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An der Supermarktkasse : Plötzlich Held

  • -Aktualisiert am

Heldin im Supermarkt: Eine Verkäuferin schützt sich mit Mundschutz und Handschuhen. Bild: Picture-Alliance

Kassierer im Supermarkt haben jeden Tag Kontakt zu Hunderten Kunden. Bis vor Kurzem bekamen sie für ihren Job wenig Anerkennung – das ist jetzt anders, wie ein Einzelhandelskaufmann aus Berlin erzählt.

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          Frank Müller* hat derzeit viel zu tun, denn er arbeitet in einem Supermarkt mitten in Berlin. Müller tut das nicht neben dem Studium oder als Aushilfsjob, der 27 Jahre alte Mann ist Einzelhandelskaufmann. Manchmal bekommt er mit überheblichen Lächeln von Bekannten zu hören, ob er denn Filialleiter werden will. Auch studierende Freunde raten ihm: „Du hast mehr Potential, such dir was Anderes.“ Müller findet das demütigend. Wer den Supermarkt als selbstverständlich nehme, vergesse oft wie wichtig und hart die Arbeit im Lebensmittelhandel sei.

          Seit vergangener Woche sollte das jedem klar geworden sein. Auch die Kanzlerin hatte in ihrer Ansprache ihren Dank und ihren Respekt gegenüber dem Personal im Lebensmittelhandel ausgedrückt. Im Netz bekunden Menschen ihre Solidarität, Fußballfans hängen „Danke“-Banner auf, ein Berliner Boulevardblatt betitelt die Kassierer als Superhelden.

          Für Müller ist die Arbeit seit kurzem eine andere. Vor zwei Wochen habe man die Hamsterkäufe noch belächelt. „Jetzt ist es normaler. Ich habe dafür Verständnis, aber man muss halt gucken, wo das Mittelmaß ist zwischen Hamstern und einem großen Einkauf.“ Abends sei es aber ruhiger geworden. Es habe sich wohl rumgesprochen, dass Waren wie Brot oder Milch dann bereits leergekauft sind. Mittlerweile gebe es auch Limitierungen für die Kunden. Beispielsweise dürfe man pro Kopf nur noch zwei Kilo Mehl und vier Liter H-Milch verkaufen. Nach seiner Einschätzung ist die Versorgung gesichert, nur Frischfleisch sei in seinem Markt in den letzten Tagen oft knapp.

          Um seinen Job muss Müller sich keine Sorgen machen. Doch da ist ein Zwiespalt. Er sei froh, arbeiten gehen zu können, aber verunsichert, wegen des möglicherweise höheren Infektionsrisikos. Seine Stimme klingt besorgt, als er darüber spricht. Immerhin sollen er und die anderen Mitarbeiter besser geschützt werden. Es gibt bereits Markierungen im Supermarkt für den Sicherheitsabstand. Zelte für die Kasse seien im Gespräch. Bei der aktuellen Nachfrage nach Schutzgütern kann das aber noch dauern. Ein anderer Markt in Berlin habe bereits geschlossen, weil die Leute sich nicht an die Abstände gehalten hätten. Generell wünscht sich Müller von den Kunden, dass sie öfter kontaktlos bezahlen: „Ich habe das Gefühl, dass die Leute es nicht verstanden haben, dass es echt gut wäre, wenn sie mit Karte zahlen.“

          „Es fühlt sich ein bisschen fake an“

          Auch seine Kollegen sorgen sich, selbst zu erkranken. Pro Schicht habe man mit hunderten Kunden Kontakt. Ältere Kolleginnen hätten die Gefahr am Anfang verdrängt, zum Teil verarbeite man die psychische Belastung mit Galgenhumor. Doch das sei nicht immer leicht, weil Kunden angespannt und aggressiv reagieren würden. Das Sicherheitspersonal sei jetzt fast immer präsent. Im Supermarkt zu arbeiten, war nie Müllers Traumjob. Doch sein Abschluss war schlecht, im Gegensatz zu vielen seiner Freunde hat er kein Abitur. In seiner Jugend plagten ihn Konzentrationsprobleme, er trieb sich auf der Straße herum. Als viele in seinem Umfeld ein Studium begonnen, versuchte er es bei einem Bio-Laden. Dort gab man ihm einen Mini-Job mit Aussicht auf eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, wenn er sich bewähren würde. Müller nutze die Chance. Im vergangenen Jahr beendete er die Ausbildung. „Mir macht die Arbeit oft Freude“, sagt er. Und dass sie wichtig ist, wusste er schon vorher.

          Auch deswegen sei der neue Respekt für seinen Job unwirklich: „Es fühlt sich ein bisschen fake an. Auf einmal heißt es, wir sind systemrelevant, wir sind Helden.“ Es sei ein gutes Gefühl, aber auch ohne Krise sei am Wochenende die Hölle los, da bedanke sich auch keiner. „Zurzeit werde ich jeden Tag von fünf Kunden angequatscht, wie toll sie es finden, dass wir immer noch hier sitzen“, sagt Müller. Er erwidert dann, dass er auch ohne Corona hier wäre. Gut fühle sich die Anerkennung trotzdem an.
           
          Wenn sich die Anerkennung nach der Krise auch auf dem Konto zeigt, hätte Müller nichts dagegen: „Ich verdiene elf Euro die Stunde. Dafür, dass ich eine Fachkraft bin, ist das schon wenig.“ Netto bleiben ihm um die neun Euro. Doch jetzt heißt es erstmal, durch die Pandemie zu kommen.

          *Der Name des Supermarktmitarbeiters wurde geändert.

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