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Eine Nase für Parfums : Das Glück riecht so gut

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Die Sprühfläschchen für Blumendüfte bekannter Marken werden kunstvoll gestaltet, weil nicht nur ihre Aromen zum Kauf anregen sollen. Bild: Frank Röth

Die Empfindsamkeit für Gerüche ist nicht immer von Vorteil. Aber unser Autor verdankt ihr seine Leidenschaft für Düfte. Das übersensible Kind der Evolution, das Liebe sucht, wird sie vielleicht in einem Geruch noch finden.

          Immer der Nase nach. Wie nichts sonst hat mich der Imperativ dieser vier kurzen Worte durch mein Leben geleitet, und ich habe es nie bereut, den unmittelbaren Eingebungen zu folgen, die von den feinen Sinneshärchen über den Riechkolben direkt hoch ins Gehirn gejagt werden. Schon Großmutter Emilie, die zu meinem großen Glück das Erdgeschoss des Elternhauses bewohnte, attestierte mir früh „ein außergewöhnlich feines Näschen“. Wann immer im Haus etwas auf dem Herd anbrannte, roch ich es schneller als jeder andere und wurde so zu ihrem „kleinen Feuerreiter“, wie sie mich, frei nach Mörike, nannte.

          Als ich später, ungefähr mit 16 Jahren, das famose Kunstlied von Hugo Wolf hörte und den Kontext des Gedichts kennenlernte, erschrak ich über den gewaltsamen Tod des Chevaliers und über die ihm zugeschriebenen seherischen Fähigkeiten. So wie Mörike ihn im Gedicht dargestellt hat, ist der Feuerreiter ein Grenzgänger des Wahnsinns, dem er vielleicht sogar erst durch die Befähigung, den Brand vor der Zeit zu riechen, anheimgefallen ist. Vorbild für die bizarre Gestalt mit der Mütze soll der schon vom Irrsinn gezeichnete Hölderlin gewesen sein, wie er nervös mit einer weißen Kopfbedeckung in seiner Behausung auf und ab lief. Eduard Mörike hatte es in seiner Zeit am Tübinger Stift beobachtet.

          Die überhöhte Empfindsamkeit für Gerüche, so wurde mir bald klar, ist nicht immer von Vorteil. Schnell waren mir zum Beispiel die bei uns im Keller stattfindenden Lychee-Partys meiner Eltern verleidet, weil noch Tage später der alkoholgetränkte Zigarettenrauch durchs Treppenhaus waberte. Zudem lag mein Kinderzimmer direkt neben der Küche, was mich für Restaurants mit mangelnder Abluft sensibilisiert hat. Manchmal reicht selbst eine ganze Nacht auf dem Balkon nicht aus, um das in die Gewebe meiner Pullover, Hosen oder Sakkos eingedrungene Bratenfett wieder zu entfernen, so dass oft nur noch der Gang zur chemischen Reinigung übrigbleibt.

          Aber mein olfaktorisch überzüchtetes Sensorium hat auch seine Vorteile: So verdanke ich ihm meine Leidenschaft für Parfums und Wohlgerüche, die mich zu einer Art Duftkritiker werden ließ. Noch in meiner Jugend schien es unvorstellbar, dass eine Zeitung wie die „New York Times“ dereinst hauptberuflich einen perfume critic beschäftigen würde. Doch der eminente Chandler Burr bewies vier Jahre lang von 2006 an das Gegenteil. Meine eigenen Schreibversuche begannen bei der Heidelberger Studentenzeitung „Ruprecht“ und mündeten bald in eine Titelgeschichte über die Inflation eines Parfums auf dem Campus. Überschrift: „Returnity“. Es ging um die massenhafte Verbreitung des Calvin-Klein-Dufts „Eternity“ und endete wegen der überstürzten Flucht vor einer Duftträgerin in der Max Bar mit einer angebrochenen Nase.

          Jugend-Provokation in Duftform

          Mein Weg begann in der Pubertät recht unspektakulär mit dem Erwerb einer Flasche „Lagerfeld Cologne“. Während mein Vater, wenn ich mich richtig entsinne, immer nur das diskrete „Jil Sander“ benutzte, wollte ich mit dem orangefarbenen, süßlichen Elixier rebellieren. Ein Zitat des Gitarristen der Band „Ideal“, Eff Jott Krüger, wurde zu meiner Kampfansage: „Männer müssen eben riechen.“ Der Satz, von dessen Lakonie ich so begeistert war, dass ich ihn in eine der kurzen Erzählungen einbaute, an denen ich damals schrieb, diente dem emanzipatorischen Helden dazu, seinen Abschied aus einer vergeblichen Liebe zu zelebrieren. Er feierte mit dem üppigen Auftragen seines Eau de Toilette die wiedergewonnene Unabhängigkeit, der Duft war sozusagen das Halali seiner neu beginnenden Herzensjagd.

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