigt, und ich vermute, ein Grund dafür sind Effizienznachweise. Man hat herausgefunden: Wenn Leute meditieren, da passiert was. Sowohl im Gehirn als auch im Verhalten und in den Selbsteinschätzungen. Einige Kollegen in den Vereinigten Staaten vermuten nun, dass die Politik ein Interesse daran haben könnte, das zu propagieren, weil es sehr viel billiger ist als Psychotherapie.

Inwiefern?

Ein sehr bekanntes Beispiel dafür ist die Mindfulness Based Stress Reduction, kurz MBSR, oder auch Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion nach dem Arzt Jon Kabat-Zinn. Dazu gibt’s relativ viele Studien, die Effekte zeigen: Stresssymptome lassen nach, es hilft bei Angst und Depression, Schlafstörungen und psychosomatischen Beschwerden wie Migräne sowie bei chronischen Schmerzen.

Was lernt man denn bei MBSR?

Dazu gehören verschiedene Aspekte: Meditation im Sitzen und im Gehen, kurze Achtsamkeitsübungen, Achtsamkeit auch im Alltag - also immer ganz bei dem zu sein, was man gerade tut -, außerdem Körperwahrnehmung und Yoga.

Sie haben die Auswirkung von Meditation auf gesunde Menschen erforscht und darüber jetzt auch in Berlin auf dem Kongress gesprochen. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

In unserer Metaanalyse fanden wir, dass bei gesunden Menschen Meditation deutlich stärker wirkt als Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training und Denktrainings. Meditation verbessert soziale Beziehungen, lindert Angst und vermindert negative Emotionen. Zudem hat sie deutlich positive Auswirkungen auf unsere Wahrnehmungsfähigkeit, verbessert die Aufmerksamkeit, macht Lernen leichter und effizienter, verbessert das Gedächtnis und wirkt sich insgesamt positiv auf unsere Persönlichkeit aus. Meditation, könnte man sagen, wirkt universell positiv.

Sie erwähnten Yoga. Wie hängt das mit Meditation zusammen?

Das Yoga, das heute im Westen praktiziert wird, hat oft wenig mit dem ursprünglichen Yoga zu tun. Dazu gehören unterschiedliche Arten, die in der Regel über Körper- und Atemübungen zur Meditation hinführen sollen. Bei uns konzentrieren sich die Menschen meist nur auf das Körperliche und vielleicht die Atemübungen. Diese abgespeckte Form von Yoga zeigt aber nachweislich auch positive Wirkungen.

Könnte Meditation - nach der Yogawelle - der nächste Trend werden?

Ich könnte mir schon vorstellen, dass es noch Zuwachs geben wird in den nächsten Jahren. Zumal wenn die Techniken so gut verdaubar sind wie in der MBSR. Diese Methode ist leicht erlernbar und zudem kurzweiliger, weil sie nicht nur Meditation enthält, sondern auch andere Übungen. Andererseits haben manche zu Beginn sehr hohe Erwartungen, etwa, dass sie in einem Monat oder einem halben Jahr erleuchtet sind. Solche Versprechungen findet man nicht selten in der Esoterikliteratur, und wenn nichts dergleichen geschieht, kommt die Frustration, und die Leute hören wieder auf. Wobei die Forschung gezeigt hat, dass man nach einem Monat schon genauso gute Effekte sehen kann wie nach einem Jahr - man ist nicht erleuchtet, aber man regt sich zum Beispiel nicht mehr so schnell auf. Es wirkt also schon, relativ gesehen, schnell, aber nicht sofort, und am Anfang merkt man vor allem: Das Sitzen tut weh, die Gedanken fliegen davon, oder irgendetwas Unangenehmes zeigt sich, was man mit einem Spaziergang oder einem Gespräch mit Freunden unter Kontrolle bekommen hätte, und das geht nicht weg. Weil man ja dasitzt und nicht flüchten kann. Deshalb bin ich skeptisch, ob es neben der Yogawelle eine echte Meditationswelle geben wird.

Eignet sich denn jede Meditationsform für jeden?

Dazu gibt es noch keine systematischen Forschungsergebnisse, aber Indizien deuten darauf hin, dass nicht jeder von jeder Meditationsform gleich gut profitiert. Die beste Empfehlung derzeit lautet, es einfach auszuprobieren und der Sache Zeit zu geben.

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