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Porträt Václav Vorlícek : Aschenbrödels Vater

Václav Vorlicek ist ein Geschichtenerzähler. In seinen Kinderfilmen lässt er Figuren ohne Kopf gegen emanzipierte Frauen mit Zauberring und Zaubermantel antreten, lässt er Kinder, wenn sie an Blumen riechen, fliegen, erwachsen werden und auf der Insel Pultanella zu Regenten eines friedlichen Reichs werden. Seine Phantasie ist grenzenlos. Selbst seine Erwachsenenfilme wie die James-Bond-Parodie „Das Ende des Geheimagenten WFC“, „Wer will Jessie umbringen?“ und „Wie soll man Dr. Mrácek ertränken? oder „Das Ende der Wassermänner in Böhmen“ sprühen vor absurden Einfällen.

„Als Junge war ich ein Pfadfinder, und das bin ich bis jetzt“, sagt Vorlicek. Auch mit 88 Jahren lebt er von seiner Neugier. Die Pfadfinderei war sogar der Grund dafür, dass er zum Film kam. Der Leiter seiner Gruppe, ein Schriftsteller, schrieb ein Stück, das er verfilmen wollte. Im Sommer 1947 lud er Filmemacher ein. „Ich kam dadurch in Kontakt mit den Kameraleuten und habe sie ständig mit Fragen gelöchert.“ Bald stand sein Berufswunsch fest: Filmregisseur.

Immer Pfadfinder geblieben: Der Regisseur Václav Vorlicek lebt von seiner Neugier.
Immer Pfadfinder geblieben: Der Regisseur Václav Vorlicek lebt von seiner Neugier. : Bild: Philipp Krohn

Noch vor dem Abitur fing er an, in den Prager Filmstudios zu arbeiten. Nach dem Abitur meldete er sich bei der Filmhochschule FAMU. Im ersten Versuch scheiterte er an der Aufnahmeprüfung, weil er den Titel des neuen Buchs von Kulturminister Zdenêk Nejedly nicht nennen konnte. Ein Jahr später kam er durch. Er mochte Zombie-Geschichten und Filmkomödien – und er versuchte, sich als Jugendlicher in Erwachsenenfilme zu schleichen, einmal mit Hilfe eines vom Vater geborgten Huts. „Aber leider war ich höflich und habe meinen Hut abgenommen. Da erkannte das Personal, dass ich nicht alt genug war.“

Für die Kinder fehlte ein Genre

In Prag hatten die Gebrüder Havel, Vater und Onkel des späteren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel, in den Dreißigern die Barrandov-Studios aufgebaut. Wegen der böhmischen Märchentradition entstanden dort viele Märchenfilme. Für die Tschechoslowakei war das nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Möglichkeit, Devisen zu erwerben.

Die tschechischen Kinderserien, die später so berühmt wurden, haben das richtige Erzähltempo, bersten vor Ideen und nehmen Kinderseelen ernst. Tschechische Filme und Serien wollen nie erziehen, sondern immer erzählen, wie der WDR-Kinderfilmchef Gert K. Müntefering einmal sagte. Als Bindeglied zwischen den deutschen Sendeanstalten und den tschechischen Kreativen plante er Serien wie „Pan Tau“, „Luzie der Schrecken der Straße“ vom Team Jindrich Polák und Ota Hofman oder eben „Die Märchenbraut“ und „Der fliegende Ferdinand“ von Václav Vorlicek und Milos Macourek. Von diesen vier Filmemachern lebt nur noch Vorlicek.

Am Anfang standen bei ihm nicht die Kinderfilme. „Als Pfadfinder habe ich am Lagerfeuer immer Horrorgeschichten erzählt. Da dachte ich, es könnte nett sein, diese Geschichten auch visuell darzustellen.“ Als er anfing, in den Barrandov-Studios zu arbeiten, bemerkte er aber, dass Regisseure nur ungern mit Kindern arbeiteten. „Immer wenn sie einen Film mit kleinen Kindern machen sollten, haben sie den Assistenten beauftragt.“ Also spezialisierte er sich auf das am wenigsten beliebte Genre. „Ich dachte: Das ist der einfachste Weg, zum Filmemachen zu kommen.“

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