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Mensch und Waage : Da stehen wir nicht mehr drauf

Der Feind in meinem Bad: die Personenwaage Bild: plainpicture/NTB

Weil sie für „negative Gefühle“ sorge, verkauft das Einrichtungshaus Porta keine Personenwaagen mehr. Wird das Beispiel Schule machen?

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          Die Waage stand in unserer Toilette; ein jeder Gast, der diesen Raum aufsuchte, hätte sich daraufstellen können. Und er hätte erfahren, was seine Gastgeber wiegen, denn mit verschiedenfarbigen Schiebereglern konnten wir unser Gewicht markieren, meine Eltern, meine Schwester und ich. Die Offenheit war für uns kein Problem, besonders ernst nahmen wir die Sache ohnehin nicht; gern schob ich die Regler der anderen bis zur Obergrenze von 120 Kilo, wo sie dann wochenlang verharrten. So eine Waage jedenfalls gehörte damals, Ende der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, zur Grundausstattung eines bürgerlichen Haushalts wie Fernsehzeitschrift und Telefonbuch.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Laut einer Studie besaßen auch 2009 noch 72 Prozent der Befragten ein solches Gerät, schreibt Debora Frommeld in ihrem Buch „Die Personenwaage: Ein Beitrag zur Geschichte und Soziologie der Selbstvermessung“, doch scheine es „nicht besonders beliebt“ zu sein, so die Autorin: „Eher schafft es Leiden oder wird aus Überzeugung ignoriert.“ Nur Idealgewichtige würden da widersprechen. Im besten schlimmen Fall wird die Waage zum Mahnmal abgebrochener Diäten, im allerschlimmsten zur Obsession und zur Mitverursacherin massiver Essstörungen.

          Politik und PR

          Wenn Unternehmen sich damit brüsten, bestimmte Produkte – Eier aus Käfighaltung, Pelze, Zigaretten – nicht mehr zu verkaufen, so ist dies Politik und PR zugleich. Die Werbeagentur Jung von Matt Spree steckt dann auch hinter dem Schritt des Einrichtungshauses Porta, ab sofort alle Personenwaagen aus dem Sortiment zu verbannen. Porta preist sich als „stolzer Vermittler erfolgreicher Mensch-Möbel-Beziehungen“, und mit der Waage, die laut Porta „eher negative Gefühle“ auslöst, befindet sich der Mensch nun mal in einer schweren Beziehungskrise. Ein Hashtag (#waageweg) war rasch gefunden und ebenso einige – ernüchternderweise ausschließlich weibliche – Digitalprominente, die Porta und sich selbst für die Body Positivity loben.

          Nun lösen auch Bügeleisen oder Ergometer nicht durchweg positive Gefühle bei ihren Besitzern aus und werden dennoch nicht geächtet. Tatsächlich hat Porta mit der Waage die Überbringerin schlechter Nachrichten und einen schwächelnden Gegner gewählt, dem nicht nur Fitness-Apps zusetzen, der sich aber längst um ein zeitgemäßes Image müht – vom strengen Kontrollinstrument zum „Gesundheitspartner“, wie ein Hersteller seine digitale Körperfettwaage bewirbt.

          Sollte Portas Beispiel Schule machen, dann müssten bald Handys Instagram blockieren mit seinen superschlanken Influencerinnen oder Fernseher „Germany’s Next Topmodel“ verschlüsseln. Damit ist aber nicht zu rechnen, und zwar nicht nur, weil „GNTM“ sich jetzt ganz divers geriert. Sondern auch, weil hier eben nicht zuvorderst Politik, sondern PR gemacht wird. Wie viele Personenwaagen man zuletzt überhaupt verkauft hat, will Porta auf Anfrage nicht mitteilen. Wir schätzen mal: Es wird nicht allzu sehr ins Gewicht gefallen sein.

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