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Pastorin Birgit Mattausch : Eine besondere Frau Gottes

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„Man kann nur herumtastend vom Glauben sprechen“: Birgit Mattausch, hier im Kreuzgang des Michaelisklosters in Hildesheim. Bild: Daniel Pilar

Birgit Mattausch ist Pastorin und trotzt den Üblichkeiten. Mit ihrer ungezwungenen Art erreicht sie auch kirchenferne Milieus.

          Im August 2016 betritt Birgit Mattausch, 40 Jahre alt, Pastorin der evangelischen Kirche Württemberg, ein exklusives Kaufhaus in Stuttgart. Die Pastorin fährt mit der Rolltreppe ins Untergeschoss und geht in der Schuhabteilung zum Regal der italienischen Luxusmarke Gucci. Sie greift zum Straßenschuh mit Fell, einem Slipper mit Zehenkappe und ohne Fersenteil. Schwarzes Kalbsleder, goldfarbene Gucci-Trense, Sohle mit Mähne.

          Mattausch, trainiert in Selbstkritik und Gewissensqual, schlüpft in den Schuh und ergibt sich schließlich. Im Lichte bronzefarbener Aluminiumstablampen kauft sie das Modell, „Princetown“, für 795 Euro.

          Ein Jahr zuvor, so erzählt Mattausch die Episode, hatte sie den Schuh im Netz entdeckt. Halb Loafer, halb Hausschuh. Halb Straße, halb Wohnzimmer. Als wären Schuhe aus zwei Welten in der Mitte zerbrochen und vertauscht wieder zusammengefügt worden, um fortan weder hier noch dort zu passen. Einige Blogger und Journalisten schrieben, das Modell sehe aus, als kröche ein Langhaarmeerschwein in einen Pantoffel, als trete man auf ein Toupet, ein Eichhörnchen, ein Kuscheltier. Mattausch betrachtete den Straßenpantoffel und fand ihn absurd, ungeeignet und viel zu teuer. Er gefiel ihr sofort.

          „Alles ist irgendwie beschädigt und zerbrochen“

          Im Hochhaus in Nürtingen, wo sie wohnt, 16. Stock, Flohmarkttisch, Großmutters Schrank, Regal Billy, tritt die Pastorin später vor den Spiegel ihres Schlafzimmers, schießt ein Foto von sich mit den Haarschuhen und stellt es ins Netz.

          Kein Haus, aber ein Hausschuh für unterwegs: Mattauschs Puschen.

          „Du hast die Gucci-Slipper mit Fell“, schreibt jemand ins Kommentarfeld. Dahinter Smileys mit Herzaugen. „Du bist die eine von dreien, die das zu erkennen weiß“, antwortet Mattausch und hofft, dass es nur drei sind.

          Mit den anderen sitzt sie an den Küchentischen des Plattenbaus, rührt Marmelade in den Tee, isst Maultaschen, Börek, Wareniki und hört von Krankheit, Armut, Angst. Mattausch ist den Beladenen nah. Im Aufzug des Hochhauses riecht sie den Schweiß der Drittjobs, die Säure der Sorgenmägen, die schreienden Parfums der Unerhörten, so wird sie ihre Zeit dort später beschreiben. In einer Predigt sagt sie: „Alles ist irgendwie beschädigt und zerbrochen.“ Und meint auch sich selbst.

          Auf den ersten Blick spricht einiges gegen Gucci im Leben der Protestantin Mattausch. Sie selbst sagt, sie sei aus Versehen Pastorin geworden. In ihrer Familie spielte die Religion keine große Rolle, aber Kinderstunde und Jungschar einer Gemeinde boten Spiel, Gemeinschaft, Zugehörigkeit. Das Mädchen Mattausch hörte von Sünde, Schuld und Sühne. Sie spielte Brennball und fürchtete sich vor der Hölle, ging auf Schnitzeljagd und meinte, böse zu sein. Sie hatte es so verstanden. Mattausch, die von sich sagt, sie sei religiös wie andere musikalisch, strengte sich an für einen richtenden Gott und war nie gut genug.

          Pastorin ohne Mann und Kinder

          Mattausch trägt Größe 41. Der Schuh war als Damenschuh in ihrer Größe nicht vorrätig, also hat sie den für Männer genommen. Menschen schauen auf die Schuhe und sagen: „Was sind das denn für Schuhe?“ Niemand gerät ins Schwärmen. „Ich bin auch nicht normschön“, sagt Mattausch und lacht. „Ausgerechnet ein Oberpietist, ein wichtiger Funktionär bei den Frommen, antwortete auf mein Foto im Netz, dass er die Schuhe mag. Er ist heute einer meiner wichtigsten Freunde.“

          Der Schuh ist im Sommer zu warm wegen des Fells, im Winter zu kalt wegen der freien Ferse. Es ist ein Schuh für den Übergang. „Ich bin auch immer ,zu‘ irgendwas“, sagt Mattausch.

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