https://www.faz.net/-hrx-9hkeb

Porträt Václav Vorlícek : Aschenbrödels Vater

Alle Jahre wieder: Der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und die Romanze des Prinzen (Pavel Trávnicek) mit Aschenbrödel (Libuse Safránková) gehören für viele fest zum Weihnachtsprogramm. Bild: dpa

Wenige Regisseure haben Kinder so gut verstanden wie Václav Vorlícek. Jeder kennt seine „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, einen der berühmtesten Märchenfilme. Aber fast niemand kennt ihn.

          11 Min.

          Es ist noch gar nicht lange her, dass eine Frau auf einer Geburtstagsfeier einen Herrn zum Tanz aufforderte, der gut und gerne ihr Großvater sein konnte. Der Herr, groß und hager, mit grauem, schütterem Haar und freundlichem Schmunzeln auf den Lippen, Typ Märchenonkel, war zu dem Fest zu Ehren eines Architekten von Prag nach Hamburg gereist. Obwohl es galt, den Takt auf dem Parkett zu halten, kamen die Frau und ihr Tanzpartner ins Gespräch. Wo er herkomme und was er im Leben angefangen habe, wollte sie von ihm wissen. Der Herr antwortete wahrheitsgemäß, er sei Tscheche und sei Regisseur gewesen. Welche Filme er denn gedreht habe, fragte die Frau. Der Herr antwortete mit böhmischem Akzent: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, „Die Märchenbraut“, „Der fliegende Ferdinand“.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Frau konnte sich kaum auf den Beinen halten – sie hatte sich in die Arme jenes Mannes begeben, der ihre Kindheit geprägt hatte. Noch heute riefen ihre Angehörigen sofort bei ihr an, wenn wieder einmal „Die Märchenbraut“ mit der schönen Arabela und ihren Ausflügen ins Menschenreich im Fernsehen laufe, sagte sie. Dann schauten sie, obwohl Hunderte Kilometer entfernt, gleichzeitig die Serie und fühlten sich in die Zeit versetzt, als sie selbst noch ein Kind war.

          So wie der Frau geht es Hunderttausenden, die mit diesen Filmen und Serien aufgewachsen sind. „Aschenbrödel“ wurde in mehr als 100 Länder verkauft. Jedes Jahr läuft der Film zu Weihnachten in mehreren ARD-Programmen. Für viele Deutsche gehört er zur Adventszeit. Die Auftritte des Radiosinfonieorchesters Pilsen mit einer Konzertfassung der Titelmusik finden so großen Zuspruch, dass sie immer wieder Hunderte in die Alte Oper in Frankfurt ziehen. Der Aschenbrödel-Fanklub feiert jedes Jahr ein Fest auf Burg Bilstein im Sauerland. Und auf der deutschen Amazon-Website haben viel mehr Rezensenten die Märchenverfilmung bewertet als andere Kultfilme wie „Pulp Fiction“ oder die „Rocky Horror Picture Show“. Ihr Aschenbrödel ist den Deutschen heilig.

          Berufswunsch: Filmregisseur

          Gemessen an der Verehrung ist der Erschaffer dieser Werke fast unbekannt. Dabei könnte man Václav Vorlicek, der 1930 geboren wurde, fast als tschechisches Pendant zu Astrid Lindgren bezeichnen. Ihm gefällt dieser Vergleich. Denn Ferdinand, Arabela, Saxana, Rumburak oder Onkel Pompo sind den Kindern so ans Herz gewachsen wie Lisa, Ronja, Pippi, Madita oder Kalle Blomquist. Doch Starkult gab es im Sozialismus kaum. Das wandelte sich erst, als Demokratie und Kapitalismus nach Prag zurückkehrten.

          Wenn man Václav Vorlicek treffen möchte, heißt es erst einmal warten. Vergessen hat er den Termin nicht. Nein, sagt er, als er eine halbe Stunde nach der verabredeten Zeit im „Café Slavia“ im Zentrum der tschechischen Hauptstadt erscheint. Seine 90 Jahre alte Schwester sei unvorhergesehen erschienen und habe ihm Selbstgekochtes in Tupperdosen vorbeigebracht. Und sie habe genaue Anweisungen gegeben, wann welches Gericht idealerweise heiß zu machen sei. Offenbar traut die große Schwester dem verwitweten Filmregisseur nicht mehr zu, sich um sich selbst zu kümmern, obwohl auch seine beiden Töchter nicht weit entfernt leben.

          Václav Vorlicek ist ein Geschichtenerzähler. In seinen Kinderfilmen lässt er Figuren ohne Kopf gegen emanzipierte Frauen mit Zauberring und Zaubermantel antreten, lässt er Kinder, wenn sie an Blumen riechen, fliegen, erwachsen werden und auf der Insel Pultanella zu Regenten eines friedlichen Reichs werden. Seine Phantasie ist grenzenlos. Selbst seine Erwachsenenfilme wie die James-Bond-Parodie „Das Ende des Geheimagenten WFC“, „Wer will Jessie umbringen?“ und „Wie soll man Dr. Mrácek ertränken? oder „Das Ende der Wassermänner in Böhmen“ sprühen vor absurden Einfällen.

          „Als Junge war ich ein Pfadfinder, und das bin ich bis jetzt“, sagt Vorlicek. Auch mit 88 Jahren lebt er von seiner Neugier. Die Pfadfinderei war sogar der Grund dafür, dass er zum Film kam. Der Leiter seiner Gruppe, ein Schriftsteller, schrieb ein Stück, das er verfilmen wollte. Im Sommer 1947 lud er Filmemacher ein. „Ich kam dadurch in Kontakt mit den Kameraleuten und habe sie ständig mit Fragen gelöchert.“ Bald stand sein Berufswunsch fest: Filmregisseur.

          Immer Pfadfinder geblieben: Der Regisseur Václav Vorlicek lebt von seiner Neugier.

          Noch vor dem Abitur fing er an, in den Prager Filmstudios zu arbeiten. Nach dem Abitur meldete er sich bei der Filmhochschule FAMU. Im ersten Versuch scheiterte er an der Aufnahmeprüfung, weil er den Titel des neuen Buchs von Kulturminister Zdenêk Nejedly nicht nennen konnte. Ein Jahr später kam er durch. Er mochte Zombie-Geschichten und Filmkomödien – und er versuchte, sich als Jugendlicher in Erwachsenenfilme zu schleichen, einmal mit Hilfe eines vom Vater geborgten Huts. „Aber leider war ich höflich und habe meinen Hut abgenommen. Da erkannte das Personal, dass ich nicht alt genug war.“

          Für die Kinder fehlte ein Genre

          In Prag hatten die Gebrüder Havel, Vater und Onkel des späteren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel, in den Dreißigern die Barrandov-Studios aufgebaut. Wegen der böhmischen Märchentradition entstanden dort viele Märchenfilme. Für die Tschechoslowakei war das nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Möglichkeit, Devisen zu erwerben.

          Die tschechischen Kinderserien, die später so berühmt wurden, haben das richtige Erzähltempo, bersten vor Ideen und nehmen Kinderseelen ernst. Tschechische Filme und Serien wollen nie erziehen, sondern immer erzählen, wie der WDR-Kinderfilmchef Gert K. Müntefering einmal sagte. Als Bindeglied zwischen den deutschen Sendeanstalten und den tschechischen Kreativen plante er Serien wie „Pan Tau“, „Luzie der Schrecken der Straße“ vom Team Jindrich Polák und Ota Hofman oder eben „Die Märchenbraut“ und „Der fliegende Ferdinand“ von Václav Vorlicek und Milos Macourek. Von diesen vier Filmemachern lebt nur noch Vorlicek.

          Am Anfang standen bei ihm nicht die Kinderfilme. „Als Pfadfinder habe ich am Lagerfeuer immer Horrorgeschichten erzählt. Da dachte ich, es könnte nett sein, diese Geschichten auch visuell darzustellen.“ Als er anfing, in den Barrandov-Studios zu arbeiten, bemerkte er aber, dass Regisseure nur ungern mit Kindern arbeiteten. „Immer wenn sie einen Film mit kleinen Kindern machen sollten, haben sie den Assistenten beauftragt.“ Also spezialisierte er sich auf das am wenigsten beliebte Genre. „Ich dachte: Das ist der einfachste Weg, zum Filmemachen zu kommen.“

          Er erkannte, dass für Kinder ein Genre fehlte, das bei Erwachsenen sehr beliebt war: Kriminal- und Detektivgeschichten. Aus diesem Gedanken entstand im Jahr 1959 sein erster Film, dessen Titel übersetzt „Faltblättchen“ heißt. Es geht um einen Jungen, dessen Idol Sherlock Holmes ist und der den Diebstahl von Marionetten aufklären soll.

          Langsam etablierte sich Vorlicek als Regisseur. Der Film „Wer will Jessie umbringen?“ und seine Agentenparodie wurden in den sechziger Jahren zu Erfolgen, auch im Ausland. Eine Zeitlang lebte er sogar in New York, doch ein Umzug war mit vierköpfiger Familie nicht denkbar. So entwickelte er ein Gespür für die internationale Anschlussfähigkeit der Produktionen. „Das Lachen der Zuschauer ist der Motor meiner Arbeit“, sagt er. Und gelacht wird über seine Filme überall. „Ich beobachtete einmal in Indien, an welchen Stellen die Zuschauer lachten“, sagt der Regisseur. „Ich saß in einem Kinosaal bei 40 Grad, und die Leute lachten an denselben Stellen wie in unserem Kino.“ Er lernte daraus. Seine Filmkomödien gehörten zu seinen meist-verkauften Arbeiten. Bis heute spürt er das auf dem Konto. Der Sozialismus konnte es nicht verhindern.

          Eine andere Welt

          Bei Kriegsende war er 15 Jahre alt. Er erinnerte sich noch an eine freiheitliche Vergangenheit während der Ersten Republik und vor der Besetzung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1939. „Wir hatten das Gefühl, dass uns etwas aufgezwungen wurde, das wir bis zum Alter von 15 Jahren nicht so erlebt hatten“, sagt er. „Gegen diesen Druck haben wir uns gewehrt. Ab und zu mussten wir das versteckt oder heimlich machen.“ Man merkt es der Serie „Die Märchenbraut“ an.

          „Max, Susi und das magische Telefon“: Der Fantasyfilm kam 2001 in die Kinos.

          Entscheidend geprägt wurde er von den Comic-Magazinen, die amerikanische Soldaten 1945 ins Land brachten. „Ich hatte Verwandte in den von den Amerikanern besetzten Gebieten“, erinnert er sich. Sein Cousin schickte ihm ein Foto von sich auf einem amerikanischen Panzer. Nach der Befreiung machte er sich nach Westen auf. „Die amerikanischen Soldaten interessierten sich vor allem für Alkohol und junge Frauen.“ So blieben den Jugendlichen die Zeitschriften.

          Er bestaunte eine andere Welt: Märchengeschichten und Storys, Comics und Epen. Viele handelten vom Krieg im Pazifikraum, der im Sommer 1945 noch nicht beendet war. „Die Piloten bombardierten damals Japan. Wir hatten nur Deutsch und ein bisschen Französisch gelernt, mein Vater aber konnte ein bisschen Englisch und half uns dabei, die Geschichten zu übersetzen. Für uns hörte sich das etwa so an: Ich fliege auf einer Höhe von 2000 Metern, über mir fliegt ein kleiner japanischer Bastard. Immer waren das nur ,Bastards'. Dieser Slang hat uns gut gefallen.“

          Auch seine Figuren sollten später Grenzerfahrungen zwischen andersartigen Welten erleben. Zum ersten Mal findet sich dieses Motiv im Jahr 1966. „Ich wollte Comicfiguren beleben und sie mit echten Menschen zusammenbringen“, sagt Vorlicek. Für seinen Spielfilm „Wer will Jessie umbringen?“ kam er zum ersten Mal mit dem Drehbuchautor Milos Macourek zusammen. Superhelden, knapp bekleidete Blondinen, Sprechblasen, Zauberpillen aus einer Traumwelt, die in der realen Welt ihre Wirkung entfalten: Das war ihre Adaption der Comicwelt, ein Schritt in eine faszinierende Konfrontation – reale Welt prallt auf Phantasiewelt, daraus entstehen die Verwicklungen.

          Diese Motiv-Quelle versiegte nicht, auch wenn der Prager Frühling sie zu Teilen schloss. Die Idee, Comicfiguren und reale Menschen zu mischen, ließ ihn nicht los. Im Macoureks Wochenendhaus phantasierten sie los. „Wir stellten uns gegenseitig unsere Ideen vor, und immer wenn der andere dabei lachte, sagten wir: Okay, das nehmen wir auf. Auf dieser Basis entstanden viele Filme.“ Vor allem als Gert K. Müntefering vom WDR auf sie aufmerksam wurde, half ihnen die Sammlung. „Wenn uns mal Ideen fehlten, haben wir uns daraus etwas genommen.“

          Der erste Film aus dieser Kooperation war „Saxana - Das Mädchen auf dem Besenstiel“ von 1972. Eine junge Hexe lernt ihr Handwerk in einer Zauberschule. Als sie beim Spicken erwischt wird, muss sie zur Strafe 300 Jahre lang nachsitzen. Darauf hat sie aber keine Lust und flüchtet in die Menschenwelt, nachdem der Schul-Hausmeister (gespielt vom unverwüstlichen Vladimir Mensik, der bis zu seinem Tod 1988 in fast allen Filmen Vorliceks auftritt) ihr das Zauberlexikon reicht. Eine Hexe aus dem Zauberreich in der Menschenwelt: Das führt zu Chaos. In einer Schule verzaubert sie Lehrer in Kaninchen. Gleichzeitig entdecken Kinder die Vorzüge des Zauberlexikons. Am Ende werden der Hausmeister und die Hexe vor die Wahl gestellt: Strafe und Rückkehr ins Zauberreich oder Verlust der Zauberkraft und Verbleib in der Menschenwelt. Beide entscheiden sich für ein Leben als Mensch, doch Saxana vergisst das sogleich, will Unheil verhindern und springt aus dem Klassenzimmer –mit schmerzhaften Folgen.

          „Ich habe immer eine Idee“

          „Wir haben ein Angebot bekommen, einen Film über eine junge Hexe zu drehen“, erzählt der Regisseur. Doch was sollten sie damit anfangen? Vorgabe war, dass die Hexe regelmäßig über eine Kaserne fliegt. „Wir dachten uns ein Märchenreich aus. Das sollte 30 Meter unter der Erdoberfläche liegen und 100 Kilometer von Prag.“ Die Idee des Märchenreichs gefiel ihnen so gut, dass es später einer der Handlungsorte einer Fernsehserie wurde.

          „Saxana – Das Mädchen auf dem Besenstiel“: Der Märchenfilm wurde 1972 gedreht.

          Das Setting des „Saxana“-Films erinnert an Joanne K. Rowlings Bestsellerreihe „Harry Potter“, deren erster Band 1997 erschienen ist. Andere trugen regelrechte Plagiatskämpfe gegen sie aus, Vorlicek schmunzelt nur. Sein Werk, sagt er, könnte sie bei einem Jugendfilmfestival in London gesehen haben. „Es ist nicht auszuschließen, dass die acht- oder zehnjährige Joanne K. Rowling bei diesem Gratis-Festival saß und sich inspirieren ließ. Das ist aber nur eine Theorie.“

          Dann bekam er das Angebot, die tschechische Variante des Grimmschen Aschenputtel-Märchens zu drehen. Die DDR-Filmstudios Defa verlangten, den Film im Winter zu drehen, weil die Schauspieler dann nicht ausgelastet seien. Selten gab es eine so emanzipierte weibliche Märchenfigur wie in der Drehbuchfassung von Frantisek Pavlicek. „Der Vater hatte einen Jungen gewollt, bekam aber ein Mädchen“, sagt Vorlicek. „Trotzdem zog er das Mädchen wie einen Jungen groß und brachte ihr Reiten und Schießen bei. Dadurch entstand diese stolze, mutige und geschickte Figur Aschenbrödel.“

          Die literarische Vorlage, Pavliceks Drehbuch, der Einfluss der Defa: Wie viel vom Aschenbrödel ist noch seine Leistung? Empfindet er seine eigenen Stoffe wie „Saxana“, „Arabela“ oder „Ferdinand“ eher als sein Werk? „Nein“, antwortet Vorlicek. „Ich habe immer eine Idee, die ich verwirklichen will.“

          Für die nächsten Produktionen kehrte er wieder zu Macourek zurück. „Wir wollten den Zuschauer überzeugen, dass Unsinn möglich ist“, sagt er. Was bei „Saxana“ die zaubernde Hexe war, waren in „Wie wäre es mit Spinat?“ (1977) dann rätselhafte Gerätschaften. „In dem Film haben wir den Zuschauer überzeugt, dass man jünger wird, wenn man Spinat isst und danach bestrahlt wird.“

          Eine weitere Kooperation mit Müntefering und Macourek wurde danach das Opus Magnum der drei: „Die Märchenbraut“, 1981 im Ersten Deutschen Fernsehen und 1983 im DDR-Fernsehen ausgestrahlt und im tschechischen Original nach der Hauptfigur „Arabela“ benannt. Eine derart intelligente, witzige, tiefgründige, komplexe und vor Einfällen strotzende Kinderserie hat es zuvor und danach wohl nicht mehr gegeben.

          Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

          Der Schauspieler Karl Majer (wieder von Mensik gespielt) findet zufällig ein Glöckchen, mit dem er einen Zauberer aus dem Märchenreich herbeirufen kann. Im Fortgang der Handlung verschwinden Zauberringe und werden wiedergefunden, wird das Reich des entscheidungsschwachen Königs Hyazinth vom bösartigen Zauberer Rumbarak und vom Fortschrittseifer seiner eigenen Tochter Xenia bedroht. Bis seine zweite Tochter Arabela endlich in den Armen von Majers Sohn Peter landet, müssen sie Henker überwältigen, Psychiater überzeugen, dass Zauberei das Normalste der Welt ist, und Märchenfiguren müssen die Tücken der modernen (Menschen-) Welt überwinden.

          Der Druck der Selbstzensur

          Wie hier Kinder auf unkitschige Weise mit den Regeln der Romantik und einer unterschwelligen Kritik am Sozialismus und am modernen Fortschrittsglauben in der Dramaturgie eines gut erzählten Märchens konfrontiert werden, ist eine Meisterleistung. „Selbstverständlich wussten wir, wo wir es ein bisschen härter angehen konnten und wo wir vorsichtiger sein müssen, damit Filme überhaupt gezeigt werden konnten“, sagt Vorlicek. „Wir arbeiteten unter dem Druck der Selbstzensur.“

          „Die Märchenbraut“: Die Fantasy-Kinderserie entstand 1979 bis 1981.

          Nicht alle verstanden das, nicht alle lachten an den richtigen Stellen. „Das war Teil des Spiels, denn wir haben Filme für Intelligente gemacht und nicht für die Straße.“ Andererseits schufen die Filmemacher aus der Tschechoslowakei mit der „Märchenbraut“, der Fernsehfilm-Adaption „Zauberrabe Rumburak“ und der Fortsetzung „Die Rückkehr der Märchenbraut“ von 1990 einen Gegenentwurf zum amerikanischen Disney-Märchenfilm. Es ist eine Freude, Kinder dabei zu beobachten, wie sie Macoureks und Vorliceks Weltentwürfe übernehmen. Filmfiguren wie Anna und Elsa aus der „Eiskönigin“ taugen als Merchandising-Ikonen, lassen sich aber nicht so gut spielen. Vollendete Helden regen die Phantasie weniger an.

          „Bei Disneyfilmen wandeln sich Figuren je nach Bedarf um“, sagt Vorlicek. „Wenn die Figur singen soll, beginnt sie zu singen. Bei uns war das anders. Wir wollten es immer realistisch. Zwar haben wir eine Phantasiewelt geschaffen, aber wir wollten sie zuerst den Kindern erklären, damit sie sie vollständig verstehen.“ Insofern sind ihre Filme wie eine echte Welt, in der Dinge widerspruchsfrei geschehen. „Wenn wir die Zuschauer davon überzeugt hatten, dass Unsinn wirklich geschehen kann, dann war das für uns die Basis, dass Zuschauer mitmachen und es für sie amüsant ist.“

          Besonders gut funktioniert das in ihrer Serie „Der fliegende Ferdinand“, die 1984 die Müntefering/Vorlicek-Trilogie komplettierte. Hier stehen drei Kinder im Mittelpunkt der Handlung. Ferdinand Trenkel begegnet auf dem Schulweg einem Meteoriten, in dessen Inneren sich eine Zauberwelt auftut. Riecht er dort an Blumen, erhält er besondere Fähigkeiten. Ferdinand und seinen zwei engsten Freunden helfen sie dabei, zu fliegen und in die Haut von Erwachsenen zu schlüpfen. Die Rollenwechsel führen die echten Erwachsenen in die Verzweiflung und in psychiatrische Betreuung. „Weil die Kinder von ihrem Umfeld noch unverdorben sind, sind sie in der Lage, Sachen zu erfinden und im Kopf zu ergänzen“, sagt Vorlicek – anders als die Erwachsenen, deren Phantasie schon von so vielen Erfahrungen überdeckt ist.

          Diese zwei Themen beschäftigten den Regisseur mehr als ein Jahrzehnt lang. Dann setzte er wieder auf bekannte Stoffe. 1996 verfilmte er mit Tina Ruland und Uwe Ochsenknecht „Das Zauberbuch“, im Jahr darauf folgte „Der Feuervogel“, 1998 dann die Verfilmung des „Schwanensee“-Stoffs als „Die Seekönigin“ – sie wurden von der Kritik verhalten aufgenommen. Aber Vorlicek/Macourek arbeiteten weiter. Anfang des Jahrtausends kam ihr Fantasyfilm „Max, Susi und das magische Telefon“ in die Kinos, in dem wieder zwei Welten aufeinanderprallen.

          Der Wettbewerb um die beste Idee

          Nach der Vollendung des Films starb Macourek 2002. Damit ging eine mehr als drei Jahrzehnte währende Zusammenarbeit zweier Filmschaffender zu Ende, die sich gegenseitig anspornten. „Vor allem für den Humor ist das am besten, denn ein Autor alleine wird nie ein perfektes Werk schreiben“, sagt Vorlicek. „Hat man zwei Autoren, hat man immer den Wettbewerb um die besten Ideen.“

          Doch auch ohne seinen Partner arbeitete sich Vorlicek an seinen Lebensthemen ab. Obwohl er schon weit über siebzig war, reizte ihn eine Fortsetzung des Saxana-Stoffs – eine Geschichte über die Tochter jener Hexe, die einst das Zauberreich verließ. Sie findet das Zauberlexikon und wird ins Zauberreich mit seinen Hexen, Zwergen, Comicfiguren und Drachen hineingezogen. Das Ergebnis ist der Film „Saxana und die Reise ins Märchenland“, der 2013 ins Kino kam.

          Der Pfadfinder hat seinen Weg gefunden. Seine Erlebnisse mit den Comics der Jugend führten ihn auf eine märchenhafte Reise, auf die er über die Jahre immer mehr Kinder mitnahm. Und doch ist sein Name nur denen bekannt, die sich die Rückseiten von DVD-Hüllen durchlesen oder bis zum Abspann im Kino bleiben.

          Seit sieben Jahrzehnten ist er im Filmgeschäft. Noch heute, da er auf das zehnte Lebensjahrzehnt zusteuert, denkt er weiter über Stoffe nach. „Ich habe mich ein Leben lang mit Film beschäftigt und nach Motiven gesucht. Das geht immer weiter, auch mit 88 Jahren.“ Früher habe er den Zuschauern Unsinn plausibel machen wollen. Jetzt wolle er Kindern die Atmosphäre in den fünfziger Jahren vermitteln. Wird das in einen Film münden? „Ich versuche es in ein Drehbuch zu verwandeln“, sagt er. „Ideen sind das Wertvollste, das man hat. Und sie werden am häufigsten geklaut.“

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Pirelli-Kalender von „Romeo und Julia“ inspiriert Video-Seite öffnen

          Vorstellung in Verona : Pirelli-Kalender von „Romeo und Julia“ inspiriert

          Der italienische Modefotograf Paolo Roversi hat unter dem Motto "Looking for Juliet" Stars für den berühmten Kalender des Reifenherstellers abgelichtet. Nun präsentierte nun stolz das Ergebnis, bei dem unter anderem seine Tochter Stella mitwirkte.

          Topmeldungen

          Es muss nicht die große Karriere sein: Auch im kleinen leisten viele Arbeitnehmer Heldenhaftes.

          Erfolgreich im Beruf : Verborgene Helden

          Mit Karriere verbinden wir Geld, Aufstieg und Ruhm. Erfolg und Erfüllung gibt es aber auch hinter den Kulissen. Fünf Beispiele für ein erfülltes Berufsleben.

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          1:2 in Mönchengladbach : Die Bayern verlieren die Kontrolle und das Spiel

          Die Münchner dominieren das Topspiel zunächst nach Belieben, treffen aber das Tor nicht. Als sie es doch tun, kommt Gladbach schnell zum Ausgleich. In der Nachspielzeit überschlagen sich dann die Ereignisse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.