https://www.faz.net/-hrx-93zsu

Achtsame Kosmetik : Balsam für die Seele

  • -Aktualisiert am

Kosmetika gehen aufs Ganze: Nicht nur für die Haut, auch für die Seele sollen die neuen Produkte gut sein. Die Ideen hierzu kommen aus dem spirituellen Bereich. Bild: Sea Buck

Achtsamkeit geht in eine neue Runde: Kosmetika sollen nun auch glücklich machen. Das Seelenheil versprechen buddhistische Cremes und Wässerchen aus Klöstern.

          Frisch und säuerlich fruchtig duften die Cremes und Lotionen, die Human Afschari seinen Gästen strahlend zum Schnuppern und Ausprobieren reicht. Entfernt weckt der Geruch Assoziationen an die gesunde Sanddornschnitte aus dem Reformhaus. Und tatsächlich bildet die orangefarbene Frucht die Essenz der vor kurzem gegründeten Schönheitsmarke namens Sea Buck, die Afschari unlängst in Berlin präsentiert hat.

          Trotz Duft und Öko-Zertifikat: Bei seinen pflegenden Tinkturen handelt es sich unverkennbar um Luxusprodukte mit stolzen Preisen, die in feinen silber- und goldfarben schimmernden Tiegeln in der intimen Runde jetzt begeistert von einem zum nächsten gereicht werden. An diesem Nachmittag sind viele neugierig auf die Produkte - in einer Stadt wie Berlin, in der beinahe stündlich jemand auf die Idee für neue Produkte kommt, ist das durchaus ungewöhnlich.

          Allein die Ankündigung einer neuen Naturkosmetikmarke reicht nicht. Zumal wenn der Firmensitz in der Schweiz liegt. Das Interesse an Sea Buck erklärt sich also am besten durch den Gründer selbst. Human Afschari ist nämlich praktizierender Buddhist. Für den Anlass der Neueinführung hat sich Afschari in sein orangefarbenes buddhistisches Gewand gehüllt. Bestens gelaunt, mit blankpoliertem Kopf und in traditioneller Montur, wirkt diese Frohnatur fast schon wie die quietschfidele menschliche Inkarnation des lachenden Buddha.

          Er strahlt etwas Gutmütiges aus. Kaum verwunderlich, dass einige der buddhistischen Sanddorncremes an diesem Nachmittag praktisch schon geordert sind. Wer käme auch nicht in Versuchung? Immerhin könnte man die Cremes sogar verzehren, so reich an natürlichen und gesunden Inhaltsstoffen sind sie.

          Das schöne Event hinterlässt aber kurzzeitig einen faden Beigeschmack - denn absurd ist die Szenerie bei allem Bohei dann doch. Wird hier von guter Haut oder dem guten Geist gepredigt? Der Umgang mit Beauty mag für einige schon eine Ersatzreligion sein. Aber müssen die Produkte dazu wirklich angepriesen werden, als wären es Reliquien? Und überhaupt: Was hat der Buddhismus im Badezimmerschrank verloren?

          Mit seinem buddhistisch-holistischen Konzept ist Afschari nicht allein. Spirituelle Kosmetika und Pflegeprodukte erleben einen Boom. Der Trend kommt natürlich mal wieder aus den Vereinigten Staaten. Dort füllen magische Puder, Karma-Tinkturen, schamanische Lotionen, Mondschein-Extrakte oder Produkte aus Klöstern die Regale. Neuerdings machen sogar Hexentinkturen schön. Wenn das so weitergeht, kommt bald keine Handcreme mehr ohne transzendentalen Überbau aus - und aus der menschlich-allzumenschlichen Hand wird flugs die Hand Gottes.

          Ein praktizierender Buddhist als Gründer von Sea Buck: Im kargen Himalaja-Gebiet stieß Human Afschari auf Sanddornnbäume - und auf eine neue Aufgabe.

          „Spiritualität ist nichts Neues, aber mehr denn je suchen Menschen nach neuen Wegen, zu Erfüllung zu gelangen und den Sinn ihres Selbst zu finden, um den Ansprüchen der Gegenwart gerecht zu werden“, heißt es im 2016 erschienenen „The New Spirituality Report“ eines New Yorker Trendforschungskollektivs.

          Schuld sind auch in diesem Fall mal wieder die beschleunigte Leistungsgesellschaft und der Verlust der guten alten Werte. Es entsteht ein metaphysisches Vakuum, das durch die neuen Glücklichmacher angefüllt wird. Auf der Suche nach Sinn kommt dem gestressten Großstädter die Spiritualität gerade recht. Wenn sie obendrein einen Zweck hat, nämlich schöner macht - umso besser.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.