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I'm coming out

Von JOHANNA DÜRRHOLZ, KIRA KRAMER und SILKE WERZINGER (Illustrationen)

10. Juni 2022 · Wer nicht hetero ist, muss sich outen – das war lange die Norm. Brauchen wir das heute noch? Sieben queere Personen erzählen von ihren Erlebnissen.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten bei jeder neuen Bekanntschaft am Arbeitsplatz, beim Sport, in der Kneipe irgendwann sagen: „Ich bin übrigens heterosexuell.“ Stellen Sie sich vor, es würde Sie jedes Mal ein wenig Kraft und Überwindung kosten, von Ihrem Intimsten – Ihren sexuellen Wünschen – sprechen zu müssen; genau das würde aber trotzdem von Ihnen erwartet. Stellen Sie sich vor, Sie könnten nicht immer hundertprozentig wissen, wie Ihr Gegenüber auf Ihr Bekenntnis reagiert: mit Ekel, Abwehr, Gleichgültigkeit, Freude, Enthusiasmus, Akzeptanz? Stellen Sie sich vor, Ihre sexuellen Vorlieben würden nicht als „normal“ gelten, sondern jedes Mal von Neuem als erklärungsbedürftig. Ganz schön anstrengend, oder?

Das ist es aber, was von queeren Personen seit jeher erwartet wird: Sie müssen sich outen. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Weil Menschen, die überwiegend heteronormativ geprägt sind, oft automatisch davon ausgehen, dass andere Menschen ebenso hetero und normativ sind wie sie selbst. Das ist gar nicht böse gemeint, so hat unsere Gesellschaft eben lange funktioniert. Trotzdem können solche Annahmen schmerzhaft sein, unfair. Genau wie Coming-outs schmerzhaft sein können, gerade, wenn die Reaktion darauf nicht positiv ist. Denn obwohl die Akzeptanz von Homo- und Bisexualität in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat, sind queere Personen noch immer weit häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen als heterosexuelle, wie die Untersuchung „Wie geht’s euch? Psychosoziale Gesundheit und Wohlbefinden bei LSBTIQ*“ zeigt.

Das liegt nicht allein an Diskriminierungserfahrungen, sagt Stefan Timmermanns, Professor für Sexualpädagogik, einer der Autoren der Studie: „Allein schon die Angst davor, von einem anderen Menschen aufgrund meiner sexuellen Vorlieben oder meiner Geschlechtsidentität abgelehnt zu werden, verursacht Dauerstress, der krank machen kann.“ Diese Angst vor Ablehnung – ohne dass sie jemals real erfahren sein muss – kann einer der Gründe dafür sein, dass Menschen sich gegen ein Outing in einem neuen Kontext entscheiden.

Woran aber bemisst es sich, ob jemand homo- oder bisexuell ist? Etwa allein daran, mit wem wir Sex haben? Und wenn jemand bloß sexuelle Phantasien oder Träume mit Menschen des gleichen Geschlechts hat? „Menschliche Sexualität ist sehr komplex. Diese Komplexität auf ein Etikett runterbrechen zu wollen, ist quasi unmöglich“, sagt Timmermanns. Eine trennscharfe Linie ohne Graustufen zwischen homo- und heterosexuell gebe es nicht. Auch deshalb lässt sich schwer bestimmen, wie groß der Anteil der queeren Personen in der Gesamtbevölkerung tatsächlich ist. So komplex wie Sexualität ist für viele Menschen auch das Geschlecht. Unter dem Begriff „queer“ sammeln sich auch Personen, die trans sind, und solche, die sich weder männlich noch weiblich fühlen.

Ein Coming-out jedenfalls kann auch etwas Schönes sein. Der Entschluss: Ich stehe endlich zu mir, in aller Öffentlichkeit, mit allen Konsequenzen. Die Erfahrung: So wie ich bin, werde ich auch akzeptiert – von Freunden, von der Familie, von der Gesellschaft. Wir haben mit sieben queeren Personen über ihre Coming-out-Erfahrungen gesprochen. Und darüber, welche Freiheit es bedeuten kann zu sagen: „I’m out – and proud.“


Irina Schlauch

Mein inneres Coming-out hatte ich schon früh – ohne das richtig definieren zu können. Ich fand Lehrerinnen immer toll und komischerweise Lehrer nicht. So fing es an, dass ich gemerkt habe: Irgendwie fühle ich mich zu dieser Frau hingezogen. Da war ich 13 oder 14. Damals habe ich mich auch zum ersten Mal in ein Mädchen aus meinem Fußballverein verliebt. Ich hätte das nie ausgesprochen, ich habe mich eher dafür geschämt, dass ich so fühlte. Es gab niemanden in meinem Umfeld in meinem Alter, die ähnlich gefühlt hätte wie ich – oder ich wusste es nicht. Geoutet war niemand. Auch wenn es bei einigen Jungs das Gerücht gab, dass sie schwul seien. Diese Gerüchte waren nicht positiv konnotiert. Ich denke nicht, dass ich gehänselt worden wäre, hätte ich mich damals geoutet – aber es wäre Thema gewesen. Weil es nicht der Norm entsprach. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mit niemandem darüber gesprochen, nicht mal mit meiner Zwillingsschwester.

Dann war ich jahrelang mit einem Mann zusammen, ich war in ihn verliebt, die Beziehung war sehr schön. Das hat den Prozess meines äußeren Coming-outs verzögert. Ich ging damals davon aus, dass ich bisexuell bin. Nach der Trennung von meinem Freund hatte ich mit Mitte 20 eine Findungsphase. Ich wollte wissen: Worauf stehe ich jetzt? Ich war in meinem Jura-Referendariat gerade in einer langweiligen Station und hatte Zeit, mir zum Beispiel lesbische Youtuberinnen anzugucken. Irgendwann habe ich gemerkt: Da war zwar dieser eine Mann in meinem Leben, aber danach fand ich nie wieder einen spannend – immer nur Frauen. Ich definiere mich jetzt als lesbisch, weil ich diese Klarheit brauchte. Es wäre wünschenswert, wenn junge Leute diesen Struggle irgendwann nicht mehr hätten. In meiner Schulzeit kam nie die Frage auf: Könntest du dich vielleicht auch für ein Mädchen interessieren? Es ging nur um Jungs. Dabei hätte ich es definitiv schon eher checken können. Eine Freundin von mir, die lange keinen Freund hatte, musste sich immer wieder anhören: Dann bist du bestimmt lesbisch. Das war so ein Vorurteil, mit dem du konfrontiert bist: Du kriegst keinen Mann ab, dann bist du lesbisch.

Mein äußeres Coming-out war gar kein Problem. Meiner Zwillingsschwester habe ich es als erstes erzählt, danach meinen Eltern. Meine Mutter hatte vorher schon zu uns gesagt: Wenn ihr eine Frau mitbringt, ist das auch fein. Und das ist wahrscheinlich das Beste, was dir passieren kann. Dann haben mich ja alle im Fernsehen als „Princess Charming“ gesehen. Dass ich in der Öffentlichkeit noch mal ein Coming-out hatte, war kein Problem. Ich hatte eher Respekt davor, dass sich die Community nicht gut repräsentiert fühlt.

Ich habe bis vor Kurzem als Anwältin gearbeitet. Anfangs habe ich mich nicht getraut, mich in der Kanzlei zu outen, weil es ein teils konservatives Umfeld war. Dann war ich in einem neuen Team mit zwei queeren Kollegen – da habe ich gemerkt, dass es gar kein Problem ist. Vor der Sendung war es für mich Privatsache, wen ich liebe. Durch die vielen Reaktionen und Nachrichten, die ich nach der Show bekommen habe, bin ich aber auch in eine politische Rolle hineingewachsen. Ich identifiziere mich als queer. Ich bin stolz darauf und würde es nie mehr ändern wollen.
Irina Schlauch, 31, hat als „Princess Charming“ in der ersten lesbischen Dating-Show der Welt die große Liebe gesucht.


Leni Bolt

Ich hatte zwei verschiedene Coming-outs. Mein erstes mit 18, als ich dachte, dass ich schwul bin. In meiner Jugend hatte ich lange Probleme damit, meine eigene Identität zu finden und zu festigen. Ich komme aus einer kleinen, konservativen Stadt, ich konnte mich dort nicht frei entfalten. Dann zog ich nach Berlin und entwickelte mich in eine immer weiblichere Richtung. Ich dachte damals, ich könnte nur glücklich werden, wenn ich den klassischen Weg einer Geschlechtsangleichung ginge und zur Frau würde. Dabei habe ich aber gemerkt, dass ich mich im Dazwischen am wohlsten fühle. Der Begriff non-binär passt daher am ehesten zu mir. Und das war dann mein zweites Coming-out: das den Menschen zu erklären.

Meine Utopie ist, dass wir kein Coming-out mehr brauchen. Warum muss ich mich ständig erklären? Ich glaube, unsere Identität und Sexualität entwickeln sich über das ganze Leben weiter. Für meine sexuelle Orientierung habe ich kein richtiges Wort, am ehesten würde es wohl pansexuell treffen: dass ich Menschen liebe, eine Person.

Was mir immer wieder passiert: Menschen sind skeptisch gegenüber nicht binären Personen, weil wir alle eben mit nur zwei Geschlechtern aufgewachsen sind. Toiletten sind ein Problem: Gehe ich aufs Männer- oder aufs Frauenklo? Ich möchte nicht negativ auffallen, ich möchte einfach nur aufs Klo gehen. Leider bekomme ich immer wieder Gegenwind von Leuten, die meine Identität nicht verstehen oder akzeptieren wollen. Ich war mal in der Umkleide einer Modekette, dort gab es strikt getrennte Männer- und Frauenumkleiden. In der Frauenumkleide falle ich grundsätzlich weniger auf, da fühle ich mich auch wohler. Als ich rauskam, hat eine Verkäuferin mich gesehen und eine richtige Szene gemacht. Sie hat laut gefordert, ich müsse in die Männerumkleide. Dabei war ich ja schon fertig. Das war sehr unangenehm, zumal ich noch nicht besonders gefestigt und super schüchtern war.

In meiner Familie und im Freundeskreis verstehen mich aber alle. Ich habe eine Therapie gemacht und in den Gesprächen verstanden, dass ich durch eine Geschlechtsangleichung nicht glücklich geworden wäre. Das hat mir die Augen geöffnet. Ich liebe es heute, die Freiheit zu haben, mich im Dazwischen zu bewegen. Für mich ist das keine Bestrafung, sondern eine Chance, etwas sehr Schönes. Was meine Queerness angeht, bin ich nicht mehr so politisch wie früher. Ich bin in meiner Identität angekommen – und die Queerness ist nur ein Teil davon. Ich möchte der Welt auch zeigen, dass ich viele andere Qualitäten habe, ich helfe etwa Menschen als Work-Life-Coach. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich bei „Queer Eye“ mitmachen durfte, weil ich wusste, das wird jüngeren Menschen Mut und Kraft geben, die sich ähnlich fühlen wie ich. Das war früher auch meine Angst, als ich merkte, dass ich anders bin als die Masse: dass ich es schwerer haben würde im Leben, vielleicht keinen Job finden würde. Zum Glück konnte ich die Welt vom Gegenteil überzeugen.

Was mir noch wichtig ist: Ein Outing ist keine Pflicht. Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht, und sucht euch einen Safe Space! Wenn jemand das Gefühl hat, im Umfeld könnte ein Outing gefährlich werden, dann sollte sich die Person erst einen sicheren Ort dafür suchen.
Leni Bolt, 29, ist Work-Life-Coach und in dieser Funktion Teil der „Fab Five“ in der Netflix-Show „Queer Eye Germany“.


Nicolas Puschmann

Mein offizielles Coming-out hatte ich mit 15, vor meiner Mutter. Damals hatte ich in dem Dorf, aus dem ich komme, eine lesbische Freundin. Sie war vor ihren Eltern schon geoutet, und sie haben mir Mut zugesprochen. Der Moment, in dem ich es meiner Mutter erzählt habe, war eher ungeschickt gewählt. Eines Abends bin ich mal wieder viel zu spät von besagter Freundin nach Hause gekommen. Wir hatten ein Bier getrunken, wie man das als Jugendlicher auf dem Dorf eben macht. Meine Mutter – ich weiß nicht, wie Mütter das schaffen, aber sie hören es einfach, wenn man heimkommt – ist aus dem Bett aufgestanden und hat mich abgefangen. Das hat mich total genervt. Sie schimpfte los: „Weißt du, wie spät es ist? Du bist zu spät.“ Ich habe trotzig zurückgegeben: „Ja, Mama, und weißt du was? Ich bin schwul.“ Dann bin ich schnell in meinem Zimmer verschwunden. Am nächsten Morgen habe ich mich ein wenig über mich selbst gewundert, war aber auch erleichtert, dass es endlich raus ist. Unser Verhältnis war dann eine Woche lang etwas verhalten, danach war es selbstverständlich für meine Mutter. Letztlich hat sie es sogar gut gefunden, dass ich schöne Männer mit nach Hause gebracht habe.

Ich selbst habe schon einige Jahre zuvor gemerkt, dass ich das Gerangel mit Jungs besser finde als mit Mädchen. Auch bei Nacktbildern in der „Bravo“ galt mein Interesse immer den Männern. Insgeheim war ich zudem in meinen besten Freund verliebt – ich glaube, das weiß er gar nicht. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, und wenn er eine Freundin hatte, war ich unheimlich eifersüchtig. Ich konnte das anfangs nicht als Schwulsein definieren, weil ich keine Berührungspunkte zu queeren Personen hatte, bis ich die lesbische Freundin fand. In dieser Findungsphase sind auch Tränen geflossen. Bis zur Eigenakzeptanz hat es gut zwei Jahre gedauert. Das Outing vor meinem Vater war weniger schön. Das war ebenfalls mit 15, meine Eltern lebten damals schon nicht mehr zusammen. Ich war kurz vorher das erste Mal auf dem Christopher Street Day. Da hat mich die Arbeitskollegin der Frau meines Vaters gesehen und ihr gesteckt, ich sei schwul. Aus heutiger Sicht ist das absurd: als könnten nicht auch Heterosexuelle zum CSD gehen. Daraufhin rief sie mich an, und ich vertraute mich ihr an. Sie riet mir, ich solle es auch meinem Vater sagen. Irgendwann kam eine Essenseinladung von ihm. Ich habe schon geweint, als ich bloß in seine Wohnung kam, so beklemmend war die Situation.

Ich saß mit beiden am Esstisch, und er fragte: „Na, was gibt es Neues bei dir?“ Und ich: „Nichts. Es gibt bei mir nichts Neues.“ Er gab mir dann zu verstehen, dass er das abnormal und blöd findet, dass ich schwul bin. Das war für mich herzzerreißend, ich habe mich damals ungenügend und falsch gefühlt. Es hat lange gedauert, bis sich unser Verhältnis normalisiert hat. Bis zu meinem 25. Lebensjahr haben wir viel Briefverkehr und mehrere Kontaktabbrüche gehabt. Mittlerweile verstehen wir uns wieder gut. Heute tut es ihm leid, wie er reagiert hat. Er ist dörflich aufgewachsen, ihm war es wichtig, was andere von ihm denken. Wichtiger als das, was ich ihm zu sagen hatte, leider.

Mein drittes markantes Outing hatte ich als Azubi im Bewerbungsgespräch. Da wurde ich nach drei einschneidenden Ereignissen in meinem Leben gefragt. Als eines habe ich mein Outing genannt, ohne groß darüber nachzudenken. Das passte einfach so. Heute würde ich sagen: Vielleicht brauchen wir auch kein Coming-out mehr. Ich wünsche mir, dass das inzwischen überholt ist.
Nicolas Puschmann, 31, war Deutschlands erster „Prince Charming“. Das Format gewann einen Grimme-Preis.


Günther und Norbert

Günther Ich habe so mit 14 oder 15 das erste Mal gemerkt, dass mich Jungs interessieren. Schwer war vor allem die Zeit, bevor ich mit jemandem darüber sprechen konnte, mit 19. Das hört sich vielleicht nicht nach einer langen Zeit an, aber wenn man als Jugendlicher mittendrin steckt, fühlt sich das verdammt lang an. Zwischenzeitlich hatte ich mal eine Freundin, ich habe aber schnell gemerkt: Das ist es nicht. Als ich das erste Mal darüber gesprochen habe, dass ich schwul bin, war ich dann 19. Durch einen Zufall hatten meine Eltern den Eindruck, dass mit ihrem Sohnemann etwas anders ist als mit anderen. Ich wohnte damals wegen meiner Ausbildung bei meiner Großmutter in Hannover. Meine Eltern lebten im Harz. Als mein Vater eines Tages in Hannover war, bat er telefonisch um ein Gespräch. Ich fuhr in die Stadt, und wir trafen uns in einer Gaststätte. Da rückte er raus mit den Sorgen, die er und meine Mutter sich um mich machten. Auch wenn er sich nicht sofort klar ausdrückte, ahnte ich schon, worauf das hinausläuft. Wir haben uns ausgesprochen, und ich habe ihm auch erzählt, dass ich einen Mann kennengelernt habe. Er hat mich noch gefragt, ob man nicht mit einer Therapie was dagegen machen könne. Ich habe ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben: Das ist unmöglich. Ich bleibe so, wie ich bin. Ich habe ihm noch versprochen, dass ich nicht auf die schiefe Bahn gerate, das war seine größte Sorge.

Das war Ende der Sechzigerjahre. Für die Elterngeneration war das ein ganz und gar unbekanntes Gebiet. Die haben sich ganz falsche Vorstellungen gemacht. Nach dem Gespräch ist mein Vater zurückgefahren in den Harz. Am frühen Abend rief er wieder an und sagte, er habe mit meiner Mutter darüber gesprochen, und es sei alles okay. Alles bleibe so, wie es war, ich sei immer noch ihr guter Junge. Das war für mich eine gute Erfahrung, denn ich wusste, es hätte auch anders kommen können. Ich habe ihm noch gesagt, dass es auf einen Bruch hinausgelaufen wäre, hätten sie ein Problem damit gehabt. Ich hätte mich nicht verstellen können. Gegen meine Natur und mein Wesen hätte ich nichts machen können.

Norbert Nachdem ich es für mich selbst gemerkt habe, habe ich direkt angefangen, darüber zu reden, dass ich schwul bin. In meiner Schulzeit habe ich es recht frei erzählt in der Abschlussklasse. Wenn es denn überhaupt was zu erzählen gab, denn man muss sagen: Das Schwulsein bestimmte nicht mein Leben. Danach wollte ich unbedingt bei der Lufthansa arbeiten, war aber zu jung mit 17. Also habe ich ein Jahr beim NDR gejobbt als Bote – mit lauter normalen Haudraufs. Dort traf ich zwei Schwule, die etwas auffälliger waren als ich. Die hatten eher mal Probleme: Die Leute schauten komisch. Einige haben eben nicht das Glück, so unauffällig zu sein wie ich. Die können nicht anders, als sich allein durch ihr Aussehen und ihre Art, sich zu bewegen, zu outen. Ich hingegen machte von außen nicht den Eindruck, schwul zu sein. Ohne meine Erzählung hätte das niemand gewusst. In der Lehre bei der Lufthansa später habe ich es einfach erzählt. Die Reaktionen waren ausschließlich angenehm. Einige Lehrlingskollegen sind sogar mit mir in Schwulenkneipen gegangen. Damals hatten die schwulen Lokale noch Gucklöcher, wenn man reinwollte, hat man geklingelt. Wenn du da nicht hingehörtest, wurde auch nicht aufgemacht. Da habe ich gemerkt, dass einige sehr vorsichtig waren.

Meinen Eltern gegenüber habe ich es nie erzählt. Das war ganz merkwürdig. Ich habe irgendwann nur gesagt, dass ich schon mehrere Jahre mit einem Mann zusammenwohne. Das war sehr viel später. Sie fragten verunsichert, ob mein Mitbewohner homosexuell sei. Es gab für mich nie eine Phase, in der ich daran gezweifelt und mich gefragt hätte, ob ich nicht doch auf Frauen stehe. Ich war immer gerne in der Gegenwart von Frauen, aber dass ich mich sexuell gerne umorientiert hätte, kann ich nicht sagen. Ich habe auch nie eine Sandgräfin mitgenommen, also eine Frau, die anderen vorspielt, meine Partnerin zu sein. Die nennt man so, weil sie anderen Menschen sprichwörtlich Sand in die Augen streut, um sie zu täuschen.
Günther, 71, und Norbert, 80, (Namen von der Redaktion geändert) sind seit 45 Jahren ein Paar. Als sie ihr Coming-out hatten, stand Homosexualität in Deutschland noch unter Strafe.


Anna-Lena Schmitz

Ich habe in meiner Jugend ein Mädchen im Internet kennengelernt. Erst dachte ich, es wäre so eine Art Freundschaft, aber was wir geschrieben haben, war schon sehr flirty. Ich habe damals Gefühle aufgebaut, ohne dass ich sie persönlich getroffen hätte. Sie wohnte 600 Kilometer von mir entfernt, deshalb haben wir uns nie gesehen, ich hatte nur Fotos von ihr. Die habe ich als Bildschirmhintergrund genommen. Jemand aus meiner Klasse hat mich damals gefragt, wer das ist. Geantwortet habe ich, das sei eine Freundin – habe dabei aber gemerkt, dass wohl doch mehr dahintersteckt. Da wurde mir allmählich klar, was mit mir los ist. Die Freundin aus dem Internet habe ich auch danach nie getroffen. Aus heutiger Sicht kann ich nicht einmal sagen, ob es sie wirklich gegeben hat.

Anfangs habe ich mich dann als bisexuell gelabelt, doch das passte nicht ganz, weil ich mich vor allem für Frauen interessierte. Ein paar wenige Männer gab es aber doch, die ich attraktiv fand. Wegen dieser Unsicherheit war mein inneres Coming-out kompliziert. Ich habe viel geheult in der Zeit, weil ich den merkwürdigen Anspruch an mich selbst hatte, nicht anders sein zu wollen als die anderen. Ich hatte Angst, keine Freunde zu haben. Geholfen hat mir, dass ich das queere Jugendzentrum „anyway“ in Köln gefunden habe. Als ich da hingegangen bin, ging es nicht unbedingt darum, mir helfen zu lassen oder über mich selbst zu reden. Es waren die Bekanntschaften und das Umfeld, die mir geholfen haben, mehr über mich herauszufinden.

Eigentlich wollte ich meinen Eltern nicht erzählen, dass ich dort hingehe. Aber das „anyway“ liegt recht zentral in Köln. Eines Tages war ich mit meinem Vater im Auto unterwegs, und wir wären fast daran vorbeigefahren. Ich hatte total Panik, dass es rauskommt. Bestimmt hat mein Vater damals schon etwas geahnt. Jedenfalls habe ich in dem Moment beschlossen, dass ich es meinen Eltern sagen muss. Mein Coming-out gegenüber meinen Eltern hatte ich dann mit siebzehneinhalb. Es war ein heißer Sommertag, aber ich habe am ganzen Körper gezittert, als ich es ansprechen wollte. Ich hatte mein rosa Lieblingskleid aus Kord an. Meine Eltern haben direkt gemeint, es sei alles in Ordnung und dass sie mich lieben. Ich weiß selbst nicht, warum ich so eine Angst hatte. Ich habe überhaupt nicht erwartet, dass meine Eltern anders reagieren, als sie es getan haben. Meine Eltern haben mich mehr akzeptiert als ich selbst zu der Zeit. Mein Vater sagte damals, er habe sich schon so etwas in die Richtung gedacht. Meine Mutter fragte, ob ich mir wirklich sicher sei. Ob das nicht bloß eine Phase sei. Ich glaube, sie hat das nicht böse gemeint. Sie hat mich damit nicht verletzen wollen. Sie wusste nur nicht, wie sie damit umgehen soll. Witzig ist, dass mein Onkel ein halbes Jahr vor mir sein Outing als bisexuell hatte. Und dann kam ich. Er hatte mir eigentlich die meiste Arbeit abgenommen.
Anna-Lena Schmitz, 21, outete sich in der Jugend einst als bisexuell. Heute begreift sie sich eher als lesbisch.


Georgine Kellermann

Als ich zur Schule ging, gab es ein Jungen- und ein Mädchengymnasium. In der Oberstufe durften wir alle auf den gleichen Schulhof, die Mädchen waren also auch da. Und ich hab’ die so beneidet! Ich hätte so gerne dabeigestanden, aber ich musste bei den Jungs stehen. Es gab keinen festen Moment, in dem ich gesagt hätte: Das ist mein Schicksal. Sobald ich so etwas bemerkte, kämpfte ich dagegen. Ich durfte es nicht als wahr annehmen, dass ich eine Frau bin. Es war ein schleichender Prozess. Mitte der Achtzigerjahre hatte ich eine Freundin beim WDR, die zu mir sagte: Du gehst jetzt mit mir Schuhe kaufen! Wir sind dann in Köln zu Kämpgen. Die Verkäuferin hat Schnappatmung bekommen! Aber wir haben es durchgezogen. Ich habe mir nicht mal schöne Schuhe gekauft, aber Hauptsache Schuhe – im Laden anprobiert und gekauft.

Bei meinen Eltern ist es irgendwann aufgeflogen. Meine Mutter hat mich nie abgelehnt, sie hat aber gesagt: Ich kannte so etwas nicht! Und auch mein Vater hat mich nicht abgelehnt, der hat ja nun auch mitbekommen, dass sein ältester Sohn die Sachen seiner Frau anzog. In manch anderen Elternhäusern wäre das in dieser Zeit ein Grund zum Rauswurf gewesen. Aber nein, er hat mir ein Gespräch angeboten. Später war es so: Wer zu mir nach Hause kam, wusste, dass ich weiblich bin. Weil ich nicht bereit war, die Rolle des Georgs zu Hause zu spielen. Aber da war ein Kessel, da war ein Deckel drauf, und der Druck ist immer stärker geworden. Meine damalige Lebensgefährtin, die heute meine beste Freundin ist, hat sehr darunter gelitten.

Ich habe mir dann Hilfe gesucht, was ich allen in der Situation empfehlen würde, weil man das nicht allein bewältigen kann. Mit meiner Therapeutin habe ich wöchentlich an mir gearbeitet: Da sind Blockaden im Kopf. Meine Therapeutin war allerdings überrascht, als es dann passiert ist. So rasch hatte sie nicht damit gerechnet. Ich habe nie geplant: Nächste Woche offenbare ich mich. Sondern ich hatte eine Reise gebucht, nach San Francisco. In den Vereinigten Staaten konnte ich mich schon vorher frei als Frau bewegen. Auf dem Weg zum Flughafen traf ich als Georgine gekleidet eine Kollegin am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Ich weiß noch genau, wie ich die Rolltreppe hochkam, da war erst die Kante, dann fuhr die Kante hinunter – und da stand die Kollegin, mit der ich lange in Bonn zusammengearbeitet hatte. In dem Moment wusste ich: Ich möchte mich nicht mehr verstecken. Das war einer der wichtigsten Momente meines Lebens. Ich ging auf die Kollegin zu, sie fragte: „Herr Kellermann?“, und ich sagte: „Ja.“ – „Sind Sie verkleidet?“ – „Nein“, habe ich gesagt. „Ich bin eine Frau.“ Dann gab es einen Moment des Schweigens – nicht des Schreckens, sondern des Begreifens. Dann hat sie gesagt: „Cool.“ Ich bin weiter nach Frankfurt zum Flughafen gefahren, und im Zug habe ich eine Facebookseite gebaut, für Georgine. In dem Moment, als der Zug in den Bahnhof einfuhr, habe ich auf „Veröffentlichen“ geklickt.

Im WDR in Essen haben wir nach meiner Reise eine Konferenz gemacht, es war noch nie so voll im Konferenzraum. Ich habe allen Mitarbeitern Gespräche angeboten – fast alle haben das angenommen. Dann hat die „Aktuelle Stunde“ gesagt: Wir berichten im Allgemeinen nicht über uns selbst, aber in diesem Fall ist es eine Geschichte wert. Der Bericht über mich und meine Offenbarung wurde im Dezember 2019 gesendet. Danach war der Teufel los. Aber im positivsten Sinne!
Georgine Kellermann, 64, ist Leiterin des WDR-Landesstudios Essen und hatte vor zweieinhalb Jahren ihr Coming-out als trans Frau.


Schweizer Agentur Zeam Wie die Welt mit zwanzig aussieht
Geschlechterklischees Wer bin ich? Und überhaupt: Mann oder Frau?

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 10.06.2022 13:34 Uhr